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Den Mund völler Vögel Literatur

04.08.2010 ·  Die Geschichten der Argentinierin Samanta Schweblin stecken voller Gewalt und Geheimnisse. Jetzt liegt ihr beklemmender Erzählband "Die Wahrheit über die Zukunft" auf Deutsch vor.

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Ein kleines, meist blasses Mädchen verspeist lebendige Vögel, um einen rosigen Schimmer auf ihre Wangen zu zaubern; ein erfolgreicher Maler wird von dem Moment künstlerisch inspiriert, in dem er den Kopf eines Mitmenschen auf den Asphalt schlägt; ein junges Paar macht in der nächtlichen Steppe sprichwörtlich Jagd auf sein Glück, um mit Netzen ein ungezähmtes, rustikales Etwas, einen Nachkommen, zu fangen.

Der Realität von Samanta Schweblins Erzählungen sind die Gewalt und das Unerklärliche inhärent. Kaum merklich bricht sich das Unheimliche in den verstörenden Kurzgeschichten der 1978 in Buenos Aires geborenen Autorin Bahn. Das Albtraumhafte und Surreale manifestiert sich im Alltag der Protagonisten, als gelte es, die Wirklichkeit zu untergraben und unter der arglosen Oberfläche ein bedrohliches Unbewusstes zutage zu fördern.

Kein Wunder, dass Samanta Schweblin in ihrer Heimat mit literarischen Vorbildern wie Adolfo Bioy Casares oder Julio Cortázar verglichen wird, die beide in ihren Werken die Grenzen zwischen Realität und Fiktion ausloteten. Mit ihrem ambitionierten Erzählband "Die Wahrheit über die Zukunft" reiht sie sich ein in die argentinische Tradition der sogenannten Neophantastik und bereichert sie um eine ebenso feinsinnige wie kluge Perspektive, fernab der eskapistischen Weltflucht. Ihr Tonfall ist unaufdringlich, unterkühlt und dennoch verständnisvoll; mal ist ihre Direktheit unbarmherzig, mal hält sie die narrativen Motive und die unterschwellige Faszination für das Grauen in einer unheilvollen Schwebe. Der vordergründige Grusel um seiner selbst willen ist ihre Sache nicht. Darüber hinaus ist ihr Gespür für erzählerische Ökonomie bewundernswert.

Mit wenigen lakonischen Sätzen und winzigen Details konfrontiert sie ihre psychologisch glaubhaft charakterisierten Figuren, deren subjektive Wahrnehmung sich rasch auf den Leser überträgt, mit dem Unfassbaren: "Von Zeit zu Zeit fand ich eine Feder, während ich meinen täglichen Verrichtungen nachging", berichtet der Vater beispielsweise in "Der Mund voller Vögel". Die aufgrund der Ernährungsgewohnheiten ihrer Tochter Sara bestürzten, in ihrer Zuneigung jedoch standhaften Eltern schwanken zwischen dem Drang, sich von ihrem eigen Fleisch und Blut innerlich zu distanzieren, und dem Wunsch, das alles möge nicht wahr sein.

Doch die Wahrheit der Worte und die Logik der Sprache kann niemand verleugnen. Sie kommt immer dann zum Vorschein, wenn es hinter dem vermeintlich Rätselhaften um Themen geht, die das allgemein Menschliche berühren, wie Elternliebe oder der Kinderwunsch. Samanta Schweblin gelingt es, ihren Erzählungen ein beklemmendes Geheimnis mit auf den Weg zu geben, das wir alle zu kennen glauben. Das macht "Die Wahrheit über die Zukunft" zu einer gleichermaßen spannenden wie anspruchsvollen Lektüre. Alexander Müller

Samanta Schweblin: "Die Wahrheit über die Zukunft". Erzählungen. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 130 S., geb., 19,80 [Euro].

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