13.09.2010 · Lustig ist das Räuberleben: Simon Solberg verjuxt am Theater Basel Max Frischs "Graf Öderland"
BASEL, 13. September
Sie nahen sich wieder, die alten Schweizer, die im Theater der Gegenwart nur noch tote Hunde zu sein schienen. Max Frisch ist der neue Ibsen, Friedrich Dürrenmatt schlägt Tschechow und Pollesch. "Der Besuch der alten Dame" ist der Krisengewinnler der Saison, und selbst Frischs "Graf Öderland" kriecht auf den Spuren neuerer Amokläufer und Selbstmordattentäter wieder überall aus der Kanalisation. In Basel packt der beamtete Berserker jetzt zum Saisonauftakt die Axt aus seiner Aktenmappe.
Graf Öderland, wie er sich nach einem alten Kinderschauermärchen nennt, will sich nicht länger von Hoffnung, Aufschub und Glückssurrogaten hinhalten lassen. Weg mit den Routinen und Regeln der verwalteten Welt, heraus aus dem babylonischen Gefängnis der Zivilisation: Einmal "herrlich und frei" leben ohne Rücksicht. Wie soll der Staatsanwalt einen Bankangestellten anklagen, der grundlos einen Hausmeister erschlug, wenn ihn selbst die Axt in den Fingern juckt?
Seine Frau empfiehlt Pillen, Psychiater und Urlaub. Aber Öderland weiß (und das Subproletariat der Köhler, Taglöhner und Huren ahnt) es besser: Das Unbehagen in der Kultur ist kein privates Burn-out-Syndrom, sondern ein gesellschaftlicher Defekt, eine Leerstelle der condition humaine, die mit der Axt an der Wurzel bekämpft werden muss. Dass Öderlands Ausbruchsversuch kein klares Motiv, keine Richtung und kein Ziel hat, dass sich der Rebell ohne Grund in den Fallstricken politischer Praxis verheddert und am Ende alles für einen bösen Traum erklärt, empfand Frisch selbst als hilflos und unbefriedigend und seine linken Freunde als bürgerliche Unentschlossenheit, aber selbst Brecht wusste keinen Rat.
Bei der Uraufführung 1951 am Zürcher Schauspielhaus konnten weder Kommunisten noch Katholiken und Konservative etwas mit diesem "Manifest des Nihilismus" anfangen. Auch die zweite, politischere Fassung 1956, in der Öderland "Selbstmord aus Verlegenheit des Verfassers" (Frisch) beging, und die dritte von 1961 fielen durch. Frischs Sorgen- und Lieblingskind blieb eine bühnenuntüchtige Missgeburt.
Simon Solberg, der einunddreißigjährige Regisseur, fühlte sich naturgemäß "sofort angefixt" und "total geflasht" von Frischs Traum-Massaker, und so hat er den gordischen Knoten in Basel jetzt mit Krawall zerschlagen. Die Axt der Groteske erspart den Zimmermann, die kunterbunte Assoziation das geduldige Aufdröseln des Konflikts. Ein paar schwunghafte Hiebe in Richtung Kapitalismus, Schweiz, und Medienkritik, ein angetäuschter kapitaler Hau, und schon öffnet sich ein Riss in der Wand, hinter der das herrlich freie "Leben, Furzen und Ficken" lockt.
Solberg hat Frischs Stationendrama nur hier und da ergänzt und leicht um-, aber seine Aussage auf den Kopf gestellt. Der Ausbruchsversuch des Bürgers ist keine Tragödie, nur eine überdrehte Farce, der schwerfällig "traumleichte" Traum der Geträumten ein fröhlicher Albtraum mit Hardrock, "Axtimel"-Werbung und Trillerpfeifen. Wo Frisch zweifelt, grübelt und fragt, hat Solberg die Antwort schon parat: Auf den groben Klotz des verzweifelten Moralisten gehört der noch gröbere Keil von Slapstick und höhnischer Satire.
Solberg hat in der letzten Saison Schillers "Räuber" im Basler Großbürgermilieu "raubkopiert", und so hat er jetzt auch den Staatsanwalt als Kopf einer Räuberbande von Spinnern, Deppen und Revoluzzern neu definiert. Dass Öderland kein junger Brausekopf oder Schulamokläufer mehr ist, sondern Beamter im gehobenen Dienst, gibt seinem acte gratuit eine ganz andere Fallhöhe und Legitimation. Martin Hugs Staatsanwalt ist kein gedankenblasser Moritäter, sondern ein Kindskopf im weißen Pelzmantel, der auf dem Sofa an seinen Sehnsuchtsort Santorin segelt und am Ende, bis auf die Unterhosen entblößt, seine Axt gegen sich selbst richtet. Sein Yacht ist ein Narrenschiff, sein Amoklauf Spaßtheater.
Hilde, bei Frisch die kindlich unschuldige Fee aus dem Zauberwald, ist ein französisch radebrechendes Flittchen, das mit dem Hintern wackelt und mit dem Föhn Wind macht. Vincent Leittersdorffs Polizist kommt aus der Räuber-und-Gendarm-Klamotte, sein Wahrsager aus dem Kabinett des Doktor Caligari, die Bürger und Politiker sind Operetten-Lemuren, und Doktor Hahn, der Anwalt, tanzt seine Plädoyers wie John Travolta seine Disco-Hits. Einzig der Mörder behält in diesem anarchischen Tohuwabohu die Ruhe und eine gewisse Würde.
Man kann nun die große Kritikeraxt schwingen oder nur eine Aktennotiz schreiben: Thema verfehlt. Aber vielleicht muss man Frisch von Zeit zu Zeit gegen den Strich bürsten und den Staub der Fünfziger-Jahre-Parabel mit Windmaschinen, Superman-Kostümen und Konfettischnee wegblasen. Der Bruch aller Regeln, die Selbstverwirklichung um jeden Preis ist mit klassisch ödem Stadttheater nicht zu haben, und insofern kann dem Gespenst des alten Existentialismus ein bisschen Jahrmarktsrummel, eine zirzensische Hinrichtung nur guttun. Sein aktenmäßig nüchterner, ernster Wahnsinn, seine sehr ordentliche und tugendhafte Abrechnung mit Ordnung, Pflicht und Tugend lässt sich heute wohl nur noch als schräge Revue ertragen. Zu befürchten ist allerdings, dass Solberg seine Grand-Guignol-Travestie allen Ernstes für eine zeitgemäße Form der Revolte hält. MARTIN HALTER