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Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht

08.03.2010 ·  Mit einer "Trilogie der Frauen" will die Staatsoper Hamburg an ihre große Uraufführungstradition anknüpfen

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Gelegentlich muss man auch für eine Musikbühne wie die Hamburgische Staatsoper die Maßstäbe etwas zurechtrücken. Das Haus gehört seit den Tagen Günther Rennerts, also in den fünfziger Jahren, zu den führenden Operntheatern nicht nur Deutschlands, sondern in der Welt. Rennert, dann für zwei Intendanzen Rolf Liebermann, Christoph von Dohnányi, später Peter Ruzicka und Gerd Albrecht, schließlich Ingo Metzmacher mit Peter Konwitschny haben der Hamburger Oper einst ein unverwechselbares und modernes Profil verliehen. Wolfgang Rihms "Mexiko"-Oper, Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" - das waren nur zwei Beispiele für wegweisendes aktuelles Musiktheater; an Liebermanns Uraufführungsfluten mag man schon gar nicht dabei denken - manche Eintagsfliege war dabei, aber doch auch viele repertoiretaugliche Werke.

Wenn jetzt die Hamburgische Staatsoper eine "Weltpremiere" annonciert und darauf hinweist, dass Oscar Strasnoys Einakter "Le Bal" erstmals seit 1997 wieder eine Auftragskomposition des Hauses sei, dann darf man diesen Stolz vor dem Hintergrund der großen Vergangenheit des Hauses doch wohl als ein wenig übertrieben bezeichnen. Das Hamburger Musiktheater hat im Augenblick jedenfalls nahezu alles von seiner einstigen Ausstrahlung verloren. Woran das liegt? Das knapper gewordene Geld wird ja immer gern als alleinige Entschuldigung angeführt. Was sicher so nicht stimmt.

Nun also "Le Bal". Für die Premiere am Vorabend des Internationalen Frauentages am 8. März hatte sich Hamburgs Intendantin und Generalmusikdirektorin Simone Young ein spezielles Opernthema ausgedacht: Frauen, die im Zentrum von drei Kurzopern stehen. Strasnoys "Le Bal" wurde folglich flankiert von zwei psychodramatischen Schwergewichten, von Arnold Schönbergs Monodram "Erwartung" aus dem Jahr 1909 und Wolfgang Rihms "Das Gehege" mit dem Untertitel "Eine nächtliche Szene aus ,Schlusschor' von Botho Strauß". Rihm hatte das Werk als Kontrapunkt zu einer Münchner "Salome"-Aufführung 2004/2005 geschrieben. Strasnoys "Le Bal" stand gleichsam als Satyrspiel zwischen den beiden anderen Stücken des Abends.

Oscar Strasnoy, geboren 1970 in Buenos Aires, mit neunzehn Jahren nach Paris übersiedelt, wo er zwanzig Jahre lebte (seit kurzem wohnt er in Berlin), griff für seine Oper auf eine Erzählung der russisch-französischen Schriftstellerin Irène Némirovsky zurück; die Autorin wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Aus dem Buch fertigte Matthew Jocelyn das Libretto für Strasnoy. Erzählt wird das Schicksal der vierzehnjährigen Antoinette und deren Mutter namens Rosine nebst Vater Alfred, die im Paris der zwanziger Jahre endlich, ihrem plötzlichen Reichtum entsprechend, in die feinere Gesellschaft aufsteigen möchten. Zu diesem Zweck laden sie zweihundert Persönlichkeiten aus Hoch- und Geldadel zu einem Ball in ihr vornehmes Domizil ein. Mutter Rosine begeht dabei zwei schwerwiegende Fehler: Sie will ihre Tochter von der Teilnahme an der Festlichkeit ausschließen, was diese empört und auf Rache sinnen lässt. Fehler Nummer zwei: Antoinette soll die Briefe zur Post tragen, wirft diese stattdessen aber bösartigerweise in die Seine. Die Folge: Niemand erscheint zum "Ball", lediglich die Klavierlehrerin findet sich ein. Die Dame des Hauses bricht zusammen, der Vater knallt hinter sich die Tür zu, Antoinette triumphiert. Die Emporkömmlinge sind wieder dort angelangt, wo sie vormals standen - draußen vor der Tür.

Die Erzählung der Némirovsky basiert auf Erfahrungen, die sie als Jüdin im Paris der zwanziger Jahre machen musste. Im Libretto der Oper erscheint das Thema ziemlich beiläufig. Als existentielles Trauma in einer bösartig-grotesken Komödie tritt es kaum in Erscheinung. Die Adoleszenzkümmernisse der Tochter und das geltungssüchtige Herumfuchteln der Mutter bilden das Zentrum der Geschichte, die bei fortschreitender Handlung immer mehr Züge einer Farce annimmt, immer flacher, umständlicher, zähflüssiger wirkt. Brecht hat in seiner "Kleinbürgerhochzeit" den verquälten Ehrgeiz kleiner Leute dramaturgisch entschieden prägnanter getroffen. Alexander Zemlinskys Infantin im "Zwerg" erscheint viel raffinierter als diese harmlose Antoinette, die nur einen kleinen gemeinen Streich ausübt. Und an die surreale Hintergründigkeit der "Stühle" von Ionesco darf man schon gar nicht denken, wo die beiden alten Leute unzählige Sitzmöbel für eine geladene Gesellschaft zurechtrücken, die gar nicht existiert.

Als Komponist nimmt Oscar Strasnoy die ganze Geschichte leicht und heiter. Nichts Giftiges kommt ihm in den Klangsinn. Ein bisschen Richard Strauss, auch Rossini tönt auf. Die Operette liefert etwas Demimonde-Farben, natürlich auch die Tanzrhythmen der "Golden Twenties". Alles wird durchaus geschickt arrangiert und mit eigenen Ideen verquirlt. Den Sängern komponiert Strasnoy hübsche irische Volksmelodien in die Kehle, auch viel Melodisches und Hochvirtuoses. Es ist immer etwas los. Nur was?

Librettist Matthew Jocelyn hatte auch die Regie übernommen. Auch er quirlt in den Bühnenbildern von Alain Lagarde munter herum. Das zuverlässig besetzte Ensemble liefert ihm die nötige Spielfreude. Simone Young dirigiert schwungvoll und pointiert - ob mehr in der Musik steckt, müsste freilich eine weitere Aufführung zeigen.

Dass man Strasnoys Ball-Groteske zwischen zwei Monumente einzwängte, bekam dem Werk nicht gut. Deborah Polaski sang die Rolle der Frau in "Erwartung" mit der ihr eigenen Intensität. Hellen Kwon faszinierte als "Die Frau" in Rihms "Gehege". Dass Schönbergs "Wald" einmal mehr in einer Irrenanstalt inklusive elektrischen Stuhls verschwand, ist heutzutage wohl unvermeidbar. Es lebe das Regisseurstheater. GERHARD ROHDE

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