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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Das verjubelte Erbe

Ein halbes Jahrhundert Stuttgarter Ballett: Fünf Stunden Gala und drei Stunden Ballettdirektorenkonferenz zeigen das Missverhältnis dieser Kunst zur Tradition.

Darf man an eine Jubiläumsgala dieselben Maßstäbe anlegen wie an jede andere Premiere? Oder müsste nicht auch der Kritiker alle Fünfe gerade sein lassen an einem solchen Festabend? "Fünfzig Jahre Stuttgarter Ballett", soll man da Wasser in den "German champagne" (Ballettdirektor Reid Anderson) gießen?

Man will nicht, aber man muss. Es kann nicht sein, dass eine Institution so weit herabsinkt wie das Stuttgarter Ballett insgesamt und beispielhaft vorgeführt an diesem endlosen Abend der Unter-Mittelmäßigkeiten und peinlichen Ausrutscher. Handelt es sich doch um eine Institution, deren Ruhm auf dem Genie eines südafrikanischen Choreographen beruht, der zu den ganz wenigen gehörte, die die Verantwortung eines Ballettdirektors begriffen und sich darum anstrengten, viel mehr als nur Tanzmacher zu sein. John Cranko war belesen, intellektuell, kam schon gebildet, geschult an der englischen Ballett-Hochkultur, am Geschmack der künstlerischen und intellektuellen Oberschicht Londons nach Stuttgart. Er kannte sich aus, in der Musik, in Kunst und Literatur.

So nur konnte er sich anverwandeln, was die Geschichte der Künste ihm als seine größten Triumphe aufgespart hatte: Konnte "Romeo und Julia" inszenieren, als hätte noch nie einer dieses Paar wirklich lebendig geschildert seit Shakespeare selbst, konnte den russischen Lieblingsdichter Puschkin, den Lieblingsroman Russlands, seinen "Eugen Onegin" zu einem Ballett machen, dessen Tragik, Feingefühl und Gefühlsmacht bis heute auf keiner Bühne, keiner Leinwand übertroffen wurde. Nur weil er war, wie er war, konnte er seinen Solisten ein Quartett schreiben, dass die Beziehungen der Vier zu Cranko auf so schwebende, faszinierende, metaphysische Weise in Bewegung und Ausdruck verwandelte.

Und was zum Teufel war jetzt, gut achtundreißig Jahre nach Crankos Tod los in der Kompagnie, die ohne ihn heute kein Mensch außerhalb Baden-Würtembergs kennen würde? Wer im Todesjahr Crankos auf die Welt kam und Tänzer wurde, müsste jetzt langsam an den Bühnenabschied denken, so lange ist das her, natürlich. Und trotzdem. Stuttgarts Gala der Vergesslichen, das war so, als wollte die Welt an Thomas Mann erinnern und täte dies mit Marathonlesungen der Drehbuchschreiber von "Gute Zeiten schlechte Zeiten". Keine Analogie wäre drastisch genug, um zu beschreiben, was sich in Anwesenheit von Ministerpräsident Stefan Mappus, von Lothar Späth und zweihundert ehemaligen Stuttgarter Tänzern sowie einem freudig erregten auZuschauerraum des Opernhauses abspielte.

Zuerst schmetterte der Ex-Stuttgarter Ballerino Randy Diamond den Musical-Hit "This is the Moment" aus "Jekyll & Hyde". Um Mitternacht wusste man besser um die genaue Bedeutung davon: Das wäre nämlich genau der Moment gewesen, das Haus zu verlassen. Man hätte sich eine Menge erspart. Beispiel eins: La Grande Vladimir Malakhov in weißer Unterhose, der zu Camille Saint-Saens' "Schwan" aus dem "Karneval der Tiere" eben jenen sterbenden gab, in einer überflüssigen Neuverhunzung von Mauro de Candia, dessen Name aus den Annalen der Ballettgeschichte gestrichen sei, falls er dort je aufgeführt war. Malakhov ist nicht mehr jung, aber braucht das Geld, oder das Publikum, wer weiß, jeder hat dafür volles Verständnis, aber schön ist das nicht. Beispiel zwei: Christian Spuck, vom derzeitigen Ballettdirektor Reid Anderson gehätschelter Ballett-Sunnyboy, missbrauchte in seinem "Ständchen" drei Tänzer, unter ihnen den großartigen Alexander Zaitsev, für einen so unter Bierzelt-Niveau gefallenen Auftritt, dass einem die Tränen kamen vor "Fremdscham" (Jan Delay) - Männer in Knaben-Knickerbockers und Karnevalshütchen hopsen albern und kriegen das Aufstoßen und Schlimmeres.

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Veröffentlicht: 15.02.2011, 17:05 Uhr