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Berliner East Side Gallery Wie oft soll die Mauer eigentlich noch fallen?

Im Streit um die East Side Gallery hat Berlin eine große Chance versemmelt. Statt darüber zu diskutieren, was die Stadt ist und sein will, wird darüber geredet, ob ein vermeintlicher Stasi-IM im Todesstreifen bauen darf.

© Pein, Andreas Vergrößern Niemand hat die Absicht, eine Mauer abzureißen: Lücke in der East Side Gallery, Stand 10. April 2013

Wenn an Berlin etwas schwer zu verstehen ist, dann ist es der Abstand zwischen seinen Möglichkeiten und seiner Wirklichkeit. Nehmen wir den Streit um die East Side Gallery. Da gibt es plötzlich die Chance, noch einmal wichtige Zukunftsfragen des Gemeinwesens auf einer Fläche von nur dreißig mal dreißig Metern zu verhandeln. Aber am Ende geht es darum, ob ein vermeintlicher Stasi-Spitzel Luxuswohnungen auf dem Todesstreifen bauen darf.

Wie kann das eigentlich sein?

Als Maik Uwe Hinkel vor vier Monaten ein Grundstück am Berliner Spreeufer kaufte, zahlte er dafür fünf Millionen Euro. Das schien viel Geld zu sein für eine Wiese, die zwischen Fluss und ehemaliger Mauer lag und auf der eine Strandbar jahrelang Partys gefeiert hatte. Aber im Grunde kaufte er nicht die Wiese, er kaufte die Baugenehmigung, die dafür bestand. Sie war schon ein paar Jahre alt und würde im Sommer verfallen, aber bis dahin erlaubte sie ihm noch den Bau eines Wohnhauses: ein Turm, dreizehn Stockwerke, fünfundvierzig Wohnungen. Er musste sich nur beeilen.

Die Mauer als Lärmschutzwall

Im Werbeprospekt sieht der Turm aus wie ein Stapel weißer, ineinanderverschachtelter Quader. An den Seiten treten breite Balkons heraus, auf denen Bäume wachsen. Auf dem Dach soll ein Windrad Strom erzeugen, zum Ufer hin gibt es ein Café, und die ehemalige Berliner Mauer, die hinter dem Haus verläuft und nach der Wende von Künstlern aus aller Welt als East Side Gallery bemalt wurde, schirmt den Straßenlärm ab. Innerhalb kurzer Zeit war die Hälfte der Wohnungen verkauft. „Bester Blick über die Stadt“, wie es im Prospekt hieß. Maik Uwe Hinkel glaubte, er habe an alles gedacht.

Als er die ersten Betonelemente mit einem Krahn aus der Mauer heben ließ, um Zugang für die Baufahrzeuge zu schaffen, war er gerade in Mailand. Sein Telefon klingelte. Die Berliner Polizei war dran. Eine Gruppe von dreihundert Demonstranten hatten die Arbeiten gestoppt. Es hatte Buhrufe gegeben, Pfeifen, Rangeleien mit den Beamten, Festnahmen. Das ist jetzt sechs Wochen her.

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In dieser Zeit wurde aus Maik Uwe Hinkel, einem mittelständischen Investor, der ein paar schöne Häuser in Berlin gebaut hatte, der Mann, der das Zeugnis des Kalten Krieges schleifen will. Tausende protestierten auf der Straße, Zehntausende unterschrieben eine Petition im Internet, die nationale und internationale Presse berichtete, David Hasselhoff kam extra aus Amerika, um das Schlimmste zu verhindern. Am Ende meldeten sich Leute, die in Maik Uwe Hinkel einen Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit erkannt haben wollten. Seitdem steht er als Spitzel da, der die Mauer abreißen will.

„Damit hätte ich in dieser Form nicht gerechnet“, sagt Maik Uwe Hinkel

„Aber man baut doch auch keine Tankstelle auf die Museumsinsel“, sagt Sascha Disselkamp.

Als er vor zwei Monaten zum ersten Mal von den Plänen hörte, saß er auf einem Treffen der Anlieger des Spreeufers. Er dachte, er solle als und für die Clubbetreiber sprechen, von denen zuletzt fast alle aus der Stadtmitte vertrieben wurden, weil die Leute dort nachts inzwischen lieber schlafen als feiern. Viele bekannte Clubs liegen heute stadtauswärts entlang der Spree, wo es noch leere Fabriken gab und keine Anwohner. Diese Brache ist so etwas wie ihre Insel geworden, auf welche die Stadtplanung bislang kaum nachgerückt ist. Da stand Maik Uwe Hinkel auf und erzählte von seinem Turm. „Das hat die Schlacht ein bisschen eröffnet“, sagt Sascha Disselkamp.

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