12.10.2007 · Die Gewerkschaft Verdi will im Einzelhandel in Hessen mit Streiks den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen. Sie streitet für den Erhalt von Abend- und anderen Zuschlägen. Die Arbeitgeber verweisen dagegen auf Wegfall des alten Ladenschlusses.
Von Thorsten WinterEs klingt fast wie auf einer Halloween-Party, als Bernhard Schiederig mit mehr als 500 Kolleginnen und Kollegen die Rheinstraße hinauf zum Luisen-Center marschiert. Nicht nur mit Trillerpfeifen, sondern auch mit schrägen Heultönen machen die gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten des hessischen Einzelhandels auf sich und ihre Forderungen in dem seit Wochen schwelenden Tarifstreit aufmerksam. Für 6,5 Prozent mehr Gehalt gehen sie an diesem Freitag in Darmstadt auf die Straße statt an ihre Arbeitsplätze bei Karstadt und H&M in Darmstadt und Viernheim, Real in Groß-Gerau oder bei einem der 60 bestreikten Schlecker-Märkte in Südhessen. 130 Euro im Monat zusätzlich für Vollzeitbeschäftigte und 50 Euro für die Auszubildenden streben sie an.
Doch den Frauen und Männern aus Darmstadt und Viernheim geht es nicht nur um Stundenlöhne, wie Schiederig, Landesfachbereichsleiter der Gewerkschaft Verdi, sagt. So streiten die Verdi-Mitglieder für den Erhalt der Zuschläge für die Arbeit an Sonn- und Feiertagen und zu später Stunde, sie setzen sich zudem für einen monatlichen Mindestlohn von 1500 Euro brutto für Vollzeitkräfte ein. Derzeit liege der Tariflohn für ungelernte Mitarbeiter im Einzelhandel bei 1230 Euro im ersten Jahr, im zweiten Jahr gebe es 1375 Euro. Einem Einzelhandels-Kaufmann fließen nach der Lehre 1575 Euro aufs Konto. 2006 Euro gebe es nach dem Stand der Dinge vom sechsten Jahr an - "das ist die Endstufe", wie der im Demonstrationszug mitlaufende Schiederig hervorhebt.
Verdi: Inoffizielles Angebot inakzeptabel
Die Arbeitgeber haben bisher kein Angebot vorgelegt. Doch sind sie grundsätzlich bereit, jene Offerte zu unterbreiten, die etwa in Nordrhein-Westfalen auf dem Tisch liegt, wie der hessische Verhandlungsführer Alexis Lamaye sagt. In Nordrhein-Westfalen bieten die Unternehmen bei einer Laufzeit des neuen Tarifvertrags von zwölf Monaten 1,7 Prozent mehr Geld, wobei es aber in den ersten fünf Monaten nicht mehr geben soll. Daraus errechnet Verdi eine Lohnerhöhung von 0,99 Prozent für die 150.000 Mitarbeiter des Einzel- und Versandhandels in Hessen. Zudem wollen die Arbeitgeber die Abendzuschläge abschaffen. Derzeit erhalten Beschäftigte für die Zeit nach 18 Uhr einen Zuschlag von 22 Prozent und nach 19.30 Uhr ein Plus von 35 Prozent - das macht laut Verdi 200 Euro im Monat aus, die die Händler nicht mehr zahlen wollten. Dem steht, so Schiederig, eine Lohnerhöhung von durchschnittlich 18 Euro gegenüber - "und das ist nicht akzeptabel", zumal die Erträge trotz unbefriedigender Umsätze vielfach gut seien.
Für Lamaye ist dies eine "sehr einseitige Rechnung". Schließlich gebe es ganze Mitarbeitergruppen, die abends nicht eingesetzt würden und von einem Wegfall der Zuschläge keinen Nachteil hätten. Die Zuschläge zur Disposition zu stellen begründet Lamaye mit dem Wegfall der Ladenschlusszeiten unter der Woche. Infolgedessen sei der Abend zur normalen Arbeitszeit geworden. Da Verdi über diesen Punkt aber nicht einmal reden wolle, werde es auch kein konkretes Angebot geben. "Wir würden ja doch nur nach fünf Minuten wieder auseinandergehen."