16.02.2012 · Nicht acht Freunde sollen sie sein, sondern acht Funktionierende. Die Ruderer des Deutschland-Achters gehen für die Gold-Mission an Grenzen - und darüber hinaus.
Von Alex Westhoff, DortmundEin Glas Zitronen-Ingwer-Tee mit frischer Minze. Und zehn Minuten lang ziehen lassen. „Das hilft gegen Erkältung“, sagt Gudrun Dröge, „und die sind ja ständig erkältet.“ Klirrend landet das Glas auf der Theke. „Die“, das sind die besten deutschen Ruderer. Die resolute Frau ist die Küchenchefin im Ruderleistungszentrum in Dortmund, zuständig dafür, dass die Athleten etwa 6500 Kalorien am Tag zu sich nehmen. Sie kocht für große Jungs im Großboot - oder besser, für diejenigen, die hineinwollen: in den Deutschland-Achter, der bei den Olympischen Spielen in London im Sommer der Goldfavorit ist.
Wer ins Boot will, muss Tag früh aufstehen. Es ist 7.15 Uhr am Morgen. Die Tür geht auf, und vermummte Personen kommen aus der Kälte hinein, quetschen ein „Moin“ zwischen den Zähnen hervor und verschwinden in der Umkleide. Mit Handtuch und Trinkflasche in der Hand sind die Athleten genauso ausgerüstet wie Otto-Normal-Sportler beim Gang ins Fitnessstudio. Nur dass die erste Trainingseinheit des Tages um 7.30 Uhr beginnt - und bis zum Nachmittag zwei weitere folgen werden.
In der altersschwachen Turnhalle mit den kahlen Wänden stehen die Ruderergometer. Ein kleines Radio dudelt. Die Musik wird vom Getöse der Windräder übertönt, das 14 Athleten auf den Ergometern erzeugen. 18 Kilometer Rudern steht auf dem Trainingsplan. Es ist eine monotone, stumpfe Ruder-Simulation auf dem Trockenen. Das „Wassergefühl“ würde „flöten gehen“, wenn man nur an diesen Maschinen zöge, sagen die Athleten.
Die Ruderer würden jetzt auch lieber in ihren Booten sitzen, draußen auf dem Dortmund-Ems-Kanal. Würden vom Bootshaus die zwölf Kilometer bis zur Schleuse Henrichenburg rudern und zurück. Dort aber treiben Eisschollen herum.
Richard Schmidt legt einen Zwischensprint ein, auf dem Parkett unter ihm hat sich ein kleiner See aus Schweiß gebildet. „Richie“, wie er von allen genannt wird, hat imposante Muskeln. Sein Blick ist starr auf den kleinen Bildschirm geheftet, der Werte anzeigt wie die Schlagzahl pro Minute, die „geruderte“ Distanz und die Zeit, wann die Schinderei zu Ende ist.
Hinter seinem Rücken geht Bundestrainer Ralf Holtmeyer auf und ab. Schmidt ist dreimaliger Weltmeister mit dem Deutschland-Achter, 2009, 2010, 2011. Der Vierundzwanzigjährige hat mit dem Achter noch nie ein Rennen verloren. Seit der Havarie von Peking, als das Flaggschiff des Deutschen Ruder-Verbandes (DRV) im olympischen B-Finale als Letzter unterging, ist der Deutschland-Achter in mehr als dreißig Rennen unbesiegt. Auch wenn es keiner ausspricht, weiß jeder: Alles außer Gold im Londoner Wasser wäre mit dieser Vorgeschichte eine Enttäuschung.
Selbst Schmidt muss um seinen Platz im Paradeboot bangen. 20 Athleten streben in den Achter, dessen Mythos auf dem Olympiasieg 1960 gründet. Er wurde zum nationalen Erfolgssymbol und mit der Vorsilbe „Deutschland“ geadelt. Zwei weitere Olympiasiege und elf Weltmeistertitel folgten. Für das letzte olympische Gold war schon Holtmeyer als Bundestrainer verantwortlich: 1988 in Seoul. London werden seine achten Spiele, alle am Dortmund-Ems-Kanal geplant und vorbereitet.
Holtmeyer ist mal hart, mal herzlich, aber unbeirrbar in seiner Linie. Die begehrten Plätze im Flaggschiff lässt er jedes Jahr nach monatelangem Drill unter seinen „hochveranlagten jungen Leuten“ ausrudern. „Selektion“, nennt er das, beruhend auf der Leistung auf dem Ergometer, der Leistung im Kraftraum, der Leistung im Zweier ohne Steuermann, auf der taktischen und technischen Eignung - und seinem Bauchgefühl.
Welche acht passen am besten zusammen, um das 17,62 Meter lange und mit Besatzung knapp eine Tonne schwere Boot mit immenser Kraft und perfekter Abstimmung der Ruderschläge auf Gold-Kurs zu halten? Kann den Deutschen von der Konkurrenz (England, Kanada, Vereinigte Staaten) überhaupt jemand folgen, wenn ihr Boot im Rennen mit bis zu vierzig Schlägen pro Minute Tempo macht?
