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Facebook macht keine Revolution

02.06.2011 ·  Der Netzkritiker Evgeny Morozov holt die Netzträumer auf den Boden der Diktatur

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Wer glaubt, dass Facebook und Twitter Revolutionen entfachen, wird enttäuscht, wenn er dem weißrussischen Blogger und Netzkritiker Evgeny Morozov zuhört: Mit seinem neuen Buch "The Net Delusion", das er am Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik vorstellte, versetzt er jene Besucher in Unruhe, die krampfhaft an die These glauben, dass die Neuen Medien spontane Revolutionen ermöglichen, die sonst nicht möglich gewesen wären. Das stimme nur bedingt, sagt Morozov. Denn am Ende muss ein Umsturz nicht virtuell, sondern in der realen Welt erfolgen, und das bedarf eines geistigen Nährbodens, den das Internet nicht zu erschaffen vermag.

Jetzt könnte man einwenden, dass Facebook der erste Schritt ist, und alle anderen Schritte erfolgten dann auf den Plätzen der diktatorisch regierten Länder der Welt. Falsch, sagt Morozov. Wer sich tatsächlich mit der Ökonomie des Zusammenbruchs befasse, werde feststellen, dass es eine seriöse Struktur von Eliten geben muss, die den Protest bündelt, organisiert und steuert, bevor es zum Aufbegehren kommt. Spontaneität ist also das Resultat eines durchdachten Fahrplans, dem eine reale Unzufriedenheit vorangeht: ökonomische Frustration und Perspektivlosigkeit. Ein Gemisch, das auch vor dem Internetzeitalter Umstürze motivierte.

Das wäre nicht weiter ernstzunehmen, wenn die Vorstellung der Cyber-Utopisten nicht dazu führte, dass westliche Beobachter den Neuen Medien eine größere Rolle zuschreiben, als sie verdienen. Deshalb kommt es zu dem irrsinnigen Prozess, dass amerikanische Geldgeber und die Europäische Union - etwa in Weißrussland - Blogger in Trainingscamps schicken und oppositionelle Websites finanzieren, anstatt das knappe Geld zur Verbesserung der demokratischen Infrastruktur zu verwenden. Parteien und Vereine müssten unterstützt werden, sagt der ehemalige NGO-Aktivist, damit sich subversive Kräfte überhaupt erst bilden und formieren können. Kritisches Denken will gelernt sein.

Auch Facebook sollte man skeptisch gegenübertreten, sagt Morozov, denn das Web-2.0-Imperium sei in erster Linie ein Unternehmen, das Geld verdienen will. Allein der Blick auf China sei desillusionierend: Die großen Internetkonzerne wie Google wandeln auf einem schmalen Grat zwischen Informationsbeschaffung und Selbstkasteiung, indem sie im Zweifelsfall die diktatorische Politik der lokalen Regime unterstützen, also kritische Seiten zensieren und sich an die Regeln der despotischen Länder halten, um am Markt bleiben zu dürfen. Besonders interessant war Morozovs Einschätzung von Marc Zuckerbergs Haltung gegenüber dem arabischen Frühling: Es sei konsequent, dass der Vorstandsvorsitzende von Facebook jüngst die Rolle seines Unternehmens bei den Umstürzen herunterspielte. "Zuckerberg betont, dass die Revolutionen in Arabien auch ohne Facebook stattgefunden hätten. Das hat ökonomische Gründe." Würde nämlich Facebook ausschließlich als Revolutionsportal wahrgenommen, müsste es sich von den Märkten in den repressiven Staaten zurückziehen.

Doch der Weißrusse erkennt noch größere Gefahren: Die Informationen, die oppositionelle Kräfte im Internet streuen, werden oftmals gegen sie verwendet. Kritische Blogger machen ihre Pläne öffentlich und verschaffen so dem Regime Informationsvorteile - zu viel Transparenz zerstöre also Strukturen, anstatt sie aufzubauen. In Tunesien und Ägypten spielte das Internet eine so große Rolle, weil die Regimes keine professionellen Kontrollinstanzen hatten. Das sei in Iran oder China anders: Dort werden Blogger bezahlt, um oppositionelle Netz-Aktivisten zu überwachen und zu verfolgen, prodiktatorische Botschaften zu verbreiten und Regimekritiker im Internet zu diskreditieren. Das funktioniere erstaunlich gut, sagte Morozov, weshalb er einen an Arabien orientierten Umsturz in China für nahezu unmöglich hält. Dort diene das Internet einem für Diktaturen unverzichtbaren Zweck: der aggressiven Propaganda. TOMASZ KURIANOWICZ

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