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Erreicht dieses Land das Monatsende?

30.06.2010 ·  Kredite, Pfändungen, Schuldenberge: Gleichgültig, ob Spanien Europas Rettungspaket benötigt oder nicht, die Menschen zerbrechen an der Last.

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MADRID, 30. Juni

Die Kleinen sind es, die Mittleren sind es, und die Großen sind es: verschuldet. Lange Zeit hat es in Spanien kaum jemanden bedrückt, in der Kreide zu stehen. Im Schatten der Kredite lebte es sich komfortabel, wenn man darüber hinwegsah, dass man strenggenommen noch nicht besaß, was man da gerade bewohnte oder verbrauchte. Meistens ist der Wohnungskauf - rund achtzig Prozent der spanischen Bevölkerung finden ihn so natürlich wie das Atmen - ja sinnvoller als Mieten, weil realer Wert geschaffen wird. Sind wir Deutschen dumm, dass wir mehrheitlich zur Miete wohnen? Spanier würden das sofort bejahen. Kredite zu bedienen ist bei ihnen der Normalfall. Leben heißt, einen permanenten Vorschuss zu empfangen.

Doch in den letzten Wochen, da Spanien mit der Zahlungsunfähigkeit in Zusammenhang gebracht wird und die Rede vom europäischen Rettungsschirm ist, entdecken manche, in welcher dramatischen Lage sie stecken. Damit sind alle gemeint, der Staat, die Finanzinstitute, die Firmen, die Privathaushalte. Zusammen bringen sie eine Verschuldung von 390 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts auf die Waage - einen Anteil, der doppelt so hoch liegt wie in Deutschland. Ein Mitarbeiter des portugiesischen Investmenthauses Banco Espirito Santo in Madrid berichtet, nicht nur das Vertrauen unter den Kreditinstituten, sondern auch in die Regierung sei verschwunden. Leider, so der Banker, sei auch von der politischen Opposition keine Stabilität zu erwarten.

Walter Marquardt, Geschäftsführer der Liebherr-Niederlassung in Madrid, sieht gerade im Misstrauen die große Gefahr. "Es geht uns mit dem Verkauf von Baumaschinen gar nicht so schlecht", sagt er. "Aber ein einziger pessimistischer Zeitungsbericht in der deutschen Presse, und ich muss um meine nächsten Kredite viel härter kämpfen. Es gibt zu viel Schwarzseherei." Unterdessen sacken die Umfragewerte für Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero unaufhaltsam ab. Sein Parteifreund Felipe González sagte sogar öffentlich, die Krise habe beim Regierungschef körperliche Spuren hinterlassen.

Vertreter der Zapatero-Regierung dementieren, dass Spanien das europäische Rettungspaket in Anspruch nehmen muss. Der Leiter einer Madrider Bank sagt dazu: "Abwarten. Geld muss her. Hier leiht sich keiner mehr etwas. Aber man darf die Finanzmärkte auch nicht beunruhigen. Wissen Sie, was die Zeitung ,El Mundo' nach der Alarmnachricht über Spanien in der F.A.Z. geschrieben hat? ,Die Deutschen lieben uns nicht mehr.' Dafür hat unser Schiedsrichter der deutschen Mannschaft ein paar Gelbe Karten gezeigt und Klose vom Platz gestellt. Aber eigentlich galt die Gelb-Rote Karte Angela Merkel."

Was ist schiefgegangen? Das Land ist in den Immobilienboom gerollt und hat Teile der Mittelschicht wohlhabend werden sehen, ohne den Arbeitsmarkt zu modernisieren und Strukturreformen umzusetzen. Jetzt spottet die Opposition, man habe sowohl die schönsten Gehsteige als auch die höchste Arbeitslosigkeit der Euro-Zone. Wenn es an der Börse rappelt wie gerade am Dienstag, dann vor allem in Spanien, wo der Ibex 5,45 Prozent verlor und Bankaktien bis zu acht Prozent nachgaben. Man hangelt sich von einem Tilgungstermin zum nächsten, und ein Ende der Zitterpartie ist nicht abzusehen.

Doch die Schuld tragen alle. Konsumieren, Urlaub machen auf Pump, der Tochter eine Wohnung kaufen: fünfzehn Jahre lang war die Immobilie als Spekulationsobjekt ein sicherer Tipp. Dann spielten auch jene verrückt, die das spanische Wohlstandsmärchen angeheizt hatten: die Immobilienfirmen selbst. Der spektakuläre Zusammenbruch des Unternehmens Martinsa-Fadesa, das soeben noch einen großen Konkurrenten geschluckt hatte und im Sommer 2008 zahlungsunfähig war, war eine schrille Alarmglocke.

