02.05.2004 · Brief aus Wall Street
Endlich läuft der Countdown offiziell: Die Internetsuchmaschine Google hat ihren Börsengang angekündigt, das Ereignis dieses Jahres an Wall Street rückt näher. Google hat in der vergangenen Woche etliche hundert Seiten über das Unternehmen und den Börsengang bei der Aufsichtsbehörde SEC eingereicht. Mit der Entscheidung, die Aktien über eine Internetauktion zuzuteilen, beschreitet Google einen sehr ungewöhnlichen Weg. Eine mindestens ebenso große Sensation war der Brief der Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin mit dem Titel "Gebrauchsanleitung für Google-Aktionäre". Ausgerechnet zum Börsengang lassen sie darin ihrer Verachtung für die Wall Street und ihre Gepflogenheiten freien Lauf - und feiern sich als Rebellen, die die Welt verbessern. Das Dokument ist in seiner Offenherzigkeit ebenso irritierend wie erfrischend. Wie Brin und Page zum Beispiel begründen, daß sie nur Aktien mit reduziertem Stimmrecht ausgeben, verschlägt einemschier die Sprache. Internetsuche sei eine so ungewöhnlich wichtige Aufgabe, daß sie nur von einem vertrauenswürdigen und am Wohl der Menschheit interessierten Unternehmen durchgeführt werden könne, predigen die beiden. "Deshalb hat Google eine Verantwortung für die Welt. Die Struktur mit zwei Aktienklassen hilft, sicherzustellen, daß diese Verantwortung erfüllt werden kann." Diese krude Logik zu durchdringen ist eine Herausforderung an sich.
Als Weltverbesserer zeigen sich die Google-Gründer auch mit einem ihrer obersten Unternehmensprinzipien: "Don't be evil" - "Tue nichts Böses". Statt dessen gedenken beide, künftig immer mehr Gutes zu tun. So gaben sie die Einrichtung einer Stiftung bekannt, an die künftig ein Teil der Unternehmensgewinne fließen soll. Was diese Stiftung genau machen soll, erfährt man nicht. Das Ziel ist in jedem Fall ehrgeizig: Mit der Stiftung sollen Innovationen zur Lösung der größten Probleme der Welt gefunden werden. Eines Tages, so hoffen Page und Brin, soll die Stiftung eine größere Bedeutung für die Welt haben als Google selbst.
Und auch für die Mitarbeiter will Google nur das Beste. Die Verpflegung in der Google-Kantine soll kostenlos sein. Nun erfährt man auch, daß den Beschäftigten Ärzte und Waschmaschinen zur Verfügung gestellt werden. Die Weisheiten aus dem Hause Google setzen sich an anderer Stelle fort: "Wenn das Management durch eine Serie kurzfristiger Ziele abgelenkt wird, ist das genauso sinnlos, als ob jemand jede halbe Stunde auf die Waage steigt, wenn er abnehmen will." Google zieht aus dieser Erkenntnis eine bequeme Konsequenz: Das Unternehmen kündigte an, nach der Börsennotiz keine Ergebnisprognosen zu geben. So diskussionswürdig Sinn und Unsinn dieser Prognosen sind: Bei dem für seine Geheimniskrämerei bekannten Unternehmen Google stößt die Verweigerungspolitik etwas auf. Zumal sich Anleger allgemein auf einen sehr dürftigen Informationsfluß einstellen können. Recht unverblümt heißt es im Brief, Google werde zwar selbstverständlich seine gesetzlichen Informationspflichten erfüllen, gleichzeitig aber auch viele Dinge "nicht unnötig enthüllen".
Schließlich sind die beiden Google-Gründer auch noch so frech, sich mit Warren Buffett auf eine Stufe zu stellen. Die Orientierung an langfristigen Zielen führen Page und Brin auf eine Inspiration durch Buffett zurück. Außerdem wollen sie eine Tradition von Buffett übernehmen: Buffett schreibt jedes Jahr einen sehr volksnahen Brief an die Aktionäre seines Unternehmens Berkshire Hathaway, der stets für große Aufmerksamkeit sorgt. Die Google-Gründer wollen sich ebenfalls einmal im Jahr schriftlich an die Aktionäre wenden. Gemessen an der unterhaltsamen Premiere, hat der Google-Brief das Zeug dazu, ebenfalls zum Kultobjekt zu werden.
ROLAND LINDNER