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Dieses Europa hätte Amerika nicht entdeckt

06.07.2010 ·  Russische Perspektiven auf die Krise der Union

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MOSKAU, im Juli

Für Russland ist die Euro- und Europakrise vor allem eine Krise der alternativen Leitwährung und eines oft beneideten Entwicklungsweges. Sowohl der Staat als auch Privatleute, die traditionell mit ihren Rücklagen den vermeintlich sichersten Hafen des Dollar ansteuerten, halten mittlerweile rund vierzig Prozent ihrer Reserven in der europäischen Währung und sind über deren Schwächeanfälle ernsthaft besorgt. Aber auch das europäische Einigungsprojekt, das von aufgeschlossenen Russen bewundert und von den Moskauer Machthabern abtrünnigen GUS-Ländern wie Weißrussland und der Ukraine propagandistisch als Modell vorgehalten wurde, erscheint jetzt schon in den Augen einiger Kommentatoren praktisch gescheitert. Das gilt etwa für den stets freundlich klarsichtigen Außenpolitikexperten Fjodor Lukjanow, der die Zeitschrift "Russia in Global Affairs" herausgibt. Lukjanow hält es für symptomatisch, dass seit den Lissaboner Verträgen, die die Gemeinschaft in ihrem außen- und sicherheitspolitischen Handeln doch zusammenschweißen sollten, Länder wie Deutschland, Frankreich und Polen ihre Ziele wieder öfter im nationalen Alleingang verfolgt hätten.

Die Euro-Krise werde die europäische Landschaft weiter auseinanderbrechen lassen. Insbesondere hält Lukjanow es für unvermeidlich, dass Deutschland auf dem Kontinent jene Führungsrolle übernehmen wird, die die europäische Nachkriegsordnung verhindern sollte und die es selbst hartnäckig von sich weise. Aber die objektiven Umstände zwingen Deutschland dazu, so der Politologe, mit einem Haushaltskonsolidierungskurs voranzugehen, das Gleiche von anderen Mitgliedsländern einzufordern und gleichzeitig bankrotte Staaten wie Griechenland zu stützen, um den Euro zu retten.

Nach Ansicht der Publizistin Julia Latynina geht die größte Gefahr für Europa gerade von der europäischen Einigung aus. Sie habe jene Bürokratie herangezüchtet, die dem Kontinent das nehme, was ihn groß gemacht habe, die freie Konkurrenz souveräner Staaten auf kleinem Raum. Ein Symptom für die von ihr diagnostizierte Eurosklerose sieht Frau Latynina, eine bekennende Libertäre, in dem europaweiten Flugverbot nach dem isländischen Vulkanausbruch, über das sich niemand hinwegzusetzen wagte. Ein solches Europa, so die pointierte Gewissheit der Russin, hätte nie Amerika entdeckt! Frau Latynina erinnert daran, dass chinesische Emissäre ein Menschenalter vor Kolumbus in der Neuen Welt gelandet waren, die bürokratisch kaiserliche Verwaltung ein Kolonisierungsprojekt aber für zu aufwendig befand. Umso ironischer erscheint es ihr, dass die heutige chinesische Politik mit ihrer Mischung aus Wirtschaftsliberalität und repressiver Härte vieles mit der Englands im neunzehnten Jahrhundert gemeinsam habe.

Der russische Präsident Medwedjew hat das Maßnahmenpaket von Kanzlerin Merkel zur Stabilisierung des Euro und Griechenlands gelobt. Zugleich sprach Russland sich auf dem G20-Gipfel im kanadischen Muskoki gegen den deutsch-britischen Vorschlag zur Einführung einer globalen Bankensteuer aus, die die Finanzwirtschaft zähmen sollte. Medwedjew würdigte die Rolle des Euro, der die Folgen der Finanzkrise habe abfedern helfen. Doch er warnte auch vor einem übertriebenen Austeritätskurs. Russland gab in der Vergangenheit oft zu verstehen, dass es Allianzen mit großen Partnern schätzt, spielt aber längst virtuos mit europäischen Eifersüchteleien. Jähe Veränderungen sind für die russische Erfahrung die Norm. Es wundere ihn regelmäßig, von Europäern zu hören, dass sie sich ihre Zukunft ungefähr so vorstellten wie die Gegenwart, sagt Lukjanow, mit kleinen Modifikationen. Er hingegen, bekennt der Russe, sei überzeugt, auch wenn er es nicht wünsche, dass der Kontinent sich rapide und radikal verändern werde. KERSTIN HOLM

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