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Finger weg von starken Drogen

13.02.2009 ·  Und bitte nicht immer das Pedal bedienen: Nikolai Demidenko spielt die 24 Préludes op. 28 von Chopin absolut locker und unsentimental.

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Mit der Veröffentlichung seiner Préludes op. 28 hatte Frédéric Chopin anno 1839 ein Musterbuch seiner Schreibarten vorgelegt. Das Problem: Es waren quasi Muster ohne Wert. Nichts Vorbildhaftes, allgemein Gültiges findet sich in diesem Klavierzyklus, keine sinnstiftende harmonische Ordnung, sieht man ab vom äußerlichen Korsett des Quintenzirkels. Eine große Unordnung disparater Individualitäten gräbt sich ihr Bett. Gleich im zweiten Stück, dem langsamen a-Moll-Prelude, läutet die Totenglocke für die bis dahin bekannte Tonalitätswelt. Es folgen Etuden, Wiegenlieder, Mazurken, Balladen, teils wie Fingerübungen, teils Improvisiertes, Fragmentarisches.

Dennoch war schon den Zeitgenossen klar, dass irgendwo über diesen vierundzwanzig Klavierstücken in allen Dur- und Molltonarten auch noch der Schatten des alten Johann Sebastian schweben musste. "Von den neuen Compositionen Chopins haben wir eine merkwürdige Sammlung von Präludien zu erwähnen. Gesteh' ich, dass ich mir sie anders dachte und wie seine Etuden im größten Styl geführt!", schrieb Robert Schumann, einer der ersten Rezensenten, der so verwirrt war, dass er schriftlich zu stottern begann und aus Versehen die alte Goethesche Krankheitsmetapher wieder benutzte, mit der die romantische Instrumentalmusik (auch seine) gerne ausgegrenzt wurde: "Beinahe das Gegenteil; es sind Skizzen, Etudenanfänge, oder, will man, Ruinen, einzelne Adlerfittige, alles bunt und wild durcheinander. Aber mit feiner Perlenschrift steht in jedem Stücke: ,Friedrich Chopin schriebs!' Er ist und bleibt der stolzeste Dichtergeist der Zeit. Auch Krankes, Fieberhaftes, Abstoßendes enthält das Heft; so suche jeder, was ihm frommt." Und so geschah es.

Bis heute tauchen diese Préludes im Konzertsaal als Einzelgänger auf, eher selten als Zyklus zu hören, häufig als Zugaben. Und bis heute ist es nicht geglückt, alle Querbezüge und Motivzusammenhänge zwischen den Einzelsätzen aufzuklären oder gar auf die Reihe zu bringen. Kontrapunktik spielt bei Chopin keine Rolle mehr, ebenso wenig die planvolle Organisation der harmonischen Fortschreitungen. Ist in Bachs Wohltemperiertem Klavier das Präludium immer noch ein Eröffnungsstück, ein Vorspiel zur Fuge, so wird bei Chopin das Präludium als Gattung neu definiert. Es steht für sich allein, als eigenständige Form. Jede neue Nummer verfolgt eine neue, andere Idee. Die kürzeste hat nur dreizehn Takte. Das längste Stück in Des-Dur (mit den penetrant auf den Tisch des Hauses pochenden Achtelketten, als "Regentropfenprelude" bekannt geworden) dauert in der Neueinspielung von Nikolai Demidenko länger als sechs Minuten. Vladimir Horowitz hatte nur etwas mehr als fünf dafür gebraucht. Und Alfred Cortot, der alte Mogelvogel, war in seiner legendären Londoner Einspielung 1933/34 schon in vier Minuten und dreiundvierzig Sekunden fertig, obgleich kaum einer sonst sich so viel Zeit nahm für die kurzen Päuschen in der rechten Hand und die Fermate, neun Takte kurz vor Schluss. Ein "Slentando" befahl Chopin an dieser Stelle: "langsamer werden". Demidenko legt das genauso streng aus wie Cortot, nur umgekehrt: kürzt aphoristisch die Pause und verlängert für eine halbe Ewigkeit die unsichtbare Fermate auf dem hohen b. Wenn er Rubato spielt, dann großzügig. Aber bloß keine Dauermedikation mit dieser starken Droge! Und ja kein Pedal!

Andere Pianisten, zum Beispiel Demidenkos exzentrischer russischer Kollege Grigory Sokolov, retten sich immer wieder ins Pedalspiel, wenn es darauf ankommt, Ausdruck in die Tasten zu zwingen. Besonders unangenehm fällt das auf bei dem jungen französischen Talent Alexandre Tharaud, der zunächst zu viele Vorschusslorbeeren bekommen hatte für sein originell zusammengestelltes Couperin-Album und dann vor einem Jahr mit seiner mechanisch-überakzentuierten Einspielung der Chopinschen Préludes (Harmonia mundi 901982) scheiterte. Man kann ihm zugutehalten, dass er damit in allerfeinster Gesellschaft ist. Denn anders als im Konzertsaal messen sich die Pianisten im Studio immer wieder gerne an diesem Zyklus in Gänze, arbeiten sich ab an der Herausforderung dieser poetischen Lakonien, wobei seit Cortot keiner dieser Versuche mehr als wirklich geglückt bezeichnet werden kann, nicht einmal der emphatische Wurf des jungen Maurizio Pollini vor vierundzwanzig Jahren (der dankenswerterweise immer noch im Katalog steht: DG 413 762).

Weil nun Nikolai Demidenko neuerdings, wie auch schon die Geigerin Viktoria Mullowa und die Sopranistin Christine Schäfer, bei dem kleinen britischen "Designerlabel" Onyx gelandet ist, das seinen Künstlern einerseits alle Freiheiten, andererseits aber auch das Risiko der Produktion überlässt, hat man hierzulande noch gar nicht richtig mitbekommen, dass da gerade eine neue maßstäbliche Einspielung dieses Chopinschen OEuvres vollendet wurde.

Demidenko spielt locker, nüchtern, durchsichtig und völlig frei von jeder Sentimentalität. Er übertreibt nie. Er unterschlägt nichts. Diese radikale Gewissenhaftigkeit gegenüber jedem Detail, dazu der klar leuchtende Klavierton, die schwebende Klanglichkeit waren auch schon in jenem Chopin-Recital zu bemerken, das er vor zwei Jahren beim Münchner Label AGPL herausgebracht hatte (F.A.Z vom 3. Februar 2007), und beseelen auch zum Beispiel das stolperig-freche Mini-Scherzo in der dritten Klaviersonate.

Demidenko benutzt wieder einen seiner Lieblingsflügel von der italienischen Firma Fazioli, die er einmal mit einem Ferrari verglichen hat: Sie seien zwar "übersensibel", aber es lasse sich "viel aus ihnen herausholen". Sicher, die atemraubende Virtuosität in den Showpieces, etwa dem Presto con fuoco b-moll, versteht sich für einen russischen Meisterschüler von Anna Kantor und Dimitri Bashkirov vielleicht von selbst. Doch der "Dichtergeist" und die poetische Inspiration, mit der hier jede einzelne Idee durchgestaltet wird, so dass sie auch den großen Bogen trägt, der alle vierundzwanzig Préludes umspannt: Das ist schon etwas Besonderes. Eleonore Büning

Frédéric Chopin, 24 Préludes op. 28. Klaviersonate Nr. 3 h-Moll op. 58. Nikolai Demidenko. Onyx 4036 (Codaex)

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