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Die Twitterkönigin

Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner kommuniziert am liebsten ohne lästige Journalisten. Pressekonferenzen hat sie abgeschafft. Tweets und Fernsehauftritte liegen ihr weit mehr.

BUENOS AIRES, 18. Februar

Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner pflegt ihre Entscheidungen nach einem strengen Ritual zu verkünden, bei dem sie vor Ministern und deren Gefolge, hohen Beamten und Mitgliedern regierungsfreundlicher Organisationen wie eine Königin vor ihrem Hofstaat auftritt. Fast immer müssen diese Monologe in einer cadena, der Zusammenschaltung sämtlicher Rundfunk- und Fernsehkanäle, übertragen werden. Das ist vom Gesetz zwar nur für Katastrophenfälle vorgesehen, doch die Präsidentin hält bisweilen selbst die Eröffnung einer Straße für so staatstragend, dass sie deshalb die cadena bemüht. Im vergangenen Jahr hat sie auf diese Weise 22 Mal die Sender zusammenschalten lassen. Einmal hatte sie selbst Gefolgsleute verärgert, als sie eine derartige „Schalte“ zur argentinischen Primetime um 22 Uhr ansetzte.

In jüngster Zeit muss die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner bemerkt haben, dass das Ritual an PR-Wirkung eingebüßt hat. Sie hat sich deshalb wieder einer weit einfacheren Methode besonnen, sich der Außenwelt mitzuteilen, und das zu jeder beliebigen Tages- oder Nachtstunde. Sie begann wieder zu twittern. Auch früher hatte sie schon zu diesem Kommunikationsmittel gegriffen, doch nun hat sie die Anwendung perfektioniert. Ihre Fernsehauftritte und die Twitterei erfüllen für sie die gleiche Aufgabe. Sie bringen ihre Botschaften direkt zu den Empfängern, ohne Journalisten als lästige Frager und Zwischenwirte. Oder wie sie es einmal formulierte: Sie will ihre Landsleute „wissen lassen, was die Medien verbergen“. Pressekonferenzen hat schon ihr verstorbener Gatte und Vorgänger Néstor Kirchner während seiner Regierungszeit (2003 bis 2007) abgeschafft.

Manchmal völlig enthemmt

Frau Kirchners 140-Zeichen-Nachrichten enthalten nicht nur Informationen über ihre Entscheidungen wie die Tweets anderer Staats- oder Regierungschefs, welche die sozialen Netzwerke benutzen, um ihre Politik zu erläutern. Sie vermischt bewusst Politik- und Alltagssphäre, vermutlich um etwas bürgernäher zu erscheinen als bei ihren feudalen Selbstinszenierungen während der cadenas. Dabei schreckt sie auch vor Banalitäten nicht zurück. „Traditionelle arabische Wärme und Gastfreundschaft bei der Ankunft“, twitterte sie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten auf ihrer jüngsten Welttournee. Aus Vietnam berichtete sie „live“ über ihre Abenteuer in den Tunneln des Vietkong.

Im Januar hat Cristina Kirchner 257 Tweets geschrieben, durchschnittlich acht an einem Tag, manchmal aber auch, völlig enthemmt, gleich zwei Dutzend innerhalb einer halben Stunde. Das Echo auf die Messages von @CFKArgentina war stets erstaunlich groß. Mit fast 400 000 Kommentaren war sie im ersten Monat des Jahres bei Twitter die am meisten zitierte politische Figur in Argentinien. Sie hat 1,5 Millionen Followers, zum großen Teil Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 17 und 30 Jahren. Frauen sind mit einem Anteil von 42 Prozent der Cristina-Fans in der Minderzahl. Das erstaunt, weil sich Frau Kirchner immer wieder gern als Anwältin ihres Geschlechts in Szene setzt.

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Veröffentlicht: 18.02.2013, 17:00 Uhr