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Bernd Jentzsch Balanceakt der Verse

24.01.2010 ·  Vielleicht gibt es in jedem Leben einen Augenblick, in dem es durch eine einzige Handlung, einen einzigen Schritt zu einem großen, einem bedeutenden Leben wird, auch wenn wir diesen Moment nicht erkennen oder die Handlung scheinbar folgenlos bleibt.

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Vielleicht gibt es in jedem Leben einen Augenblick, in dem es durch eine einzige Handlung, einen einzigen Schritt zu einem großen, einem bedeutenden Leben wird, auch wenn wir diesen Moment nicht erkennen oder die Handlung scheinbar folgenlos bleibt.

Im Leben des Dichters Bernd Jentzsch kam dieser Augenblick im November 1976. Der DDR-Lyriker, 1940 in Plauen geboren, befand sich gerade in der Schweiz, um dort für den Verlag Volk und Welt eine viersprachige Anthologie der schweizerische Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts vorzubereiten.

Doch dann schreibt Jentzsch einen langen Brief an den "sehr geehrten Herrn Honecker", um darin seinen "leidenschaftlichen und unwiderruflichen" Protest gegen den Ausschluss von Reiner Kunze aus dem Schriftstellerverband und der Ausbürgerung Wolf Biermanns mitzuteilen (F.A.Z. vom 24. November 1976). Da er

darin eine "gefährliche kulturpolitische Tendenz" wahrnehme, halte er es für seine "kollegiale und staatsbürgerliche Pflicht, Ihnen, Herr Honecker, auf diesem Wege dazu meine Meinung zu sagen".

Bedenkt man, dass Jentzsch tatsächlich glaubte, Schaden von der DDR abwenden und wieder dorthin zurückkehren zu können, so wirkt der Brief geradezu rührend naiv - auch in seinen empörten Hinweisen auf zahlreiche andere Repressalien gegen Künstler. Aber gerade diese schlichte Geste, das ungebrochene idealistische Vertrauen in die Macht des Wortes, das einfache "Herrn-Honecker-einmal-die-Meinung-Sagen", macht diesen Brief zu einem bedeutenden Ereignis der deutschen Literaturgeschichte.

Natürlich konnte Jentzsch nicht mehr zurück; er wurde als "Verräter" und "Verbrecher" diffamiert, in der DDR hätte ihm wegen staatsfeindlicher Hetze eine jahrelange Gefängnisstrafe gedroht. In der üblichen Sippenhaft wurde die zurückgebliebene Familie getroffen, die erst Monate später in die Schweiz ausreisen durfte, wo Jentzsch (von 1986 an in der Bundesrepublik) im Exil lebte. In der DDR war nach seinem frühen Debüt "Alphabet des Morgens" (1961) kein eigener Band mehr erschienen. Schon damals geriet er wegen einiger als frauenfeindlich beurteilter Liebesgedichte in Konflikt mit der Zensur. Als Herausgeber der Reihe "Poesiealbum" wurde er in der Folge zum bedeutenden Vermittler internationaler, westdeutscher und auch unangepasster und kritischer ostdeutscher Lyrik, darunter W. H. Auden, Enzensberger, Thomas Brasch und Inge Müller.

Der 1978 im Westen erschienene Band "Quartiermachen", etwa ein Drittel der Gedichte entstand noch in der DDR, ist sein wichtigstes Buch, dessen Titelmetapher - das Sicheinrichten in der Welt, die zumindest als Provisorium, als Gast auf Erden annehmbare Heimat in einem Land oder einer Tradition - mehr als Utopie denn als Zustandsbeschreibung zu verstehen ist. "Im Fremden ungewollt zuhaus", heißt es in "Gedächtnis", den 1933 in die Schweiz geflohenen Max Hermann-Neiße zitierend. In seinem nach der Wende gehaltenen Vortrag "Von der visuellen Wohlhabenheit. Der Autor und seine buchästhetischen Vorstellungen" deutete Jentzsch schon die Umschlaggestaltung des Bands als "typographisches Dementi unserer Zuversicht, es wäre ein Leichtes, Quartier zu machen".

Die blutige Ironie der Geschichte macht Jentzsch zum Thema, die Unbehaustheit des einfachen Menschen in einem Jahrhundert der Kriege, Vertreibungen und Katastrophen; die Natur ist Schauplatz für Schlachten und Hinrichtungen ("Dieser eine Herbst"). Der in ausgelassener, "freier" Erotik ausgelebten Subjektivität setzen stets neue Machtverhältnisse Grenzen. In "Maisingen" heißt es über die Eisheiligen "Sie schrecken mich nicht. Ihre Herrschaft drei Tage. Keiner herrscht kürzer." Den Umkehrschluss liefert das Gedicht "Die Könige" mit einer schlichten Auslassung: "Und wem gehört das Korn, ihr Leute? / Dem Herrn Grafen / Und wenn er nicht, dann noch heute."

Jentzschs oft in einem täuschend leichten, fast beschwingten Ich-Ton gehaltene Verse halten eine heikle Balance aus Befreiung und Aufbruch und der Niedergeschlagenheit des totalen Illusionsverlusts: "Ich bin der Weggehetzte. / Nicht der erste, nicht der letzte. // Mir ist die Welt ins Herz gesprungen. / Mir, dem großen Lausejungen". Vielleicht ist dieses unendlich schwer zu haltende innere Gleichgewicht das Geheimnis jedes großen Gedichts, und gerade, wenn man gar kein Anliegen hat, erreicht man am meisten: "Natur ist wirklich ein Stück Natur, / Diese mehreren Malven hier, in Gablenz, / Der Ahorn, windig, sie stehen fest, ihre / Wurzeln dort, wohin ich reise, im Tal / Der Fluß, man hörts, fragt sich durch." Am 27. Januar feiert Bernd Jentzsch seinen siebzigsten Geburtstag. RICHARD KÄMMERLINGS

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