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Den Pinsel hat er gar nicht dabei

Vertanzter Abend, verschenkte Idee: Mauro Bigonzettis "Caravaggio" vom Berliner Staatsballett uraufgeführt

Seit vielen Jahren denke ihr Gastchoreograph Mauro Bigonzetti über "ein Projekt zu Caravaggio" nach, informiert das Staatsballett Berlin anlässlich seiner jüngsten Premiere. Seit diese vorüber ist, steht nun fest, dass nichts herausgekommen ist beim langen Überlegen. Zu viel gegrübelt vielleicht, zu viele Skrupel genährt, wo doch anfangs "reine Begeisterung für die Schönheit seiner Gemälde" stand und sich der italienische Choreograph fasziniert fühlte von Caravaggio als "Künstler-Mensch". Für einen Ballettabend nach dem bewährten Strickmuster "Prominentenschauergeschichten" hätten diese zwei Motive vollkommen reichen können: Oh, er malte grandios, so realistisch, und oh, er benutzte Angehörige des Prekariats als Modelle für Heilige, wie delikat, und aha, sein Leben endete schmutzig und blutig - naturgemäß, Caravaggio war wohl so genial wie verbrecherisch.

Sein Leben waren seine Bilder, sein Leben war in seinen Bildern - Hollywood hat aus dem Mythos von der gefährlichen Vermischung von Kunst und Leben sicher achthundertfünfunddreißig Filme gemacht, so ergiebig sind solche Stoffe. Im Ballett könnte man das nach dem Schöpfer von "Tschaikowsky" die Methode Boris Eifman nennen: Zeige, was "Bunte" oder "Gala" zu Lebzeiten des Helden auch gezeigt hätten, hätte es sie nur schon gegeben. Nach der mochte Bigonzetti nicht vorgehen. Doch was bei so viel schätzenswerter vornehmer Diskretion übrig bleibt, reicht keine zwanzig Minuten Ballett weit. Das soll Caravaggio sein?

Es könnte auch Leonardo da Vinci, Vincent van Gogh, Charles de Gaulle oder Mickymaus sein. Den Protagonisten von Bigonzettis Stück erkennt man daran, dass Vladimir Malakhov ihn verkörpert, denn das durfte vorausgesetzt werden. In der Berliner Staatsoper Unter den Linden sieht man den Ballettdirektor mit tragischem Gesicht über die Bühne schreiten. Unter Caravaggio stellt sich Bigonzetti vor allem einen inzwischen nicht sehr glücklich alternden Startänzer im hautfarbenen Slip vor.

Caravaggios Wiedergeburt als eine Art tanzender Jesus zu inszenieren heißt aber, die Geduld und Güte des Publikums auf eine harte Probe zu stellen. Denn kein Zuschauer kann an diesem Abend auf der Bühne gesehen haben, was die Szenenfolge des Programmhefts alles aufzählt: einen Zahnzieher im Wirtshaus, eine Wahrsagerin, Bacchus, Musikanten, Falschspieler, Streit, Duell. Dass nicht noch "Ei und Tempera", der Einbruch auf dem Kunstmarkt und der Papst vorkamen, war alles. Wen Polina Semionova in den zahllosen Duetten mit ihrem Chef darstellte, war auch nicht zu ermitteln: Mutter, Muse, Hetäre oder Madonna? Der Himmel weiß es. Im Gegensatz zum ersten Paar des Hauses und seiner unmittelbaren Entourage durfte das Volk auf den "Straßen von Mailand" Kleider tragen.

Dafür kam es im kürzeren zweiten Akt gar nicht mehr vor. Was für ein Luxus, die größte Compagnie Deutschlands vorzuhalten und dann in einer kostspieligen Auftragschoreographie den längsten Teil des Abends nicht mehr als sechs Leute zu zeigen. Ergäbe das düster ausgeleuchtete Kammergetanze doch irgendeinen Sinn!

Aber für Bigonzettis Schrittzählerei unter einem leeren güldenen Bilderrahmen zu Monteverdi-Bearbeitungen von Bruno Moretti wäre Eklektizismus noch ein zu schwacher Begriff. Seltsam, wie leer diese von überallher zusammengesuchten Bewegungsphrasen wirken. Da ist ein bisschen Contract und Release wie im amerikanischen Modern Dance von vor siebzig Jahren, ein bisschen Herumgerudere mit den Armen, und die Beine müssen dauernd bis hinter die Ohren geworfen werden. Brustkörbe werden nach außen gedrückt, dass die Rippen fast rausspringen, Arme überstreckt, Handgelenke abgeknickt. Diese falsche Überspannung behauptet dauernd Riesengefühle. Bloß welche, und warum? Der Rest des manieristischen Nicht-Spektakels besteht aus endlos wiederholten Idiosynkrasien. Ständig stemmt ein Solist dem anderen einen Fuß in die Leiste oder gegen den Oberkörper.

Was für ein verschenkter Abend, was für ein Debakel. In zwei Stunden präsentiert Bigonzetti weder irgendeine Erkenntnis noch irgendein erwähnenswertes Detail - weder zur Kunst noch zum Leben des frühbarocken Malers. Er scheitert auf der ganzen inhaltlichen Linie, aber nicht nur das: Der Spitzentanz stellt ihn choreographisch vor unlösbare Probleme, was es für die Tänzerinnen unnötig schwierig macht. Semionova, Beatrice Knop und Shoko Nakamura bleiben dabei erstaunlich gelassen, wie die Männer sind sie sehr gut. Nur der Hauptdarsteller hat keine Kondition, er posiert viel und spielt entsetzlich schwach, er ruft geradezu danach, geschont zu werden. Ein Tänzer wie Dmitry Semionov hingegen posiert wie irgendein ausgeliehener Türsteher am Portal und muss Weintrauben essen. Hat er etwa einen Vertrag als Schaufensterpuppe?

Nach so fatal gescheiterten Auftragschoreographien wird gern vom Mut des betreffenden Hauses zum Risiko gesprochen. Als könnte man bei einem Choreographen, der seit dem Jahr 1992 auf dem Markt ist, nicht langsam wissen, was man ihm zutrauen darf und was nicht. Das legt die Vermutung nahe, dass die Leitung des Staatsballetts Berlin in diesem Fall ganz andere Kriterien anlegt. Nennen wir sie subjektive. WIEBKE HÜSTER

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 09.12.2008, 17:05 Uhr