„Der Achter wird in London stabil sein“, verspricht Holtmeyer. Der Bundestrainer könnte bei Olympia bedenkenlos einen Deutschland-Vierzehner ins Rennen schicken, so viele Spitzenkräfte hat er an Bord. Nach den vergangenen zwei WM-Titeln des Achters hat er jeweils zwei Plätze im Boot ausgetauscht. Damit sich ja niemand auf dem Erreichten ausruhe.
Ausgeruht sieht im kleinen Ergometer-Raum ein paar Schritte von der Turnhalle entfernt niemand mehr aus. Neun weitere Athleten ziehen buchstäblich ihr Pensum durch, die Luft ist zum Stillstand gekommen, trotz gekippter Fenster und frostiger Außentemperatur. Manche haben die Monitore hochgeklappt, wollen das digitale Arbeitszeugnis einen Moment mal nicht mehr sehen.
Alles für Olympia? London sei zwar in allen Köpfen fest verankert und vertäut, der Fokus liege aber auf der Selektion, die wohl Ende März vorgenommen wird, sagt Florian Mennigen. Oder auch nur auf dem nächsten Ergometer-Test, bei dem die Achter-Renndistanz von 2000 Metern simuliert wird und die Jungs sich so verausgaben, dass manche mit übersäuerten Muskeln und rasselnder Lunge vom Trainingsgerät kippen. Ein Platz im Achter bedeutet Champions League für die Jungs, ein Platz im ebenfalls für Olympia qualifizierten Vierer oder Zweier nur Europa-League.
9 Uhr, Frühstückszeit: Küchenchefin Dröge und ihr Mann haben eine Käse- und Wurstplatte aufgefahren, die ein Hotel mit 100 Gästen verpflegen könnte. Die Nutella steht in extra großen Gläsern bereit. „Einige von uns müssen weit mehr essen, als sie Hunger haben“, erzählt Mennigen. Die Athleten rudern etwa 200 Kilometer in der Woche, macht in einem Olympiazyklus: eine Weltumruderung. Mennigen absolviert den routinierten Drill schon ein zweites - und letztes - Mal. Der 29-Jährige saß schon beim Desaster in Peking im Achter.
Das prägende Erlebnis, dass ein Team im entscheidenden Moment sein Potential nicht aufs Wasser bringt, möchte er in London tilgen und golden überschreiben. Ist diese Chance Gegenwert genug für Hunderte Stunden Training, drei dreiwöchige Trainingslager allein zwischen November 2011 und März 2012? Als reiner Amateur und selbst im Falle des Olympiasieges „nur“ als ein anonymer Ruderer im Maschinenraum der Galeere, bei deren Sieg namentlich nur der Schlag- und der Steuermann in der Öffentlichkeit auftauchen würden.
Geld spiele keine Rolle, sagt Mennigen und bestreicht sein fünftes Brötchen dick mit Butter. Ihn treibe an, seine Grenzen erreichen zu können, international Erfolg zu haben und alleine schon das „geile Gefühl“, wenn aus acht komplexen Ruderbewegungen ein nahezu perfekter Bootslauf entstehe.
Bundestrainer Holtmeyer beobachtet und analysiert das Binnenklima in seiner Hochleistungsgemeinschaft genau. Noch sind es keine acht Freunde in einem Boot, sondern acht Einzelkämpfer aus ganz Deutschland mit einem großen Ziel. Erst nach der Selektion, wenn die Unsicherheit fort ist, wird der Teamgeist aufblühen, erzählen die, die es schon mal erlebt haben. Erst dann speist jeder Einzelne seine ganze Kraft, Willen, Ehrgeiz und Ausdauer in das große Ganze ein. Die Sportler seien nun noch in der Phase, in der sie genau schauten, „wer wann wie gut ist“, sagt Holtmeyer. Jeder gehe mit dem Druck vor der Auslese anders um.
Unten im Kraftraum klirren zur gleichen Zeit die Hanteln. Gesichter verzerren sich bei Kniebeugen mit knapp 150 Kilogramm Eisen auf den Schultern. 100 Minuten dauert die Krafteinheit, das Radio dudelt auch dazu. In einem Werbespot wird ein Burger zum Probierpreis von 1,99 Euro angepriesen. Kurz darauf sitzen die Ruderer beim Mittagessen vor gehäuften Tellern voll mit Spinat, Fisch und Steaks. Küchenchefin Dröge schaut zufrieden, weil sie in lauter zufriedene Athletengesichter schaut. „Essen fassen ist Freizeit. Die haben doch sonst fast keine“, sagt sie.
In der Mittagspause ziehen sich manche zum Schlafen zurück in die Zimmer im Jugendherbergsstil - helles Holz, Doppelstockbetten. Andere lernen für Uni-Klausuren. Um 15 Uhr bittet Holtmeyer dann wieder zur Arbeit. Ergometer-Rudern, 20 Kilometer. Manchmal melden sich Athleten auch zum Abendessen bei der Küchenchefin an. Sie wundert sich immer noch, wie sieben Athleten abends noch 40 Brötchen vertilgen können. „Aber“, sagt sie mit erhobenem Zeigefinger, „leergefuttert haben die mich noch nie.“