13.05.2010 · Warten in Cannes: Das Filmfestival beginnt gemächlich
CANNES, 13. Mai
Es gibt Leute, die sagen schon am zweiten Tag des Festivals, es sei alles wie immer in Cannes. Zumindest, was das Wetter angeht, haben sie recht. Es sollte regnen, tagelang, bis über das Wochenende hinaus. Aber zur Eröffnung am Mittwoch- abend, als die Menschentrauben vor dem roten Teppich hingen und auszumachen versuchten, wer außer Tim Burton mit seiner Jury - darin vor allem Kate Beckinsale - und natürlich den Stars des Eröffnungsfilms "Robin Hood", Russell Crowe und Cate Blanchett, sonst noch so gekommen war, schien die Sonne wie immer. Der Regen kam nachts und war morgens schon wieder vorbei.
Was die Filme angeht, lässt sich das Ganze ziemlich gemächlich an, auch das nicht ganz untypisch. Die Werke, auf die alle warten, laufen am Wochenende. Bei Mathieu Amalrics "Tournée", der ersten Regiearbeit des Schauspielers, hatte man den Eindruck, dass ihm das Festival zum Auftakt des Wettbewerbs einerseits einen großen Auftritt geben wollte; denn Amalric ist, nicht erst seit seiner Rolle in Julian Schnabels Film "Schmetterling und Taucherglocke", den er mit einem Wimpernschlag unvergesslich machte, der französische Superstar schlechthin. Andererseits wird die frühe Plazierung dafür sorgen, uns bald vergessen zu lassen, was wir da gesehen haben - ein holprig erzähltes Märchen aus den Niederungen des Showgeschäfts, in dem man trotz zahlreich auftauchender Menschen aus der Vergangenheit des französischen Managers (gespielt von Amalric selbst) einer amerikanischen Burlesque-Truppe mittelalter Frauen auf Tournee in Frankreich nicht erkennen kann, wer diese Figuren eigentlich sind.
Allein darum geht es im chinesischen Konkurrenten "Rizhao Chongqing" (Chongqing Blues) von Wang Xiaoshuai. Ein Vater (Wang Xueqi) versucht zu verstehen, wer sein Sohn (Zi Yi) war. War - denn der Sohn ist tot, erschossen von Polizisten in einem Drogeriemarkt, in dem er sich mit einer Geisel verbarrikadiert hatte. Der Vater hatte ihn seit Jahren nicht gesehen, er ist Seefahrer, von der Mutter geschieden und hat eine neue Familie. Jetzt ist er in seine alte Heimat, die Stadt Chongqing, zurückgekehrt und macht sich daran, den Tod und das Leben seines Sohns zu rekonstruieren.
Chongqing ist ein großartiger Schauplatz, eine Stadt am Fluss, so steil die Ufer hinaufgebaut, dass eine Seilbahn die unteren mit den oberen Stadtvierteln verbindet. Es ist neblig dort, kühl, wie es scheint, und der Vater zieht von halbfertigen Neubauten mit atemnehmenden Blicken in feuchte Kellerwohnungen, durch grell leuchtende Clubs und überfüllte Garküchen, um herauszufinden, dass er zu all dem überhaupt keine Verbindung hat, kein Gefühl für die Gegenwart oder die Vergangenheit, nur eine große Schuld.
Man wird den Eindruck nicht los, hier gehe es um eine pralle Metapher der Zukunft des Landes, die im Vater ihre Gestalt gefunden hat. Das ist schade - Metaphern sind im Kino, der Kunst des Evidenten, ja so eine Sache. Die Geschichte des verlorenen Vaters, so wie sie begann, eliptisch, angedeutet, verwoben mit den Orten, wie sie zu Beginn erzählt wurde, hätte allein für sich für einen Film gereicht. Wang Xiaoshuai hat uns mit "Bejing Bicycle" und "Shanghai Dreams" in den letzten Jahren bereits seinen Blick auf zwei andere chinesische Städte gezeigt. An Chongqing werden wir uns erinnern. An den Rest nicht mehr lange. Auch das, könnte man sagen, ist nichts Ungewöhnliches in Cannes. VERENA LUEKEN