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Absagebrief eines politischen Ästheten

01.04.2009 ·  Werner Schroeter, eine Legende des deutschen Autorenkinos, hat Juan Carlos Onettis Roman "Diese Nacht" verfilmt - in Portugal und mit französischen Stars.

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Werner Schroeter war immer ein Fremder im deutschen Film. Dass Fassbinder seine Arbeit verehrt und ihn mit Novalis, Lautréamont und Céline verglichen hatte, nützte Schroeter wenig, als die Branche in den neunziger Jahren immer stärker nach Hollywood zu schielen begann und die Fördergremien das Interesse an anderen Ausdrucksformen als dem gewöhnlichen Fernsehrealismus verloren. Auch die Bundesfilmpreise, die er für "Neapolitanische Geschwister" und "Tag der Idioten", oder der Goldene Bär, den er für "Palermo oder Wolfsburg" gewonnen hatte, zählten bald nicht mehr, und so zog sich Schroeter nach "Malina" (1991) vom Geschichtenerzählen zurück und drehte Dokumentarfilme über Opernsängerinnen ("Poussières d'amour") und über die Schauspielerin Marianne Hoppe ("Die Königin").

Sein Comeback als Spielfilmregisseur vor sieben Jahren mit dem Zwillingsmärchen "Deux" fiel in Deutschland gar nicht auf, denn der Film, in Cannes uraufgeführt, fand hierzulande keinen Verleih, anders als in Frankreich und Portugal, wo er mit einigem Erfolg lief. So ist es kein Wunder, dass auch "Nuit de chien", Schroeters neues Werk, zuerst in Paris und Lissabon gezeigt wurde, bevor es nun unter dem Titel "Diese Nacht" auf deutsche Leinwände kommt. Bewundernswert ist eher der Einsatz des Berliner Kleinverleihs Filmgalerie 451, der den Film nicht nur herausbringt, sondern ihn auch koproduziert hat - ein Geschäft mit ungewissem Ausgang, ästhetisch wie finanziell.

Denn auch "Diese Nacht" ist kein Spielfilm, der sich damit begnügt, mit möglichst vielen Stars eine möglichst kassenträchtige Story zu erzählen, obwohl er beides hat, die Story und die Stars und dazu als literarische Referenz den Roman eines berühmten Schriftstellers, der Schroeter als Vorlage dient. Juan Carlos Onettis "Para esta noche", ein Frühwerk des großen Autors aus Uruguay, ist die Geschichte einer Hafenstadt im Belagerungszustand, im Übergang von einer Diktatur zur nächsten; ein Endspiel zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen. Auf den Quais drängen sich die Flüchtlinge, die das letzte Schiff in die Freiheit erwischen wollen, während sich in den Villen auf den Hügeln die Machthaber von gestern gegenseitig abschlachten und am Nachthimmel die Sturzbomber des neuen starken Mannes ihre Kreise ziehen.

In dieses Gomorrha, dem Onetti den Allerweltsnamen Santa Maria gegeben und das Schroeter im portugiesischen Porto wiedergefunden hat, kommt ein Mann auf der Suche nach einer Frau. Ossorio (Pascal Greggory) hat einen Hilferuf seiner früheren Geliebten Clara empfangen, aber als er eintrifft, ist sie bereits verschwunden. In der langen Nacht, die folgt, trifft er die Honoratioren des untergehenden Kleinstaats, die Nachtklubbesitzerin Madame Risso (Nathalie Delon) und ihre Edelhure Irène (Amira Casar), den Exdiktator Barcala (Sami Frey) und seinen Gegenspieler Morasan (Bruno Todeschini), den Armeegeneral Martins (Jean-François Stévenin) und die Pensionswirtin Inès (Bulle Ogier). Wie man sieht, hat Schroeter die Crème des französischen Autorenkinos für seinen Film aufgeboten, so wie er auch schon früher lieber mit ausländischen als mit deutschen Schauspielern gedreht hat - nicht, weil die Franzosen die größeren Künstler wären, sondern weil sie seine besondere Form der Künstlichkeit offenbar besser verstehen als die Heldendarsteller Germaniens.

Und künstlich, kunstgesättigt, mitunter auch arg verkünstelt ist "Diese Nacht" allemal. Der Kameramann Thomas Plenert, den Schroeter bei der Arbeit an seiner Marianne-Hoppe-Hommage kennengelernt hat, taucht die Geschichte in eine Palette von Signalfarben, in der jede Einstellung zur Opernszene wird, ganz gleich, ob sie in einem Badezimmer, einer Bar oder einer Kirche spielt. Die gefolterte Amira Casar kniet vor dem Altar, als wollte sie gleich zu singen anfangen, der Chef der Geheimpolizei hat offensichtlich zu viel "Tosca" geguckt, und Sami Frey wälzt sich in weißen Flaumfedern, bevor er seinen Dynamitgürtel in ein Kissen steckt, mit dem er sich in die Luft sprengt. "Diese Nacht" ist der Albtraum des Til-Schweiger- und Marcus-Rosenmüller-Fans, ein Film wie ein Anschlag auf die kalorienbewusste deutsche Kinospaßgesellschaft, die den Exzess ebenso konsequent ausblendet wie die Askese.

Schroeter dagegen will beides, den visuellen Überschwang und das elliptische, bruchstückhafte Erzählen, und Onettis Roman bietet für diese Doppelstrategie den idealen Rahmen. Eine der stärksten Szenen des Films spielt im Haus des Geheimdienstchefs, der sich gerade umgebracht hat. Die Leichen des Folterers und seiner Familie liegen zwischen ausgestopften Löwen und Tigern, während seine Schergen schon die Stereoanlage und die Kücheneinrichtung als Kriegsbeute fortschleppen. So schwankt "Diese Nacht" fortwährend zwischen Pathos und Satire, zwischen höherem Schabernack und politischer Totenklage. Auch mit diesem Film wird Werner Schroeter im deutschen Kino wohl nicht wieder heimisch werden. Im Gegenteil: Er ist sein Absagebrief. ANDREAS KILB

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