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Deutsche Tugenden, griechisches Herz

Ein Deutscher und ein deutscher Grieche gründeten im Krisenjahr 2008 ein Reiseunternehmen auf Chalkidiki

Die Männerfreundschaft scheint intakt, obwohl Nikolaos Tsinas und Jürgen Frey seit nun schon vier Jahren gemeinsam ein Reiseunternehmen betreiben und damit nicht wenig Ärger hatten. Sie gründeten es im ersten Krisenjahr 2008 und mussten viele Nächte arbeiten und viele Behördengänge machen.

An diesem Morgen sitzen beide, denen man ihr Genießersein wohl ansieht, im letzten geöffneten Strandcafé von Psakoudia auf der Halbinsel Chalkidiki. Eín Gespräch über die Kunst, ein florierendes Unternehmen aufzubauen, wenn ringsherum die Welt untergeht. Erste Lektion: Sie ließen sich nicht entmutigen. Sie gingen, erzählt Tsinas, etwa allein achtmal in eine Behörde, um eine Genehmigung für einen kleineren Umbau im Büro von „Holidays and more“ zu bekommen, auch war ein eigenes Feuerwehrgutachten nötig, weil irgendwann vor Jahrzehnten in dem Gebäude mal eine Hühnerbraterei gewesen war, für die ein solches Gutachten sinnvoll scheint. Sie mussten für all diese Aufgaben, wie in Griechenland angeblich üblich, einen lokalen Behördenkenner anheuern, der sie im „Genehmigungskreislauf“ unterstützte. „Existenzgründungen in Griechenland sind mit unglaublichen Schwierigkeiten verbunden“, sagt Tsinas.

Doch lieber als von dem steinigen Weg der ersten Gründerjahre sprechen sie von neuen Ideen, etwa einem „Bikers House“ für Motorradtouristen auf der Halbinsel. „Ich habe die Vision, bald mit Jürgen auf der Chalkidiki Harley zu fahren“, sagt Nikolaos Tsinas.

Die zurückliegende Hauptsaison war reich an Arbeit, erzählen die beiden, wie die vergangenen Jahre überhaupt - trotz der Krise. Denn, und das war glücklicherweise ihr zweiter Erfolgsfaktor: ihre Gäste kommen vor allem aus Deutschland, also daher, wo die Krise bislang noch nicht war. Ihr Geschäftsmodell ist nicht ungewöhnlich. Sie vermieten Steinhäuser. Einige gehören ihnen mittlerweile selbst, die Immobilienpreise in Griechenland sind eingebrochen. Und sie vermitteln nach eigenen Angaben inzwischen rund 1500 Betten auf der Chalkidiki. Einen Teil des Umsatzes erhalten die Besitzer, einen Teil bleibt bei der Agentur - so ähnlich machen sie es auch mit Mietwagen. Eine Spezialisierung der „Holidays and more“ sind Reisen für Übergewichtige. Für die gibt es ebenerdige Wohnungen und leichten Wassereinstieg. Und für deutsche Prominente gibt es uneinsehbare Steinhäuser mit eigenem Strand - auch für prominente Dicke.

Jürgen Frey, Jahrgang 1963, und Nikolaos Tsinas, 1965, lernten sich vor fünf Jahren in einem Internetcafé, das Jürgen Frey in Psakoudia betrieb, kennen. Nikolaos Tsinas wollte hier ein Reiseunternehmen gründen, damit seine deutsche Frau auch nach dem Umzug viel Kontakt mit Deutschen habe. Er fragte Frey einfach, ob er mitmachen wolle. Die beiden investierten ihre Ersparnisse aus ihrem Vorleben als Programmierer (Frey) und als selbständiger Immobilienmakler (Tsinas).

Tsinas spricht Rheinländisch. Er ist Kölner. Nach Brauweiler bei Köln kam er mit seinen Eltern als Säugling (“Das einzige Griechische an mir ist, dass ich die levantinische Lebensart gut kenne.“) Er studierte in Köln Betriebswirtschaftslehre und arbeitete kurz bei einer großen deutschen Bank, aber das sei nichts für ihn gewesen. Nach einem Monat, sagte er, sei er zu Hause geblieben. „Nach oben lecken und nach unten treten, das war nichts für mich.“ Er wurde Immobilienmakler und lernte viel später zufällig auf der Straße einen griechisch-orthodoxen Mönch, der mit einem Schaf durch Kölns Altstadt lief und so die Kirche kennen. „Auf einmal wurde der Grieche in mir wach.“ Bevor er selbst Mönch werden konnte, wurde er aber Vater. Die Tochter sollte in Griechenland groß werden. Bald wird sie auf die deutsche Schule in Thessaloniki gehen.

In diesem Jahr macht „Holidays and more“ angeblich erstmals einen Gewinn. „Wir hatten in jedem Krisenjahr einen Umsatzanstieg um 30 Prozent“, sagt Tsinas - auf eine nun „hohe sechsstellige Summe“. Sie beschäftigen 10 Saisonkräfte und sagen, sie könnten 10 weitere gebrauchen. Aber wegen der Abwanderung in Länder wie Deutschland oder nach Übersee fehle qualifiziertes Personal. Ihnen selbst bleiben bescheidene Löhne. Etwa 800 Euro „zum Leben“ im Monat - dafür kostet ein Wohnhaus in Psakoudia auch nur 300 Euro Miete.

Aber die wirtschaftliche Entwicklung ist doch betrüblich für die Reiseunternehmer, auch wenn sie sich nicht auf dem eigenen Konto widerspiegelt. Mittlerweile seien einige Griechen hier so arm, dass Kinder in der Schule mangels Nahrung zusammenbrechen; es gibt mehr Bettler, und die Besitzerin eines Strandkiosks habe deswegen aufgegeben, weil so viele Bettler angestanden hätten.

Jürgen Frey lebte 2008, als die Gründungsgeschichte begann, schon in Psakoudia, als schwäbischer Aussteiger mit kleinem Internetcafé. Er kennt sich als Programmierer mit Suchmaschinenoptimierungen aus, die Steinhäuser des Unternehmens tauchen bei Suchen mit Google nach Unterkünften tatsächlich oben in der Trefferliste auf. Dafür haben die beiden auch deutsche Namen für ihre Ferienhäuser kreiert. Ein „Dimitra Appartement“ wurde zum „Haus des Piraten“ - das erste gebe es Hunderte Mal auf der Halbinsel, das zweite nur einmal. Sie erfanden den Namen „blaue Lagune“ für einen Strand, der vorher so nicht hieß. Heute stehe der Name im Reiseführer. Die Arbeitsteilung beschrieben sie so: Tsinas, nicht um große Worte verlegen, habe die Ideen, und Frey als der schwäbische Rechner verwerfe sie meist wieder. Nur die guten nicht.

Jan Grossarth

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 09.12.2012, 16:30 Uhr