18.03.2010 · Keine Zeit für den Schnellzug: Zum Tode des Rockmusikers Alex Chilton
Der Soul hat, egal, ob schwarz oder weiß, eine Reihe Interpreten hervorgebracht, deren zartes Alter hinter der Reife ihres Vortrags verschwand und deswegen immer ein wenig unwahrscheinlich war. Man denke an Stevie Wonder, Steve Winwood und, natürlich, Michael Jackson. Alex Chilton gehört zweifellos dazu, auch wenn er nicht annähernd so bekannt war. Aber wer wäre, als der Box-Tops-Welthit "The Letter" 1967 über den noch jungen Popäther ging, auf den Gedanken gekommen, dass hier ein Sechzehnjähriger sang, noch dazu ein weißer? "Gimme a ticket for an aeroplane / Ain't got time to take a fast train / Lonely days are gone, I'm a-goin' home / 'Cause my baby just wrote me a letter" - Chilton klang hier so grobkörnig, viril und soulful, er trübte eine Botschaft, die eigentlich euphorisch hätte stimmen müssen, schon so gekonnt mit Trauer ein, dass man eher an einen erfahrenen Entertainer dachte und nicht an den blutjungen Mann, der er damals war.
Mit diesem Song, der aus der Feder von Wayne Carson Thompson stammte und später von Joe Cocker in einer spektakulären, aber weniger subtilen Liveversion eingespielt wurde, war der blue eyed soul geboren: perfekt konfektionierte Popmusik, bei der keine Note zu viel und deren Inbrunst so dezent gehalten war, dass sie ein großes Publikum erreichte, aber nicht über die authentische Beglaubigung verfügte, wie man sie schwarzer Musik unterstellte. Die Interpreten, so der Vorwurf, wüssten im Grunde gar nicht, wovon sie singen.
Man kann aber auch einfach von Talent sprechen, das Alex Chilton im Übermaß hatte. Denn auf den bis 1969 erschienenen vier Box-Tops-Platten kam in der Tat ein Frühvollendeter zu Gehör. Mit verblüffender Gospelintuition, voller Gefühl und Verletzlichkeit sang er Standards wie "I Shall Be Released" (von Dylan), zumeist von Dan Penn und Spooner Oldham geschriebene Balladen aus dem Bereich des Country-Soul wie "I Met Her in a Church" oder unwiderstehlichen Pop wie "Cry Like a Baby", den zweiten ganz großen Hit von Chiltons erster Band.
Obwohl Chilton zu jener Zeit wahrscheinlich schon die Abgründe zwischen Showoberfläche und Künstlerinnenleben spürte, haftete der Musik der Box Tops nicht das Moment des Verstörten an, das seine weitere Karriere beherrschen sollte. Mit der Gründung von Big Star in seiner gleichsam im Soul-afterglow darniederliegenden Heimatstadt Memphis trat er ein in den Status des hauptsächlich von Kritikern verehrten Genies, dessen Haltlosigkeit dauerhaftem Erfolg im Weg stand. Wie eine Rakete zischte das Debütalbum 1972 in den Powerpop-Himmel und verglühte dort alsbald. Als die dritte Big-Star-Platte "Third/Sister Lovers", eine Ausgeburt an spätzeitlich-melancholischer Pop-Abseitigkeit, 1978 erschien, gab es die Band, die das Beatles-Erbe mit Hardrock versöhnte und zu den einflussreichsten nicht nur jenes Jahrzehnts zählt, schon nicht mehr. Erst unlängst erschien eine auch in dieser Zeitung gewürdigte Werkschau, anhand deren man das Phänomen des beautiful losers studieren kann (F.A.Z. vom 9. Januar). Wenn man Alex Chilton als solchen bezeichnet, dann ist das eine Auszeichnung. Auf seinen Soloplatten lebte er den Widerspruch zwischen schöner Popsimplizität und lärmender, dem Jazz naher Kakophonie ohne die geringste Rücksicht auf Kommerzialität aus, ein schwer alkoholsüchtiger Überzeugungstäter, eine der obskursten und insofern auch wieder exemplarischsten Figuren, welche die Rockmusik je gesehen hat.
Am Mittwoch ist Alex Chilton, der Frau und Sohn hinterlässt, in New Orleans, der Stadt, die gewiss ein Ohr hatte für die Lebensängste eines Südstaatlers, im Alter von neunundfünfzig Jahren unerwartet gestorben. EDO REENTS