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Alte Funde und neue Bauten im Wüstensand

07.06.2010 ·  In wenigen Wochen öffnet das einzigartige Pyramidenfeld von Abusir. Aber das dringend notwendige neue Ägyptische Museum bei Kairo lässt auf sich warten.

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ABUSIR, im Juni

Die Pyramiden von Gizeh rauben noch immer den Touristenmassen aus aller Welt den Atem. Schon aus der Ferne ist die Spitze der Cheops-

Pyramide auszumachen, doch erst vor ihr stehend, lässt sich ihre wahre Größe und Imposanz ganz erfassen. Neben ihren Schwestern, der Chephren- und der Mykerinos-Pyramide, sollte eigentlich seit einiger Zeit schon ein weiterer Bau: stehen der Neubau des Ägyptischen Museums. Doch wohin das Auge blickt: Sand, nichts als Sand.

Auf Nachfrage berichtet der einheimische Fremdenführer von einer Baustelle, die vom Fuß des Weltwunders aus nicht zu sehen ist. Im Jahr 2003 hatte das irische Architektenbüro Heneghan.Peng.Architects im Wettbewerb für den künftigen Riesenbau gesiegt, dem der Staat ein Areal von 50 000 Quadratmetern zur Verfügung gestellt hat. Beides ist dringend nötig, denn das Ägyptische Museum am Tahrir Square im Zentrum Kairos platzt seit Jahrzehnten aus allen Nähten. 1900 wurde es vom französischen Architekten Marcel Dourgnon im neoklassizistischen Stil erbaut; seither sind die Bestände durch stetige weitere Funde ins nahezu Unermessliche angewachsen.

Dicht an dicht stehen im Altbau die Exponate, und Wafaa El Saddik, seit 2004 Generaldirektorin des Museums, kämpft verzweifelt gegen Sand, Staub und Chaos. In den Kellern des Museums durchforstet sie die Bestände, die teilweise seit Jahrzehnten in Kisten lagern, auf deren Oberseiten die Jahreszahlen auf den Pappschildern vergilben. "Würde man sich zwei Minuten pro Exponat nehmen, brauchte man zwei Monate, um das Museum zu erkunden", verkündet der Führer denn auch fröhlich, als er uns durch das Museum schleust. Die Keller rechnet er erst gar nicht mit.

Im künftigen lichten Neubau soll nichts versteckt werden. Statt verschachtelter und schlecht ausgeleuchteter Räume wie in Kairos stickiger Innenstadt wird das Gebäude Platz zum Lustwandeln bieten. In der Ausschreibung war ein "starker formaler Dialog" mit der Umgebung gefordert, der Ägypten 350 Millionen Dollar wert ist. Folgerichtig zeigen die Computersimulationen eine Architektur, die sich elegant und unverkennbar modern-organisch in die Wüstendünen schmiegt. Neben würdigem und ausreichendem Platz für die Dauerausstellung der Altertümer soll der Neubau auch Wechselausstellungen Raum bieten. Die hatten auch im Gebäude in der Innenstadt für zusätzlichen Trubel gesorgt: Allein in den letzten sechs Jahren gab es deren fünfundzwanzig.

Für Exponate und Ideen ist gesorgt, nun fehlt nur noch der Bau. 2013 solle er fertig sein, erklärt Direktorin El Saddik und lächelt hoffnungsvoll. Vermutlich wird es aber später, das weiß sie auch. Selbstbewusster geht da Zahi Hawass vor, Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung. Wenn er beispielsweise von den Pyramiden in Abusir spricht, versichert er im Brustton der Überzeugung, dass die Ausgrabungsstätte nördlich von Saqqara in zwei Monaten für Touristen geöffnet werde. Während er das verkündet, lüpft er, sich durchaus des Indiana- Jones-Charmes seiner sonnengegerbten Züge bewusst, den sorgsam ausgewählten Stetson - keine Spur von Zweifel, sondern purer Tatendrang.

Und der ist in Abusir wirklich nötig. Denn noch ist das Gelände völlig ungesichert, verwehren keine Absperrungen den direkten, schädigenden Kontakt mit den Fundstücken. Verschiedene Tempel und Pyramiden des Areals stammen aus der fünften Dynastie des Alten Reiches (2640 bis 2160 vor Christus). Doch auch für den Totenkult des Mittleren Reiches (2040 bis 1650 vor Christus) und der Spätzeit (1070 bis 332 vor Christus) finden sich Beweise.

Der künstliche Grabberg des Neferikare ist mit siebzig Metern der höchste in Abusir. In unmittelbarer Nähe befinden sich die letzten Ruhestätten der Pharaonen Neuserre, Neferefre und Sahure. Letzterer ließ die erste der Pyramiden errichten. Diesem Fund muss besondere Bedeutung beigemessen werden. Wer allerdings ähnlich Spektakuläres wie in Gizeh erwartet, wird hier enttäuscht werden. Nur ein riesiger Steinhaufen weist hin auf die Grabstätte des einst mächtigen Regenten.

Die Besonderheit liegt im Detail: Säulen mit Palmblattkapitellen markieren den zentralen Hof vor der Pyramide. Dorthin gelangte man über einen Aufweg, der in nie dagewesener Axialität vom Taltempel zur Ruhestätte führte, die mit ihrer geringen Größe ebenfalls neue Maßstäbe setzte für die Bauten der Nachfolger: War die Cheops-Pyramide aus der vierten Dynastie ursprünglich fast 150 Meter hoch, beträgt die Höhe der Pyramide von Sahure gerade mal fünfzig Meter. Der Aufweg aber war über und über mit kostbaren Reliefs verziert, die sich heute im Kairoer Museum befinden. Es war unter anderen der Archäologe Ludwig Borchardt, der zwischen 1902 und 1908 die Schätze des Pyramidenfeldes aus dem Wüstensand befreite. Später sorgte er durch seinen Fund der Nofretete und den umstrittenen Exodus der Schönen nach Berlin für weltweites Aufsehen.

Im Jahr 1994, als die Öffnung Abusirs für Touristen unmittelbar bevorstand, waren die Archäologen am Aufweg auf neue Reliefblöcke gestoßen. Der Termin musste deshalb verschoben werden. Jammerschade, dass er nun nicht mit der Eröffnung des Ägyptischen Museums zusammenfällt, in dem man einige der kostbaren Reliefs des Sahure auszustellen plant. Wer Gelegenheit hat, sie jetzt schon zu sehen, steht vor zarten, filigranen Figuren in leuchtenden Farben, die eine fremde, faszinierende Welt eröffnen. Ihre packende Schönheit sollte man gesehen haben, ehe man sich aufmacht zu den Grabhügeln im Wüstensand von Abusir. Vom 24. Juni dieses Jahres an wird Frankfurt einen Vorabblick gewähren können. Denn dann eröffnet das Liebieghaus eine Ausstellung mit dem Titel "Sahure - Tod und Leben eines großen Pharao". KATRIN IWANCZUK

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