06.05.2005 · Noch nie konnte ein Labour-Politiker solche Erfolge verbuchen wie Tony Blair mit seinem dritten Wahlsieg. Für seine Partei war der 5. Mai denn auch ein Tag der Rekorde. Doch war den meisten nicht zum Feiern zumute, am allerwenigsten dem Abgeordneten von Sedgefield im Norden Englands.
Noch nie konnte ein Labour-Politiker solche Erfolge verbuchen wie Tony Blair mit seinem dritten Wahlsieg. Für seine Partei war der 5. Mai denn auch ein Tag der Rekorde. Doch war den meisten nicht zum Feiern zumute, am allerwenigsten dem Abgeordneten von Sedgefield im Norden Englands. Er stand mit grimmiger Miene da, während er erfuhr, daß ihn sein Wahlkreis sogar mit größerer Mehrheit wieder nach Westminister entsandt hatte. In Gedanken war er anderswo. Womöglich hatte er das strahlende Gesicht des Schatzkanzlers Gordon Brown vor Augen, der in den letzten Tagen so gelassen schien wie nie. Plötzlich ist es, als seien die Rollen vertauscht: Blair weiß, daß seine Tage gezählt sind, und runzelt die Stirn. Dagegen ist die strenge kalvinistische Miene des Schatzkanzlers wie vom Winde verweht. Brown weiß, daß er sich dem Ziel naht, das er seit Jahren anstrebt mit der sturen Entschlossenheit der Schildkröte, die den Hasen überflügelt: das Premierministeramt, von dem er seit jeher glaubte, es habe eigentlich ihm zugestanden. Wie fern ist jetzt jener Sonnenaufgang vor acht Jahren gerückt, an dem der frischgewählte Premierminister den Anbruch einer neuen Ära verkündete.
Tony Blair wurde von seiner Partei stets mehr geduldet als geliebt. Mitunter wirkt das pragmatische Arrangement, das Labour mit ihm einging, als er sich 1994 zum Parteiführer wählen ließ, wie eine Art Teufelspakt. Blair, der Sohn aus dem gehobenen Mittelstand, der in einem privaten Internat und in Oxford wie die besten Tories ausgebildet worden war, versprach, Labour nach vier Wahlniederlagen wieder salonfähig machen. Im Gegenzug sollten die Alt-Labour-Genossen, die utopischen Vorstellungen vom Sozialstaat nachharrten, Stillschweigen bewahren, um die Wähler zu gewinnen, die sich in Scharen von den Konservativen abwandten. Eine Zeitlang ging alles gut. Wann immer die bösen Geister der Vergangenheit spukten, konnte er sie, den Blick fest auf seinen Platz in den Geschichtsbüchern gerichtet, wieder vertreiben. Doch mit der Zeit wurde immer klarer, daß ihm die Form mehr bedeutete als der Inhalt, daß er Geschäftigkeit vorzutäuschen wußte und immer neue Taten ankündigte, ohne sie zu verwirklichen. Mit seinem zunehmend autokratischen Führungsstil, der Mißachtung des Parlaments und der Hinzuziehung nichtgewählter Berater wuchs die Entfremdung, nicht nur von der eigenen Partei. Mit dem Irak-Krieg entstand eine nicht mehr zu überbrückende Kluft. Es gehört zu den großen Paradoxien seines Wesens, daß dieser Politiker, der sich sonst auf seinen untrüglichen Instinkt für den Zeitgeist verlassen konnte, in dieser Frage ein Prinzip über den Opportunismus stellte. Der vielfach kritisierte präsidiale Stil nahm am Tag vor der Wahl unfreiwillig komische Züge an, als der Premierminister und seine Frau einer Boulevardzeitung intime Details über ihr Privatleben anvertrauten. Früher nannte man den Premierminister Teflon-Tony, weil kein Dreck an ihm hängenblieb. Der Beiname "Fünfmal in einer Nacht Tony" wird nun an ihm haftenbleiben. Blair, der am Freitag 52 Jahre alte geworden ist, dürfte kaum zum Feiern zumute gewesen sein.
GINA THOMAS