08.10.2008 · Lange galt Kleists "Penthesilea" als unaufführbar, erst siebzig Jahre nach der Entstehung kam das Stück auf die Bühne. Die aus den Wortkatarakten dieser erschütternden Tragödie hervorstürzende Bilderflut bannt jetzt erstmals ein Zeichner in einen drastischen Comic: Lutz R.
Lange galt Kleists "Penthesilea" als unaufführbar, erst siebzig Jahre nach der Entstehung kam das Stück auf die Bühne. Die aus den Wortkatarakten dieser erschütternden Tragödie hervorstürzende Bilderflut bannt jetzt erstmals ein Zeichner in einen drastischen Comic: Lutz R. Ketscher, thüringischer Künstler und erster Preisträger in einem Wettbewerb namens "Kleist-Porträt", hat den Kampf auf Liebe und Tod zwischen der Amazonenkönigin und Achill in eine atemberaubende Szenenfolge verwandelt. Er illustriert sogar den Mythos, nach dem die Amazonen, "beengt durch volle Brüste", sich den rechten Busen ausreißen, um beim Bogenschießen den Männern nicht zu unterliegen. Und auch die von Kleist in Mauerschau und Botenbericht verlagerte grausame Zerfleischung des durch Liebe verblendeten Achill durch seine rasende Gegnerin - "Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust" - bringt er in blutiger Großaufnahme. Jene vielsagende "Pause voll Entsetzen", die im Text die Verstörung über das Geschehen verdichtet, ist nie gewaltiger ausgemalt worden. Hybris und Verblendung - "Staub lieber, als ein Wein sein, das nicht reizt" - werden so bedrückend fassbar. ("Penthesilea". Nach Kleists Trauerspiel von Lutz R. Ketscher. Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn 2008. 64 S., br., 15,- [Euro].) kos
Sachliche Romanze
Aus "Schloß Gripsholm" kennt mancher Kurt Tucholskys nüchternen Blick auf Liebesdinge. Als Lyriker forciert er die Sachlichkeit umso mehr; eine Sammlung von "Liebesgedichten" dieser Berliner Kaltschnauze kann daher nur unter erheblicher Betonung der Anführungszeichen so genannt werden. Wie Brecht scheut er auch vor Derbheit nicht zurück: Auf die "Silberputten", die bei einer imaginierten Beerdigung des lyrischen Ichs den Sarg begleiten, folgen unerbittlich, aber reimsicher nicht weniger als zweiundzwanzig "Nutten". Die trauern auf ihre ganz eigene Art: Sie "schluchzen" zwar, tun dies aber zugleich "innig und mit viel System".
Systematisch solle der Mensch auch seine nächtliche Zimmerbelegung organisieren, fordern diese Gedichte, jedes Hotel wird ihnen zum Ort "unverbrauchter Zärtlichkeit". Anders als in Heines Herzbruchlyrik gibt sich ein Tucholsky-Jüngling nicht mehr mit einem Mädchen zufrieden: "Daß man nicht alle haben kann!" Bevor der Liebeswunsch aber gar zu beliebig wird, gelingt dem Dichter dann doch noch die klangvolle Rückkehr zur Romantik: "So gib mir denn nach langem Wandern / Die Summe aller jener Andern". Unter den ausgewählten Texten sind auch regelrechte Chansons, manche davon allerdings für nächtliche Hofkrakeeler ("Wenn die Igel in der Abendstunde"). In einem aufschlussreichen Nachwort erörtert die Schriftstellerin Katja Lange-Müller die bisweilen neologistische "Sprachschönheit berlinerisch-Tucholskyscher Prägung". Eines jedoch sollte man überlegen, bevor man sich dieses Brevier zulegt: ob man sich nicht lieber gleich des Autors famose "Gedichte in einem Band", erschienen im selben Verlag, anschaffen will. (Kurt Tucholsky: "Liebesgedichte". Ausgewählt von Katja Lange-Müller. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2008. 132 S., br., 6,- [Euro].) wiel