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Die Edge-Frage 2014 Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand?

Der amerikanische Literaturagent John Brockman stellt der Cyber-Elite jedes Jahr seine Edge-Frage. Lesen Sie an dieser Stelle eine Auswahl der jüngsten aufregenden und überraschenden Antworten.

© wowe Vergrößern

Verhalten =   Gene + Umwelt

Würden Sie sagen, dass das Verhalten Ihres Computers oder Smartphones von der Interaktion zwischen seinem inhärenten Design und der Art, wie die Umgebung auf es wirkt, determiniert wird? Es ist unwahrscheinlich - eine solche Behauptung wäre nicht falsch, sondern dumm. Komplexe adaptive Systeme haben eine „nonrandom organization“, eine nichtzufällige Organisation, und sie haben „inputs“, Eingaben.

Aber von „inputs“ anzunehmen, sie „prägten“ das Verhalten des Systems oder spielten ihr Design gegen ihren „input“ aus, würde zu keiner Einsicht über die Funktionsweise des Systems führen. Das menschliche Hirn ist weitaus komplexer und verarbeitet seinen „input“ auf komplexere Weise, als menschengemachte Geräte es tun, und doch analysieren es viele Leute nach Verfahren, die zu simplifizierend selbst für unsere viel simpleren Spielzeuge sind. Jeder Term in der Gleichung ist suspekt.

Steven Pinker

Experimentalpsychologe, Linguist

Steven Pinker stellt sein neues Buch vor © picture-alliance/ dpa Vergrößern Steven Pinker

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Die Sache mit den Kaninchen

Der Essentialismus - was ich „die Tyrannei des diskontinuierlichen Geistes“ genannt habe - geht auf Platon zurück und seine charakteristische Sicht der Dinge, also die eines griechischen Geometers. Für Platon war ein Kreis oder ein rechtwinkliges Dreieck eine Idealform, mathematisch definierbar, aber in der Praxis nicht zu realisieren. Ein in den Sand gezeichneter Kreis war eine unvollkommene Annäherung an den idealen platonischen Kreis, der in irgendeinem abstrakten Raum baumelt. Das funktioniert bei geometrischen Formen wie Kreisen, aber der Essentialismus wurde auch auf Lebewesen angewandt, und dieser Denkweise hat Ernst Mayr die Schuld dafür gegeben, dass die Menschheit so spät die Evolution entdeckt hat.

Wenn Sie aber, wie Aristoteles, alle Kaninchen aus Fleisch und Blut wie unvollkommene Annäherungen an das platonische Ideal eines Kaninchens behandeln, wird Ihnen nicht aufgehen, dass Kaninchen von einem Nicht-Kaninchen-Ahnen abstammen und sich in einen Nicht-Kaninchen-Nachfahren weiterentwickeln könnten. Wenn Sie sich an die Wörterbuchdefinition von „Essentialismus“ halten und folglich denken, die „Essenz“ der Kaninchenhaftigkeit sei „a priori“ zur „Existenz“ von Kaninchen zu verstehen (was immer auch „a priori“ heißen mag, ein Unsinn in sich selbst), dann wird Evolution keine Idee sein, auf die Sie so schnell kommen werden, und Sie könnten Widerstand leisten, wenn jemand sie Ihnen nahelegen will.

Moralische Kontroversen wie jene über Abtreibung und Euthanasie werden von den gleichen Infekten heimgesucht. Wann genau ist ein hirntotes Unfallopfer als „tot“ zu definieren? In welchem Augenblick seiner Entwicklung wird ein Embryo zu einer „Person“? Nur ein mit Essentialismus infizierter Geist würde solche Fragen stellen. Ein Embryo entwickelt sich allmählich von einer einzelligen Zygote zu einem neugeborenen Kind, und dabei gibt es keinen einzelnen Augenblick, von dem gesagt werden sollte, das „Menschsein“ habe sich eingestellt.

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