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Down House (35) Darwins Zaunkönig

Allein die Gelegenheit macht noch keinen Ornithologen: Ohne fremde Hilfe hatte Darwin auf den Galapagos-Inseln nur die Spottdrosseln verifizieren können. Er musste einsehen, dass die Schnabelform nicht immer ein Familienkriterium ist.

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Als Darwin Mitte September 1835 die Galapagos-Inseln betrat, war er gedanklich bei den üppiggrünen pazifischen Inselwelten und bunten Vogelschwärmen, wie er sie aus den Reiseberichten eines James Cook kannte. Wie enttäuscht war er daher von den kargen Inseln, die zudem nicht von einer polynesischen Hochkultur, sondern von Sträflingen bewohnt wurden. Doch bald stellte sich heraus, dass die Galapagos-Inseln einige spannende Beobachtungen erlaubten: Im Gegensatz zur Avifauna des zuvor bereisten südamerikanischen Kontinents waren die Galapagos-Vögel durch die Abwesenheit von Landraubtieren zahm. Darwin konnte zum ersten Mal auf seiner Reise ohne Gewehr und mit bloßem Auge ornithologisieren.

Ihm fielen zugleich einige prominente Vögel auf, Reiher, Fregattvögel, Enten, Rallen, Limikolen, Möwen, eine Bussardart und Eulen, kleine Täubchen, eine blauschwarz glänzende Schwalbe, rote und grauweißlich-gelbe Tyrannen und hübsch singende Spottdrosseln. Fast langweilig mutete dagegen eine Schar leicht variierender, brauner und schwarzer Ammern an. Damals ahnte Darwin nicht, dass gerade diese Ammern einmal seinen Namen tragen würden, taxonomisch ungenau als Darwin-Finken. Beim Sammeln eines Sets der Vogelwelt für wissenschaftliche Zwecke - dies war ein Auftrag seines Cambridger Mentors John Stevens Henslow - erbeutete Darwin auch dreiunddreißig seiner Finken.

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Nur die Spottdrosseln waren kein Problem

Darwin, ein untrainierter Laienornithologe, nannte in seinen Notizbüchern einige dieser Vögelchen schlichtweg „Finches“; anderen gab er den taxonomischen Substitutionsnamen unserer Buchfinkengattung Fringilla. In wieder anderen, mit großem, kräftigem Schnabel, glaubte Darwin einen „Grossbeak“ zu erkennen, Trivialname der neuweltlichen Papageiammern. Dann gab es unter dem Volk der braunschwarzen Vögelchen auch welche mit spitzem Schnabel: Sie betitelte Darwin mit Icterus, dem Gattungsnamen der amerikanischen Stärlinge. Einen wie ein Laubsänger aussehenden Darwin-Finken taufte er mit dem Gattungsnamen unserer Grasmücken Sylvia. Ein anderes Individuum dieser Art wurde jedoch zu Darwins Zaunkönig (im Original mit dem englischen „Wren“ bezeichnet). Im Feld hatte der große englische Naturforscher nach seinem eigenen Kenntnisstand nicht eine Gruppe nahverwandter Ammern, die Darwin-Finken, sondern fünf verschiedene Vogelfamilien gesammelt: Ammern, Finken, Stärlinge, Laubsänger und einen Zaunkönig.

Dann trat Darwin die lange Rückreise nach England an. Als er dort am 4. Januar 1837 seine ornithologische Sammlung John Gould, dem Kustoden der Zoologischen Gesellschaft von London, übergab, konnte dieser in nur sechs Tagen feststellen: alle mitgebrachten Finken der Galapagos-Inseln sind nah verwandt und stellen eine Unterfamilie der Ammer dar. Nur den sogenannten Waldsängerfink (Certhidea olivacea), Darwins Zaunkönig, konnte auch Gould erst einige Wochen später nach intensiven Sammlungsstudien in den Verwandtschaftskreis einreihen. Damit hatte Gould erkannt, was Darwin zeitlebens skeptisch betrachtete: Im Gegensatz zu den sonst üblichen Gegebenheiten in der Ornithologie spielt bei den Galapagos-Finken die Schnabelform als Familienkriterium keine Rolle. Das gemeinsame Merkmal ist die Uniformität des Federkleids. Darwin blieb zeitlebens zurückhaltend, was die Finken anbetraf: Er zitierte diese zwar relativ prominent in der zweiten Auflage seines Reiseberichts, nicht aber ohne auf John Gould als Autorität hinzuweisen. In dem berühmten Buch „Über die Entstehung der Arten“ griff Darwin nicht auf die Darwin-Finken zurück. Typischerweise verwendete er dort nur diejenigen Beispiele, die er auch ohne fremde Hilfe verifizieren konnte: die Spottdrosseln der Galapagos-Inseln. Die hatte er bereits vor Ort richtig klassifiziert.

Der Autor ist Projektleiter zum Aufbau eines Naturkundlichen Universitätsmuseums an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat zuvor als Kustode die Vogelsammlung Charles Darwins am Londoner Natural History Museum betreut.

Quelle: F.A.Z.

 
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