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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Moment, in dem man versteht

Manchmal genügt ein kluger Satz, um in der Flut der Worte und Bilder Halt zu finden. So einen Augenblick gab es im ZDF, im "heute-journal".

Es gibt Momente angesichts der jede Aufmerksamkeitskraft überfordernden apokalyptischen Echtzeitticker, da einem dank der Worte und Bilder eines anderen etwas klarwird: Momente, in denen die Chance sich eröffnet zu einer Reflexion, die über Strahlenwerte und Eskalationsängste hinausgeht. Es sind die Momente, wo es jemandem gelingt, ein gerade ablaufendes Ereignis zu historisieren.

Der Moment, da man zu einem Moratorium mit seinem eigenen Kopf befähigt wurde, ereignete sich vorgestern im "heute-journal" des ZDF, er dauerte knapp zehn Minuten - und da das Fernsehen, das öffentlich-rechtliche zumal, so oft und vielleicht zu oft beschuldigt wird, für alles Schlechte auf der Welt verantwortlich zu sein, muss man ihn würdigen. Es handelte sich um einen Filmbericht von Gert Anhalt, dem langjährigen Japan-Korrespondenten des ZDF. Er zeigte nichts Spektakuläres, eher Bilder, die wir mittlerweile leider kennen, alte und uralte Menschen in den Trümmern, verzweifelte Familienangehörige, Notunterkünfte. Aber der Text, den Anhalt dazu sprach, war anders. "Das Land, das sie einst aufgebaut haben", sagte der Journalist zu den Bildern von apathisch in den Ruinen liegenden alten Menschen, "kann vielen Alten nun nicht mehr helfen ... Es ist die Generation, die Japan einst aufgebaut hat, und nun schließt sich tragisch der Lebenskreis in den Trümmern der Katastrophe."

Warum war das so ergreifend? Warum wendet es die Perspektive, wenn man zu diesen ganz undramatisch gesprochenen Sätzen die Bilder der Opfer sah?

Weil es zeigte, was es heißt, wenn Katastrophen so groß sind, dass man für sein eigenes Leben nichts mehr reparieren kann. Weil diese wenigen Sätze zeigten, dass, jenseits der materiellen und körperlichen Schäden, die Tragik eines solchen Unglücks darin liegt, dass die Logik eines ganzen gelebten Lebens plötzlich widerlegt werden kann.

Was man rational vielleicht schon wusste, das konnte man hier sehen: Der Mensch ist nicht nur physisch zurückgeworfen auf die primitivsten Bedingungen von Leben, auf Luft, Wasser, Nahrung und Wärme. Er ist es auch in der ganzen Architektur seines Lebens, seiner Erfolge, seines Glaubens an die Evolution seiner privaten Existenz. Es war - und auch dies war in diesem "heute-journal" nur ein Satz, nicht mehr - wie die Ratifikation dieser Einsicht, dass Claus Kleber, ebenso ruhig und ebenso klug, daraufhin mit dem Satz abschloss: "Die Rettung soll gelingen mit dem ältesten aller Mittel: mit Wasser."

Was das ZDF an diesem Abend zeigte, war, dass hier die Kraft der Natur mit der in ihren Wirkungen absoluten Technologie nicht nur einen Glaubenssatz, eine Ideologie, eine Überzeugung dementiert hat, sondern das ganze gelebte Leben so vieler Menschen.

Es ist heute zu früh, als dass man sagen könnte, was die japanischen Ereignisse mit unseren Gesellschaften machen werden. Das begründete Misstrauen gegen das Atomkraft-Moratorium kommt daher, dass die Menschen, die sich selbst und ihren Medienkonsum kennen, befürchten, dass aus dem unerhörten Ereignis eine von Vergesslichkeit und Informationsüberdruss gespeiste Routine wird. Das ganze apokalyptische Vokabular ist in den Echtzeittickern fast ausgeschöpft. Wir schöpfen aus Sprachmaterial, das uns seit ewigen Zeiten zur Verfügung steht. Der irische Dichter William Butler Yeats, der seine Apokalypse unter dem Titel "A Vision" auf das Jahr 1927 datierte, schrieb damals, er habe immer nur an "Erdbeben, Feuer und Fluten" gedacht, um sich gewissermaßen in Stimmung zu bringen.

Aber Stimmung ist das eine. Verstärkt vom Rauch und dem Feuer in Japan, untertitelt von den Echtzeittickern und Live-Videos, bringt sie uns auch gegen den eigenen Willen dazu, die Ereignisse nach den Gesetzen eines Films, eines Narrativs zu lesen. Aber eine Stimmung geht vorbei und wird durch neue ersetzt. Sie erlischt gleichsam mit den Feuern in Fukushima. Man kann das auch auf die Debattenlage in Deutschland übertragen. Es gibt einen Moment, in dem, um Gert Anhalt zu zitieren, der Lebenskreis sich schließt und man wieder dort steht, wo man angefangen hat. Darum reden wir so viel von Tschernobyl und Three Mile Island. In solchen Zeiten können Worte wie "Übergang", "Brückentechnologie", "Transition" nur noch Triviales bedeuten. Denn das war ja die Erfahrung der letzten Jahrzehnte: dass alles nur ein Übergang ist - und "Übergang", das hat Frank Kermode einst gezeigt, ist in der Moderne selbst zu einem Begriff aus dem Wörterbuch der Apokalypse geworden, weil er als Erfahrung einer unaufhörlichen Krise erlebt wird.

Es geht nicht nur darum, was Menschen tun oder nicht tun. Ebenso real ist - wie wir mittlerweile zur Genüge wissen -, was sie befürchten, erwarten und hoffen. Das "heute-journal" vom Donnerstag hat das gezeigt. Und bewiesen, dass es historische Momente gibt, in denen es politisch und gesellschaftlich zwingend ist zu sagen, dass man einen Fehler gemacht hat, und selbst ein Ende zu setzen, um den verhängnisvollen Kreislauf zu unterbrechen. Nicht irgendeinen Fehler, der sich mit Updates und Nachrüstung beheben ließe. Die Japaner werden in ungezählten Berichten analysieren, wie es zu ihrem Fehler gekommen ist. Uns steht diese Aufgabe noch bevor. Dazu zählt, dass man zugibt, dass etwas kein Übergang mehr ist. Sondern ein Ende.

FRANK SCHIRRMACHER

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 18.03.2011, 15:55 Uhr