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Es besteht noch kein Grund zur Sorge

26.07.2007 ·  Die Perspektiven für den Dax bleiben günstig / Die technische Analyse / Von Wieland Staud

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FRANKFURT, 26. Juli. Wissenschaftliche Arbeiten aller Art kommen stets zu dem Ergebnis, dass das System "Börse" ziemlich komplex ist. Das ist nachvollziehbar. Allein die Frage der Erwartungen, die der eigenen und die der anderen, dazu Einflussparameter wie Angst und Gier, volkswirtschaftliche und unternehmensspezifische Daten und schließlich auch die politische Großwetterlage garantieren diese Komplexität. Erstaunlicherweise wird oft genug daraus abgeleitet, dass deshalb auch die Prognose der Börsenentwicklung nur durch ebenso vielschichtige und aufwendige Modelle möglich ist.

Wir von Staud Research sind entschieden anderer Meinung. Wer sich grundsätzlich nur in Richtung des Trends engagiert, und das auch nur dann, wenn die Mehrheit von exakt diesem Engagement nicht überzeugt ist oder sogar davon abrät, der wird in zwei Dritteln aller Fälle zumindest nicht falschliegen. Das beste Beispiel dafür liefert die gerade zu Ende gehende Börsenwoche. In den einschlägigen Organen hatte sich die Mehrzahl der Analysten für diese Woche sehr zuversichtlich gezeigt. Gerade in der Flut anstehender Halbjahresberichte sahen sie die Chance für weitere Kurssteigerungen. Die Zahlen würden wahrscheinlich mehrheitlich gut ausfallen und deshalb dem Deutschen Aktienindex Dax Schubkraft verleihen.

Abgesehen davon, dass diese Analysten gute Zahlen mit guten Kursen in Verbindung bringen - erfahrungsgemäß muss das eine nicht immer unbedingt etwas mit dem anderen zu tun haben -, so viel Optimismus verträgt ein Markt in der Regel nicht. Zeigt der kurzfristige Trend dann auch noch nach unten, dann ist ziemlich klar, was passieren wird, und vor allem, was mit einiger Sicherheit nicht geschehen wird. Man mag es bedauern und beklagen: Die Mehrheit liegt eben meistens schief. Das ist nicht zu ändern.

Analytisch hat der Kursrutsch der zu Ende gehenden Woche in den Aktienkursverläufen ohne Zweifel tiefe Spuren hinterlassen. Wenn ein Index wie der Dax sich nach langer Unentschlossenheit wieder eindeutig zu einer Richtung bekennt, dann ist das in der Regel mehr als nur ein durchziehendes Gewitter. Dann muss damit gerechnet werden, dass es eine gewisse Zeit dauern wird, bis das Tief der Konsolidierung ausgelotet ist und der Markt wieder frei und die Zeit reif für einen neuen nachhaltigen Kursanstieg ist.

Aber so weit ist es momentan noch nicht. Weitere Kursrückschläge, im Mittel bis in den Unterstützungsbereich zwischen 7525 und 7590 Punkten beziehungsweise im Extrem bis auf 7350 Punkte, können momentan nicht ausgeschlossen werden. Solange aber der eingezeichnete langfristige Aufwärtstrend seit März 2003 und damit ein Kurs von aktuell rund 7130 Punkten nicht unterschritten wird, so lange ändert sich an den guten bis sehr guten langfristigen Perspektiven nichts. Ohne Wenn und Aber: Wir gehen weiterhin davon aus, dass nach dem Abschluss der aktuellen Konsolidierung - die möglicherweise sogar eine Korrektur ist - die entscheidende Widerstandszone zwischen 8075 und 8105 Punkten überwunden werden kann. Danach wird sich der Dax zu dem dann gültigen Ziel von 8950 Punkten aufmachen.

Ein wesentlicher Grund für unsere Zuversicht ist erneut die Meinung der Mehrheit. Die ist zwar, wie gesehen, kurzfristig positiv gestimmt, aber langfristig ist sie das, schenkt man den Sentimentindikatoren von Staud Research Vertrauen, erstaunlicherweise nicht. Und gerade nach den Kursrückschlägen in der vergangenen Woche mehren sich die Stimmen, die auch die langfristigen Perspektiven des Dax nicht mehr so rosarot sehen wie zuvor.

Langfristig bleiben die Dinge also ebenso im Lot wie kurzfristig ein wenig wackelig. Aber sehen wir die Dinge doch mal so: Der Dax hat seit Jahresbeginn in der Spitze mehr als 1500 Punkte gewonnen und davon nun seit dem Höchstkurs Anfang Juli bei 8152 Punkten etwa ein Drittel wieder abgegeben. Mehr nicht! Selbst wenn noch ein paar Punkte dazukommen sollten, ist das kein Grund für Krisenstimmung, sondern schlimmstenfalls ein Hinweis darauf, dass wir in den vergangenen zwölf Monaten verwöhnt wurden und nun die Rückkehr zu normalen Zeiten ansteht. Irgendwann muss auch der kräftigste Bulle verschnaufen.

Ein kurzer Blick auf andere wesentliche Märkte: Der Euro hat gegenüber dem Dollar ebenso ein Rekordhoch erzielt wie das Fass (159 Liter) Nordseeöl. Signifikante Kurssteigerungen blieben dennoch in beiden Charts bisher aus. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Es spricht wenig für einen in der nahen Zukunft wieder signifikant erstarkenden Dollar oder für billiges Benzin an den Zapfsäulen.

Die Rückschläge an der Wall Street sind ebenso wie die auf dem alten Kontinent unter einem technisch-analytischen Aspekt nicht angenehm. Sie treffen die Märkte aber in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Nach den hohen Kursgewinnen der letzten Zeit kann weder beim Nasdaq noch beim Dow Jones so schnell irgend etwas Grundsätzliches kaputtgehen. Es bleibt mit den bekannten Stopps (2550 und 13 000 Punkte) bei den vorgestellten Kurszielen von 3160 und 14 650 Punkten. Schließlich bleiben auch die Märkte in Fernost in intakten langfristigen Aufwärtstrends, die mit Sicherheit ihren Zenit nicht überschritten haben. Auch diese beiden analytischen Aspekte sind für uns ein relativ guter Hinweis darauf, dass eine Trendwende hierzulande höchstwahrscheinlich nicht ansteht.

Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

Quelle: F.A.Z., 27.07.2007, Nr. 172 / Seite 22
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