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Erben allein genügt nicht

23.09.2009 ·  Damenwahl: Irina Bokova leitet die Baustelle Unesco

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GENF, 23. September

Es muss Gott sei Dank nicht gewürfelt werden. Im fünften und letzten Wahlgang hat sich die Bulgarin Irina Bokova mit einunddreißig Stimmen gegen Faruk Hosni durchgesetzt. In der vierten Runde lagen beide gleichauf. In den Wahlgängen zuvor führte Hosni mit großem, aber ungenügendem Vorsprung. Als haushoher Favorit war er mit der Unterstützung von Gastgeber Frankreich, ohne die er gar nicht erst kandidiert hätte, an den Start gegangen. Und hätten nicht Claude Lanzmann, Bernard-Henri Lévy sowie Elie Wiesel Ende Mai einen Appell gegen ihn veröffentlicht, wäre Faruk Hosni ohne jeden Zweifel zum nächsten Oberhaupt der UN-Organisation für Kultur, Erziehung, Wissenschaft gewählt worden. Und vielleicht wäre er sogar ein sehr guter Generalsekretär geworden.

"Darf denn kein Araber Unesco-Chef werden?" war in den vergangenen Tagen, da eine mögliche Niederlage des Ägypters sich langsam abzuzeichnen begann, immer öfter zu hören. Von seinen Anhängern wurde Hosni im Voraus zum Opfer einer Kampagne jüdischer Intellektueller stilisiert. Auch von einer Verschwörung war die Rede. Hosni selbst sind solche Kategorien nicht ganz fremd. Er hatte vor Jahren die "Unterwanderung der internationalen Medien durch die Juden" angeprangert. Jüngeren Datums ist seine Äußerung, er würde allfällige jüdische Bücher in der Bibliothek von Alexandria eigenhändig verbrennen. Dieses Zitat heizte die Debatte an. Zweimal legten Lanzmann und Bernard-Henri Lévy nach. Stunden nur vor der Stichwahl veröffentlichte BHL auf seiner Homepage einen - nicht von ihm geschriebenen - Artikel, in dem Faruk Hosni im Umfeld der Entführung der Achille Lauro auch noch eine aktive Komplizenschaft mit Terroristen unterstellt wird.

Man kann diesen Eifer eines Intellektuellen, der seinerseits freies Geleit für den Rotbrigadisten Cesare Battisti fordert, durchaus für etwas übertrieben halten. Doch es bleibt das Verdienst, eine notwendige Diskussion angestoßen zu haben. Sie hat die deutsche Haltung in der Wahl geprägt und Frankreich bis zuletzt nicht von seiner Unterstützung des Ägypters - aus Sorge um die Mittelmeerunion - abgehalten. Der noble Rückzug der österreichischen EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner, die ausdrücklich zur Verhinderung von Faruk Hosni angetreten war, hat die Weichen gestellt. Es ging letztlich nicht um die skandalösen Zitate, die ihm der Nazi-Jäger Serge Klarsfeld verziehen hatte. Sondern um die mangelnde Eignung des Kulturministers einer Diktatur für das höchste kulturpolitische Amt der Welt - zu den vielen Aufgaben der Unesco gehört die Verteidigung der Denk- und Meinungsfreiheit.

Die Wahl einer Frau ist keine Diskriminierung der Araber. Die bulgarische Politologin und Diplomatin Irina Bokova hatte in Moskau studiert und war in den achtziger Jahren Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Aus der überzeugten Kommunistin wurde eine engagierte Europäerin, deren Wahl von Simone Veil, der langjährigen Präsidentin des Europa-parlaments und Überlebenden von Auschwitz, unterstützt wurde. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer bekommt die Unesco, die nach dem Krieg aus einer vom Philosophen Henri Bergson gegründeten Organisation für die intellektuelle Zusammenarbeit hervorging und deren erster Präsident Julian Huxley war, eine Generaldirektorin. In einer ersten Stellungnahme unterstrich Irina Bokova ihre Freundschaft mit Hosni und die Bedeutung des Dialogs der Kulturen. Sie sprach von einem "neuen Humanismus des einundzwanzigsten Jahrhunderts".

Visionen und Ideale gehören zur Identität der Unesco. Ihre Aufgaben aber muss sie pragmatisch angehen. Die Ideologisierung hatte einst die noch immer nicht ausgestandene Krise ausgelöst. Die Amerikaner verließen die Unesco, deren bester Beitragszahler sie sind, aus Protest gegen eine "Weltordnung der Information". Unter Bush kehrten sie zurück - wahrscheinlich mit dem Hintergedanken, die "Erklärung zur Vielfalt" zu torpedieren. Das gelang nicht. Aber inzwischen hält auch Frankreich kaum noch an der "kulturellen Ausnahme" als Ausdruck seiner Identität zwischen den Blöcken fest. Die deutsche Kulturpolitikerin Uschi Eid hat im Streit um Hosni darauf hingewiesen, dass es genauso um die Verteidigung der gemeinsamen Werte geht.

Der Erfolg des Programms Weltkulturerbe hat dazu geführt, dass die Unesco in der Weltöffentlichkeit als PR-Agentur des Tourismus wahrgenommen wird. Sie unterhält Büros in Genf und Montreal. Auch die Arbeit der nationalen Kommissionen ist kaum bekannt. Der vielbelächelte, aber weltweit in allen Kiosken vorhandene "Unesco-Kurier" wurde eingestellt. In der Debatte um Google und die Bibliotheken ist die Unesco, zu deren Aufgaben die Pflege des kulturellen Erbes und die Wahrung der Autorenrechte gehören, schlicht nicht präsent. Die Chaos-Wahl in Paris war ein weiterer Tiefpunkt. Aber sie hat der Welt wieder bewusstgemacht, dass es die Unesco gibt. JÜRG ALTWEGG

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