17.08.2008 · Am Rhein ist Rummel. Auf Höhe der Altstadt schieben sich Hunderte von Menschen über die Promenade und freuen sich über die Reste des Sommers; auf den Wiesen sitzen junge Leute und trinken Flaschenbier, aus einer Eckkneipe dröhnt Mundartmusik.
Am Rhein ist Rummel. Auf Höhe der Altstadt schieben sich Hunderte von Menschen über die Promenade und freuen sich über die Reste des Sommers; auf den Wiesen sitzen junge Leute und trinken Flaschenbier, aus einer Eckkneipe dröhnt Mundartmusik. Ein paar Schritte weiter gibt es sogar eine kleine Kirmes, wo sich gerade eine Muckerband an einer Version von "Saturday Night Fever" von den Bee Gees verhebt. Kurz vor der Deutzer Brücke liegt die "MS Rheinenergie", ein Katamaran mit riesigem Partydeck: "Betriebsfeier auf Rheinisch", lockt ein großes Werbebanner. An diesem Samstagabend jedoch ist das Schiff fest in der Hand der Musikmesse "c/o pop", die hier ein Konzert des schwedischen Song-Sensibilisten José Gonzales veranstaltet. Um kurz vor elf tapst der Dreißigjährige, nur mit einer Gitarre in der Hand, schüchtern auf die in tiefes Rot getauchte Bühne, beginnt zu spielen, und das Schiff legt ab: ein Konzert in Bewegung.
Das Deck im Innern ist prall gefüllt, schließlich hat Gonzales' Karriere, seit er einen seiner Songs für einen Flachbildschirmwerbespot zur Verfügung stellte, einen tüchtigen Schub bekommen. Wollte man ihm Böses, könnte man sagen, er mache Musik zum Träumen - und zum Flachbildschirmverkaufen. Doch man sollte fair bleiben: Man kann längst mit jeder Musik alles verkaufen. Gonzales sieht ein bisschen aus wie der junge Cat Stevens, wie er da, lockenköpfig und nachlässig rasiert, vor sich hinzupft. Es liegt nahe, das Schlimmste zu befürchten, schließlich wurde von lockenköpfigen Männern mit Nylonsaiten-Gitarren schon viel Schaden auf der Welt angerichtet. Doch der freundliche Sänger gehört nicht zu jenen von sich selbst ergriffenen Einfaltspinseln, die mit Kopfstimme vorgetragene Säuseleien mit Songwriting verwechseln. Seine Musik ist eher zwischen den waldschratigen Liedern von Iron & Wine, dem Indie-Songwriting von Elliott Smith und der entrückten Naturmystik Devendra Banharts angesiedelt. Kurz: Es liegt ein dunkler Schatten über diesen Songs.
Zunächst geht es stromaufwärts, vorbei am Schokoladenmuseum und den teuren Wohnungen des neuen Renommierviertels im Rheinauhafen. "How low are you willing to go/before you reach all your selfish goals", singt Gonzales, und es spricht mehr für seine Musik als gegen seine Texte, dass diese Zeilen gesungen viel besser funktionieren. Sein Gitarrenspiel ist perkussiv, die Melodien sind wie kleine Strudel, in denen sich die vielen großäugigen Mädchen und flaumbärtigen Jungs hier gerne verlieren. Auf der Höhe des schönen Stadtteils Marienburg wendet das Schiff, bei der Fahrt flussabwärts fliegen die Brücken geradezu über das Sonnendeck hinweg, auf dem sich während der ganzen Fahrt kaum jemand aufhält; zu sehr ist alles im Banne der Musik.
Dennoch muss man schon hauptberuflich im Partyzug durchs Leben reisen, um nicht in kontemplativer Versunkenheit die vorbeiziehende Stadt zu betrachten: die Wiesen auf der "Schäl Sick", den Dom, den brüllend hässlichen Musical Dome mit dem drohenden "We Will Rock You"-Transparent. Man muss es Gonzales lassen: Weder erschlägt die Kulisse seine Musik, noch gerät sein Spiel zur betulichen Untermalung einer nachtprogrammtauglichen Schipperei, die Idee des ruhigen, bewegten Konzerts geht auf. Am Ende spielt Gonzales, während das Schiff schon angelegt hat, noch eine Version des Bronski-Beat-Tränenziehers "Smalltown Boy". Danach strömt alles wieder von Bord und hinein in die größte Kleinstadt des Landes. Die größte Kleinstadt des Landes mit eigener Popmesse, wohlgemerkt. ERIC PFEIL