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Veröffentlicht: 18.07.2013, 15:20 Uhr

Feindliche Übernahme?

Die Geisteswissenschaften wehren sich gegen falsche Ansprüche der Informatik, aber setzen auf die „Digital Humanities“ / Von Jan Röhnert

Selten war die Einmütigkeit unter den Betroffenen so groß: Eine ganze Wissenschaftskultur stellt sich quer zum Zeitgeist - und könnte ihm dennoch bald geopfert werden. Dabei geht es dieses Mal nicht um die Kürzung oder Schließung einzelner Fächer in Zeiten von Spardiktat und Haushaltsknappheit. Ein Gespenst geht unter den Geisteswissenschaftlern um - das Gespenst einer feindlichen Übernahme ihrer Fächerkultur durch die Dogmen der Informatik.

Diese Drohkulisse zeichnete sich jüngst auf dem Sommerplenum des Philosophischen Fakultätentages in Chemnitz ab. Sie ließ andere Debatten wie die Unzufriedenheit mit der gängigen Praxis des auf dem Prüfstand des Bundesverfassungsgerichts stehenden Akkreditierungswesens, die Solidarität mit dem Protest des DAAD gegen umfangreiche Mittelstreichungen des Auswärtigen Amtes oder den Umgang mit Plagiaten in Promotionen in den Hintergrund treten.

Für tiefe Verstörung unter den Delegierten sorgte nicht etwa die anerkannte Notwendigkeit, sich den Herausforderungen der digitalen Wissensgenerierung und -vermittlung zu stellen, sondern die Forderung der Informatik, mit dem Einzug der Digitalisierung auch das Arsenal ihrer mathematischen Methoden und Instrumente über interpretationsintensive, hermeneutisch ausgerichtete Disziplinen wie die Philologien oder die Geschichtswissenschaften triumphieren zu lassen. Die mit nahezu missionarischem Eifer vertretenen Thesen des Bremer Informatikers Manfred Wischnewsky zu einem „Paradigmenwechsel“ in den Geisteswissenschaften, die in einem gewaltigen digitalisierungstechnischen Umstrukturierungsprozess einem „alten Menschheitstraum“ näher kämen, brachten in all ihrer Missverständlichkeit die Alarmglocken der Delegierten zum Klingeln.

Der prophezeite Qualitätssprung durch die Paradigmen der Informatik samt beigefügter Begründung, wonach die Anforderungen von morgen nicht mit den Methoden von gestern zu bewältigen seien (so wurde Jürgen Renn vom Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte zitiert), erinnerte in seiner Programmatik frappierend an ebendie Methoden von gestern oder vorvorgestern - nämlich den Positivismus des späten 19. Jahrhunderts. Das Beispiel der als Meilenstein gepriesenen Klangrekonstruktion eines antiken Instrumentes schien nurmehr eine Informatikgläubigkeit zu bestätigen, die quantitativ erzeugte technische Simulationen bereits als qualitativen Wissenszuwachs ausgibt.

Wer Zeuge dieser Diskussionsrunde im früheren Karl-Marx-Städter Interhotel wurde, wo gegenüber die berühmte Marx-Büste an einen anderen fatalen Traum vom „neuen Menschen“ erinnert, der erlebte ein klassisches Lehrstück in der

Konfrontation der „beiden Kulturen“ (Charles Percy Snow), und zwar zwischen dem quantitativ akkumulierenden Wissen der Naturwissenschaften und Technikdisziplinen auf der einen und dem qualitativ deutenden Denkmodell der Geisteswissenschaften auf der anderen Seite.

Es wird noch einiger grundlegender Arbeit bedürfen, um die immer wieder beschworene Brücke zwischen Naturwissenschaften, Technik und Geisteswissenschaften auch wirklich tragfähig bauen und beschreiten zu können. Dies ist umso dringlicher, als die digitale Welt in Forschung und Lehre längst Einzug gehalten hat, ohne dass Chancen, Risiken und Konsequenzen dieser irreversiblen Entwicklung bereits hinreichend diskutiert worden wären.

Virtuelle Brückenbauer wie der Göttinger Germanist Gerhard Lauer, der das dortige „Center for Digital Humanities“ leitet, oder der Passauer Mediävist und Mathematiker Malte Rehbein, der einen von bundesweit vierzehn Lehrstühlen für „Digital Humanities“ innehat, sind mehr denn je gefragt. Wer wie Rehbein einen Abschluss und Erfahrung in beiden Kulturen mitbringt, dem kann es am ehesten gelingen, kursierende Missverständnisse abzubauen und gegebenenfalls Methoden und Erkenntnisse der einen Wissenschaftskultur für die andere fruchtbar zu machen. Das ist etwa dort sinnvoll, erklärt Rehbein, wo es riesige Datenmengen auszuwerten gilt, die mit traditionellen geisteswissenschaftlichen Instrumentarien weder erfasst noch gedeutet werden können.

Solche Software, die - nicht unähnlich den kürzlich aufgedeckten Spionageprogrammen „Prism“ und „Tempora“ - unvorstellbar große Informationsmengen analysiert, lenkt den Blick auf neuartige Probleme und Fragestellungen, die den Kompetenzbereich des klassischen Geisteswissenschaftlers nicht beschneiden, sondern erweitern könnten. Beispiele hierfür sind die Rekonstruktion fragmentarisch überlieferter antiker oder mittelalterlicher Quellen oder das auf der computergestützten Textanalyse eines in die Tausende gehenden Romankorpus basierende geopoetische Forschungsprojekt des italienischen Literaturwissenschaftlers Franco Moretti.

Rehbein und Lauer warnen zugleich vor überzogenen Erwartungen in die Digital Humanities - sie sind kein Allzweckmittel, sondern taugen vor allem zur Lösung spezifischer, vorab klar definierter Problemfelder. Dort können sie dann allerdings erstaunliche Ergebnisse hervorbringen. Die Geisteswissenschaften, so der Tenor auf dem Sommerplenum des Fakultätentages, sind also weder technik- noch informatikfeindlich, wollen sich jedoch von außen keine Vorschriften machen lassen, wie sie mit der Digitalisierung umzugehen haben. Und das ist, glaubt man den in beiden Kulturen ausgewiesenen Fachleuten für Digital Humanities, auch gut so. Die Computer liefern eben nach wie vor nur die Fakten und Formeln, während die Reflexion und Kreativität bei den Forschern selbst verbleiben. Bei wem auch sonst?

Der Autor ist Heyne-Juniorprofessor für neuere und neueste Literatur in der technisch-wissenschaftlichen Welt am Institut für Germanistik der TU Braunschweig.

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