19.08.2004 · PAUL HAMM
Anstelle von Paul Hamm hätte auch sein Bruder auf dem Siegerpodest stehen können - als erster amerikanischer Olympiasieger im Zwölfkampf, als bester Turner der Welt. Und das nicht nur, weil es kaum einer bemerkt hätte, so ähnlich sehen sich die 21jährigen Zwillingsbrüder mit ihren Sommersprossen im freundlichen "Babyface", wie es ihre Landsleute nennen. Nein, Morgan Hamm hätte wohl auch das Zeug gehabt zu einem solch großen Erfolg, wäre er nicht vor drei Jahren übel auf den Barren gestürzt. Durch eine Nervenverletzung in der Schulter war der linke Arm vier Monate lang taub, und obwohl das Gefühl zurückkehrte, ließ sich der Muskelschwund nicht wieder komplett kompensieren. Und so hat nun sein Bruder Paul Geschichte geschrieben.
Zwei Tage nach dem Silber im Mannschaftswettbewerb, das die beiden Brüder mit der amerikanischen Riege hinter Japan errungen hatten, gewann Paul Hamm einen der dramatischsten Wettkämpfe der Geschichte. Nach seinem Sturz beim Sprung, mit dem er fast an den Kampfrichtertisch flog, schien die Chance vertan. In der vierten von sechs Übungen gab es nur 9,137 Punkte und den Absturz von Platz eins auf zwölf. Doch mit zwei großartigen Vorführungen an den beiden Abschlußgeräten, jeweils 9,837 Punkte am Barren und am Reck, überholte er noch die beiden Koreaner Kim Dae Eun und Yang Tae-young. Sein Vorsprung von zwölf Tausendstelpunkten vor Kim war der knappste, den es bei Olympia bisher gab.
Kühl, konzentriert, solide, nervenstark: ein typisch amerikanischer Wettkämpfer war Hamm schon immer. Nun könnte er mit dieser Geschichte, wie sie das Fernsehen erfunden haben könnte, auch ein amerikanischer Held werden. In der Liste der "fünfzig interessantesten Junggesellen" der amerikanischen Klatschpostille "People" tauchte Paul Hamm ebenso wie sein Bruder schon nach seinem Weltmeistertitel im Zwölfkampf 2003 auf. Nun bekommt er vielleicht sogar einen Werbevertrag und schafft neue Belebung für eine Sportart, die fast nur in privaten Klubs betrieben wird - wie von den Brüdern aus Waukesha in Wisconsin, die als Siebenjährige den "Swiss Turners" beitraten.
In den Vereinigten Staaten ist Turnen das populärste Olympiaprogramm - bisher hieß das aber: das Turnen der Frauen. Von den Spielen 2000 in Sydney sendete NBC drei Turn-Stunden der Frauen - und neun Minuten der Männer. Hätte das amerikanische Fernsehen auch am Mittwoch aus Athen nur neun Minuten übertragen, es hätte ziemlich viel verpaßt: Die Nachrichtenagentur "AP" nannte es "das größte Comeback der olympischen Turngeschichte".
cei.