Home
http://www.faz.net/-1vs-6k0c3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Fast alles ermittelt

07.07.2010 ·  Die Tucholsky-Editorin Antje Bonitz ist gestorben

Artikel Lesermeinungen (0)

Die Editionsphilologie hat keinen leichten Stand. Wenn die wissenschaftliche Arbeit mit den Textbeständen dieser Welt sich in immer neuen "Turns" im Kreise dreht, leidet die Wertschätzung für den akribischen Chronisten, der in historischen Linien und Räumen denkt. "Wissenschaftliche Selbstbefriedigung zum Preis einer Tiefkühltruhe" hat ein Kritiker die nunmehr im Abschluss befindliche Gesamtausgabe der Texte und Briefe Kurt Tucholskys genannt. Menschen, die hinter der editorischen Kärrnerarbeit etwa zu Rilke, Hofmannsthal oder Conrad Ferdinand Meyer stecken, sind kaum bekannt. Wer sich im Betrieb profilieren will, wird das nicht mit einer Werkausgabe tun.

Fritz J. Raddatz gebührt das Verdienst, Tucholsky für den Leser der Bundesrepublik erschlossen zu haben. Die historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung des OEuvres ist in allererster Linie Antje Bonitz zu danken. Die wissenschaftliche Bibliothekarin kam über das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, wo sie das Tucholsky-Archiv betreute, zu ihrem Lebensthema. 1991 legte sie gemeinsam mit Thomas Wirtz eine dreibändige Tucholsky-Bibliographie vor. Im selben Jahr begann sie zusammen mit Michael Hepp die Arbeit an der im Rowohlt Verlag erscheinenden Tucholsky-Ausgabe, die von einem interdisziplinären Team an der Oldenburger Universität erstellt wird. Die Professoren Dirk Grathoff und Gerhard Kraiker komplettierten das Herausgeberquartett.

In den folgenden Jahren warb Antje Bonitz mit Leidenschaft, Mutterwitz und unbequemen Fragen dafür, im voluminösen Kommentarteil erst dann mit einem "Nicht ermittelt" zu resignieren, wenn alle erdenklichen Recherchewege erfolglos beschritten waren. Sie war eine Meisterin des schlechten Gewissens - sich selbst gegenüber wie auch den vielen Bearbeitern der zweiundzwanzig Text- und Briefbände, die sie immer wieder dazu antrieb, nach Hinweisen und Lösungen zu suchen, die in alten Zeitungen, Archiven und Nachlässen verschüttet sind.

Das beeindruckende Produkt ihrer kompromisslosen Gründlichkeit findet in diesem Jahr seine Vollendung. Mit Band 15 erscheint einer der interessantesten Bände, der nachgelassene, großteils unbekannte Texte präsentiert. Mit dem Politikwissenschaftler Kraiker erlebt nur einer der vier Hauptherausgeber den Abschluss der Edition. Am 28. Juni ist Antje Bonitz, wie jetzt bekannt wird, in ihrer Heimatstadt Emden im Alter von fünfundsechzig Jahren verstorben. VIKTOR OTTO

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel