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Elektronisches Buch Zahlen aus Amerika schocken die Buchbranche

12.10.2011 ·  Das elektronische Buch steht vor dem Durchbruch. Zahlen vom amerikanischen Markt alarmieren auch deutsche Buchhändler. Dennoch glauben sie, am Branchenwachstum zu partizipieren. Das größte Hindernis: 60 Prozent des digitalen Marktes beherrschen Raubkopierer. In Frankfurt präsentiert sich eine verunsicherte Buchbranche im Umbruch.

Von Georg Giersberg
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Die Welt des Buches verändert sich. Noch sind es nur kleine Inseln in der Welt der Bücher, die sogenannten Hot Spots auf der Frankfurter Buchmesse. Auf diesen Hot Spots präsentieren 100 Aussteller ihre Version vom digitalen Buch - sie stellen Technik vor, Programme und Dienstleistungen für das elektronische Buch. Aber auch wenn nebendran noch die meisten der 7400 Aussteller gedruckte Bücher ausstellen, steht die Messe ganz unter dem Eindruck der neuen Medien. Konnte man bisher darauf verweisen, dass hierzulande seit acht Jahren über das elektronische Buch gesprochen wird, es aber dennoch keine nennenswerten Marktanteile erobern konnte (jüngste Marktdaten geben dem elektronischen Buch hierzulande einen Marktanteil von 0,7 Prozent), so haben jetzt Erhebungen aus den Vereinigten Staaten aufhorchen lassen.

Im ersten Halbjahr 2011 sind nach Angaben der Buchmesse die Umsätze mit Taschenbüchern jenseits des Atlantiks um 64 Prozent und die mit fest gebundenen Büchern um 25 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig sei der Markt für elektronische Bücher expandiert und liege derzeit bei manchem großen Verlag schon bei 20 Prozent des Umsatzes. Das iPad von Apple habe den Markt bereitet, weitere Geräteanbieter folgen wie Amazon mit dem Kindle fire.

Die Lesegeräte werden immer preiswerter

Auch in Deutschland steigt die Zahl neuer Lesegeräte von Weltbild Hugendubel, von Thalia und auch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der über seine Tochtergesellschaft MVB ein Gerät herausbringt, das der Buchfachhandel vom 2. Januar kommenden Jahres an vertreiben wird.

Viele Beobachter gehen davon aus, dass die technische Entwicklung jetzt so weit ist, um dem elektronischen Buch zum Durchbruch zu verhelfen. Die Geräte sind preiswerter (bei Weltbild 60 Euro), haben Farbdisplays und liegen ergonomisch bequem in der Hand. Das elektronische Buch, dessen Anteil am Branchenumsatz in den vergangenen Jahren immer nur bei knapp einem Prozent lag, wird in diesem Jahr auf 3 Prozent steigen, einige Beobachter erwarten gar 5 Prozent. Gottfried Honnefelder, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, geht davon aus, dass er in fünf Jahren bei knapp 10 Prozent liegen wird. Das wäre ein großes Wachstum in einem Gesamtmarkt, der im bisherigen Jahresverlauf noch im Minus (2 bis 3 Prozent) liegt.

Die Buchbranche setzte in Deutschland im vergangenen Jahr 9,7 Milliarden Euro um, 0,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Davon entfielen mit 4,9 Milliarden Euro ziemlich genau 50 Prozent auf den stationären Buchhandel. Dieser hat im Augenblick große Schwierigkeiten, weil immer mehr Bücher über das Internet bestellt werden. Honnefelder zeigte sich bei der Eröffnung der Buchmesse aber überzeugt davon, dass der Buchhandel seinen Anteil von etwa 50 Prozent über die kommenden 15 Jahre halten könne. Handel wie Verlage seien sich der Herausforderungen durch die Elektronik bewusst und nähmen sie an.

Viele Bücher werden illegal heruntergeladen

Große Sorge bereite der Urheberrechtsschutz im Internet. 60 Prozent aller in Deutschland aus dem Netz heruntergeladenen Bücher seien illegal heruntergeladen worden. „Die illegale Entwicklung im Netz ist weiter als die legale“, beklagt Honnefelder. Dass dies ein internationales Problem ist, belegt Boos mit den Worten, in einigen Ländern übersteige die Zahl der elektronischen Lesegeräte (E-Reader) die der legal heruntergeladenen elektronischen Bücher um das 100fache. Eine Lösung für das Urheberrechtsproblem ist nicht in Sicht. Auch der Bitcom, der erstmals auf der Buchmesse ausstellende Branchenverband der Informationstechnik, der Telekommunikation und der Neuen Medien, hat bisher keine Vorstellung, wie man in der elektronischen Welt das Urheberrecht schützen kann.

Honnefelder forderte auf der Messe die Politik auf, die Internetanbieter zu verpflichten, Warnhinweise anzubringen, die den Nutzern sagen, was legal und was illegal ist. In Umfragen hätten 81 Prozent derjenigen, die illegal Inhalte herunterladen, die Meinung vertreten, dass Warnhinweise das illegale sogenannte Filesharing eindämmen würden.

Nach Ansicht von Boos ist die Elektronik aber mehr als nur ein neues Medium für alte Inhalte. Durch die Elektronik werde der gesamte Produktionsprozess der Branche in Frage gestellt. Bisher sei er rein linear organisiert gewesen: Der Autor schreibt ein Buch, der Verleger verlegt es, der Händler verkauft die Rechte, der Leser liest, dann interessierte sich ein Filmemacher dafür. Alles passiert zeitlich nacheinander. „Diese Verwertungskette hat sich atomisiert. An jeder Schnittstelle gibt es heute viele Abzweige“, sagt Boos. „Statt Verwertungsketten gibt es heute dreidimensionale Verwertungsräume.“ Amazon bietet Autoren an, ihre Bücher direkt (ohne Umweg über den Verlag) elektronisch im Kindle-E-book-store zur Verfügung zu stellen - gegen 70 Prozent des Verkaufspreises.

Inhalte würden künftig gleichzeitig für gedruckte und elektronische Bücher sowie für Spiele und Filme geschrieben, glaubt die Buchmessegesellschaft. In Internetspielen werden sogar Inhalte von Millionen von Mitspielern weiterentwickelt, von denen Teile später als Buch erscheinen oder im Film umgesetzt werden. Auf dieser Buchmesse sind daher erstmals auch Anbieter von Internetspielen vertreten. Insgesamt bietet fast jeder zweite Aussteller elektronische Produkte an. Der Rechtehandel, der früher nur über Länder- und Sprachgrenzen ging, gehe heute auch über technische Grenzen. Die Messegesellschaft erwartet 15000 Rechtekäufer auf der Messe. Wie sich das Buch in Zukunft entwickelt, weiß derzeit niemand. Diese Ungewissheit drückt sich auch in den 3000 Kongressen, Foren und Diskussionsveranstaltungen aus, wobei es in 500 Fällen um die neue digitale Welt geht, um die Überlappung von Buch, Film, Spiel und elektronischer Welt. „Es gibt eine Messe der Experimente“, kündigte Boos vor der Veranstaltung an, die am Wochenende auch für das allgemeine Publikum geöffnet sein wird. Auf ihr präsentieren 7400 Aussteller aus 110 Ländern ihre Produkte, darunter 3300 Aussteller aus Deutschland.

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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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