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Die Deutschen und die Krise Entspannter Fatalismus

Die Krise Europas lässt in Deutschland keine massiven antieuropäischen Ressentiments wachsen, wohl aber ein Empfinden von Ohnmacht. Viele fühlen sich von der Komplexität der Krise überfordert.

© dapd Vergrößern 58 Prozent derer, die nicht zur Wahl gehen, meinen, ohnehin nichts beeinflussen zu können

Die Reaktionen der Bürger auf die anhaltenden Probleme in der Eurozone sind eigentümlich. Die Mehrheit ist über die Krise außerordentlich beunruhigt und auch überzeugt, dass das Schlimmste eher noch bevorsteht. Die meisten machen sich zudem Sorgen, ob es überhaupt gelingen kann, die Krise zu beherrschen und in den Griff zu bekommen. Zwei Drittel befürchten, dass die Kosten für die Rettungsmaßnahmen Deutschland finanziell überfordern werden. Die Probleme Griechenlands hält die überwältigende Mehrheit für unlösbar. Und was besonders schwer wiegt: Erstmals zweifelt die Mehrheit an der Überlebensfähigkeit der europäischen Währung.

Seit Ende 2011 ist die Überzeugung, dass es den Euro in zehn Jahren noch geben wird, von 50 auf 40 Prozent zurückgegangen, während sich der Kreis der Zweifler von 41 auf 53 Prozent vergrößert hat. Dennoch gibt es bisher keinerlei Anzeichen, dass sich die Bevölkerung von der Gemeinschaftswährung und von Europa abwendet. Obwohl das Vertrauen in die europäische Währung auf einem Tiefpunkt angekommen ist, gilt die Rückkehr zur nationalen Währung nicht als vielversprechender Ausweg. Die Mehrheit möchte die europäische Gemeinschaftswährung beibehalten. Nur jeder Fünfte glaubt an positive ökonomische Folgen, wenn der Euro zugunsten einer nationalen Währung aufgegeben würde.

Die Skepsis wächst mit der Rezession

Nur 33 Prozent der Bürger sind überzeugt, dass der Euro für Deutschland überwiegend Nachteile mit sich bringt. Auch ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone wird bemerkenswert ambivalent beurteilt. Obwohl 64 Prozent nicht an eine Lösung der Probleme Griechenlands glauben, sind nur 30 Prozent überzeugt, dass ein Ausscheiden des Landes aus der Eurozone überwiegend positive Folgen hätte. 24 Prozent befürchten überwiegend negative Auswirkungen, 32 Prozent sind überzeugt, dass sich dadurch nicht viel ändern würde.

Während sich in den südeuropäischen Ländern teilweise das Empfinden breitmacht, dass alles Unheil von der europäischen Ebene und durch die Mitgliedschaft im europäischen Verbund erwächst, bewertet die deutsche Bevölkerung die Mitgliedschaft in der EU heute positiver als noch vor einem Jahr. Anfang 2011 waren immerhin 32 Prozent der Bürger überzeugt, dass die Mitgliedschaft in der EU für Deutschland überwiegend Nachteile mit sich bringt; heute sind davon nur noch 21 Prozent überzeugt. Jeder Vierte geht davon aus, dass die Vorteile überwiegen, 44 Prozent, dass sich Vor- und Nachteile ausgleichen.

Diese ambivalente Haltung wirkt auf den ersten Blick vielleicht enttäuschend kühl. In den letzten zwanzig Jahren waren jedoch nie mehr als 27 Prozent der Bürger überzeugt, dass die Mitgliedschaft in der EU überwiegend Vorteile bringt, dagegen wiederholt nahezu 40 Prozent, dass daraus überwiegend Nachteile erwachsen. Dabei zeigt sich das Muster, dass die Skepsis gegenüber Europa in wirtschaftlichen Schwächephasen im Allgemeinen wächst und sich danach wieder zurückbildet. Die bisher robuste deutsche Konjunktur hat wesentlich dazu beigetragen, die Haltung der Bürger zu Europa inmitten der Krise nicht nur zu stabilisieren, sondern hat teilweise sogar den Rückhalt für Europa gestärkt.

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