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Veröffentlicht: 16.08.2010, 17:05 Uhr

Ein seltsamer Ausbruch des Backfischhaften

Sie war fünfzehn, er dreißig: Der Briefwechsel zwischen Elisabeth Noelle-Neumann und Fred von Hoerschelmann zeigt, wie die Meinungsforscherin zu ihrem Lebensthema fand: der öffentlichen Meinung.

Am Anfang stand eine Vorwarnung: "Sie kennen mich nicht und ich kenne Sie eigentlich auch nicht, d.h. ich habe von Ihnen ein Bild in der ,Funkstunde' gesehen. Es fiel mir auf." Mit diesen Worten wandte sich die fünfzehnjährige Schülerin und spätere Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach im Sommer 1932 an den dreißigjährigen Fred von Hoerschelmann. Sie bat in ihrem Brief den Autor weder um ein Autogramm, noch ging sie auf das angekündigte Hörspiel "Urwald" ein. Vielmehr lag ihr offenkundig daran, Fred von Hoerschelmann persönlich kennenzulernen, und tatsächlich bildeten ihre Zeilen den Auftakt zu einer lebenslangen Freundschaft, die mehr als vierzig Jahre währte und sich in einem rund tausend Seiten umfassenden Briefwechsel niederschlug.

Hoerschelmann, der in den fünfziger Jahren vor allem durch Hörspiele wie "Das Schiff Esperanza" und "Die verschlossene Tür" oder den Erzählungsband "Die Stadt Tondi" bekannt wurde, arbeitete zu Beginn der dreißiger Jahre als freier Schriftsteller in Berlin und seiner estnischen Heimatstadt Hapsal. Dass er auf den "seltsamen Ausbruch des Backfischhaften", wie Elisabeth Noelle-Neumann ihren Brief rückblickend bezeichnete, überhaupt antwortete, mag erstaunen. Jahre später beschrieb sie ihn einmal als den einzigen Menschen, der sie besser kenne als sie sich selbst, und führte es auf seine Menschenkenntnis zurück, dass er ihr seinerzeit geantwortet hatte: "Du musst mit dieser Kenntnis schon diesen ersten Brief gelesen haben, und das beweist zu einem gewissen Grade, dass sich diese Kenntnis nicht auf mich beschränkt."

Das Geschwinde Deines Denkens

In ihren frühen Briefen erscheint Elisabeth Noelle als eine hochbegabte, selbstbewusste und eigensinnige junge Frau, die Kontakt zu einem Erwachsenen sucht, der sie als gleichberechtigte Person anerkennt. Hoerschelmann ließ sich darauf ein und wurde so zu einem Gegenüber, dem sie ihre Gedanken und Gefühle anvertrauen konnte, weil er die notwendige Distanz zum familiären Umfeld hatte, und weil sie sich sicher sein konnte, dass das einmal Ausgesprochene zwischen ihm und ihr bleiben würde. Vier Jahre nach der ersten Begegnung schrieb sie ihm, gleichsam ein Zeichen ihres Vertrauens: "Ich glaube auch, dass Du der erste warst, dem ich eine Zusammenfassung meiner Entwicklung geben wollte." Darüber hinaus hegte sie die Hoffnung, dass er ihren journalistischen und literarischen Ambitionen zum Erfolg verhelfen würde. Sie schickte ihm Gedichte und später auch kleinere Reiseberichte, die sie in Zeitungen veröffentlichen wollte. In ihren stilistisch und orthographisch eigenwilligen Briefen - "Es ärgert mich immer, wenn man so schön nach Regeln schreibt." - berichtete die Schülerin über Ferienerlebnisse und den Schulalltag, setzte sich aber auch mit philosophischen Fragen auseinander. Im März 1933 besuchte Hoerschelmann die ehrgeizige Briefeschreiberin in Berlin. Im Rückblick schrieb er: "Es wurde von Anfang an eine menschliche Relation. Anfangs Deine mit nichts zu vergleichende Intensität, Deine vitale Beharrlichkeit, Dein instinktives Vermögen, einen Daseinsstil zu prägen, - später war es darüberhinaus der ganze intelligible Komplex, das Geschwinde und Genaue in Deinem Denken."

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