Die großen Player von damals haben längst die Reißleine gezogen. Der Immobilienkonzern Realia, an dem die Sparkasse Caja Madrid beteiligt ist, wies 2009 einen Jahresverlust von 54 Millionen Euro aus. Um sich refinanzieren zu können, begann das Unternehmen, in Sevilla und Barcelona Immobilien in bester Geschäftslage zu verkaufen. Besonders deutsche und britische Immobilienfonds stoßen in die Lücke. Nachdem der DekaBank-Konzern letztes Jahr für 82 Millionen Euro ein Bürogebäude an Barcelonas Plaça de Catalunya erworben hat, geht nach spanischen Berichten auch ein achtstöckiges Prestigeobjekt an der Avenida Diagonal für rund 150 Millionen Euro an Deka. Man darf es als Ironie auffassen, dass in dem glitzernden Bürokomplex früher die Caja Madrid ihren Sitz hatte. Nicht gerade diese, aber zahlreiche andere spanische Sparkassen werden gerade im Eilverfahren wegfusioniert.

Am anderen Ende der Verwertungskette stehen die Käufer von Privatimmobilien, Kreditnehmer und kleine Schuldner. Ein Konzern wie Realia kann seine Kronjuwelen veräußern oder Eigenheime mit Preisnachlässen abstoßen, ohne sich zugrunde zu richten. Aber der Durchschnittsspanier, der seine Arbeit verliert, trägt eine Kreditlast, unter der er zusammenbricht. Er "erreicht nicht mehr das Monatsende", wie es in einer sprichwörtlichen Wendung heißt, die nichts mit Sparen, sondern nur noch mit Durchkommen zu tun hat.

Jene, die es heute wirklich nicht mehr schaffen, bilden ein täglich wachsendes Heer. Nach den Zahlen des Nationalen Instituts für Statistik haben fast vierzehn Prozent aller spanischen Familien Schwierigkeiten, "das Monatsende zu erreichen". Einer von drei Haushalten gab an, unvorhergesehene Kosten nicht mehr schultern zu können. Der schlimmste Trend beschwört tragische Szenen herauf: Seit 2006 hat sich die Zahl der Wohnungspfändungen in Spanien vervierfacht. Im zweiten Quartal 2009 etwa waren es zweihundertfünfzig am Tag.

Zu den Experten an vorderster Front gehört die Kreditagentur Agencia Negociadora de Productos Bancarios (ANPB) in Madrid, die bei Zahlungsproblemen berät und die Zusammenfassung von Schulden durchführt. Rund neunzig Prozent der Kredithaie, windigen Broker und selbsternannten Berater sind in der letzten Zeit vom Markt der Hauptstadt verschwunden. Übrig geblieben ist eine Handvoll Firmen, die überwiegend seriös und transparent arbeiten. Ein Mann kommt zu dieser Kreditagentur und blättert sein monatliches Abgabenpaket auf: ein Hauskredit, drei weitere Kredite für Konsumgüter, drei oder vier verschiedene Kreditkarten mit Zinsen von bis zu achtzehn Prozent. Da kann man leicht den Überblick verlieren. Wenn der Mann früh genug handelt, kann er von seinem aktuellen Kreditberg auf einen Kredithügel heruntersteigen. Die Agentur verhandelt mit den Banken, packt die Schulden zu einem einzigen Paket mit niedrigeren Zinsen zusammen, rechnet auch das eigene Honorar mit hinein und sorgt dafür, dass der Mann bei längerer Kreditlaufzeit eine deutlich niedrigere Tilgungsrate bezahlt. Überleben heißt, das Ende des Monats zu erreichen.

"Es fängt damit an", so Pressesprecher Pedro Javaloyes, "dass die Menschen keine Ahnung von Zinsen und Kommissionen haben. Sie schließen Verträge, die ihnen Nachteile bringen, und in schwierigen Zeiten verlieren sie den Überblick. Auch wohlhabende Kunden kommen zu uns, wenn sie sich übernommen haben. " Die Verschuldung privater Haushalte, so scheint es, ist nicht an Armut, sondern an zu plötzlichen Wohlstand geknüpft. Bis die amerikanische Finanzkrise auch in Spanien durchschlug, dauerte es bis zum Jahr 2008. Zwischen 2005 und 2010 jedoch, also noch tief in den "guten" Jahren, hat sich die Schuldensumme der spanischen Familie praktisch verdoppelt. Selbst wenn man die Belastung durch Baukredite nicht mitrechnet, ist die Zahl gigantisch. Heute sind spanische Privathaushalte mit Krediten von fast fünfzig Milliarden Euro beladen. Zwei Drittel aller spanischen Familien bedienen drei oder mehr Kredite. "Wir befinden uns in einem nationalen Notstand", sagt Javaloyes, "wir sitzen alle im selben Bus. Und wir haben alle denselben Fahrer." Er hätte gern, dass der Staat ein Gütesiegel für die Qualität von Finanzvermittlern einführt und deren Rolle stärkt. Aber das wird nicht so bald geschehen. Wen die Schulden strangulieren, der muss selbst sehen, wie er seinen Hals rettet.

"Und noch etwas", sagt Pedro Javaloyes, "ich wäre dafür, auf spanischen Autobahnen die Geschwindigkeitsbegrenzung aufzuheben. Deutschland macht das genau richtig." - "Sehr interessant. Wollen wir ein andermal darüber sprechen?" PAUL INGENDAAY

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