01.07.2007 · Die Schwankungsanfälligkeit der Kurse ist gestiegen / Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt / Von Claus Tigges
WASHINGTON, 1. Juli. Es geht nun schon seit einigen Wochen auf und ab auf den Finanzmärkten: Mal nähren Wirtschaftsdaten die Befürchtung einer unliebsamen Beschleunigung der Inflation und drücken auf die Börsennotierungen, dann wieder überwiegt unter den Marktakteuren der Eindruck eines robusten Wachstums der Weltwirtschaft, was die Kurse vieler Aktien und auch die Kapitalmarktrenditen klettern lässt.
Die fehlende Orientierung zeigt sich am Dow-Jones-Durchschnittskurs der 30 führenden Industrieaktien an der Wall Street. Er liegt bei 13 408 Punkten; das sind 1,5 Prozent weniger als vor vier Wochen. Der marktbreitere S&P-500-Index steht bei 1503 Punkten, 1,8 Prozent tiefer als vor einem Monat. Der Deutsche Aktienindex Dax lautet auf 8007 Punkte, nur wenige Punkte mehr als vor vier Wochen. Auch der Dow-Jones-Euro-Stoxx 50 hat sich während des vergangenen Monats unter dem Strich kaum verändert.
Der bloße Vergleich der Indexwerte verschleiert eine beträchtliche Schwankungsanfälligkeit der Notierungen. Die Volatilität an den Aktienbörsen hat sich spürbar erhöht. Der Vix, ein vom Chicago Board Options Exchange berechneter Volatilitätsindex, erreichte vergangene Woche zum ersten Mal seit Jahren den Wert von 19 Punkten. Daran lässt sich eindrucksvoll ablesen, dass viele Marktakteure mit einer beträchtlichen Schwankungsanfälligkeit der Aktienkurse rechnen. Einige Marktstrategen, darunter jene von Goldman Sachs, verweisen allerdings darauf, dass eine steigende Volatilität an den Märkten angesichts des schon weit fortgeschrittenen Konjunkturaufschwungs nicht ungewöhnlich ist. Die Gründe, warum in einem späten Stadium des Konjunkturzyklus die Kurse anfälliger sind für Schwankungen, sind zwar immer noch nicht vollständig bekannt. Es könnte zusammenhängen mit wachsenden Zweifeln an der Dauer des noch zu erwartenden Aufschwungs und damit, dass sich aufgrund der steigenden Zinsen die Finanzierungsbedingungen vieler Unternehmen verschlechtern. In früheren Zeiten haben unter ähnlichen Umständen die Aktienkurse kleinerer Gesellschaften (small caps) verhältnismäßig schlechter abgeschnitten als jene der größeren Unternehmen (large caps). Außerdem war eine Ausweitung des Zinsabstands zwischen Staatsanleihen und den Unternehmensanleihen zu beobachten.
In der Tat liegen die Kapitalmarktrenditen mittlerweile ein Stück höher als vor einigen Monaten. Auch an den Anleihemärkten schwanken die Kurse spürbar mehr als noch vor einiger Zeit. Unter dem Auf und Ab sind die Renditen in die Höhe geklettert. Die maßgebliche amerikanische Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit wirft inzwischen 5,03 Prozent ab, 35 Basispunkte mehr als zu Jahresbeginn, aber auch rund 24 Basispunkte weniger als Mitte Juni. Die vergleichbare Bundesanleihe rentiert zu 4,53 Prozent, 65 Basispunkte über dem Jahrestief. Die Nervosität zahlreicher Marktakteure hat ihren Grund nicht zuletzt in Befürchtungen, die Schwierigkeiten auf dem amerikanischen Häusermarkt - und damit verbunden auf dem Markt für Hypothekendarlehen - könnten weitere Kreise im Finanzsystem und der Wirtschaft ziehen. Vor allem das Geschäft im sogenannten Subprime-Markt für Darlehen an Schuldner mit schlechter Bonität erweist sich als ziemlich riskant. Verlorene Wetten in diesem Marktsegment haben zwei Hedge-Fonds des angesehenen Geldhauses Bear Stearns in eine erhebliche Schieflage gebracht. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hat Dokumente von Bear Stearns angefordert und will den Vorgängen auf den Grund gehen. In London war dieser Tage ein Fonds, Caliber Global Investment, aufgrund von hohen Verlusten beim Engagement auf dem amerikanischen Subprime-Markt zur Schließung gezwungen. Eine weitere Bewährungsprobe hat das Marktsegment im Spätsommer und im Herbst zu überstehen, denn dann steigen bei vielen Hypothekendarlehen mit variablem Zins die Belastungen für die Schuldner. Das gilt eben auch für viele der Subprime-Darlehen, die vor Jahresfrist zu einem niedrigen Lockzins angeboten wurden.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund haben zum Wochenschluss die verschiedenen an der Bankenaufsicht in Amerika beteiligten Behörden strengere Vorschriften für diese Kategorie von Hypothekendarlehen erlassen. Die Banken müssen künftig stärker darauf achten, dass die Darlehensnehmer nicht nur in der Phase des niedrigen Einstiegszinses, sondern auch später noch finanziell in der Lage sind, die Belastungen des Kredits zu tragen. Die amerikanischen Währungshüter um Chairman Ben Bernanke, die ebenfalls mit der Bankenaufsicht betraut sind, haben vergangene Woche ihre Einschätzung bekräftigt, dass die gesamtwirtschaftlichen Risiken der Schwäche des Häusermarktes begrenzt seien. Die Entscheidung der Fed, den Leitzins stabil zu halten, hat die Marktakteure nicht überrascht. Uneinigkeit besteht gleichwohl über den weiteren Kurs der amerikanischen Geldpolitik; die Prognosen reichen von einer Senkung des Leitzinses in der zweiten Jahreshälfte bis zu einer weiteren Anhebung.
Weitaus sicherer sind sich die Anleger mit Blick auf eine Reihe anderer Notenbanken, von der Europäischen Zentralbank (EZB) über die Bank von England und die Bank von Kanada bis zur Schweizerischen Nationalbank und zu der norwegischen Notenbank. Sie alle dürften die Liquiditätszufuhr weiter drosseln. Die EZB ist hierzu nicht zuletzt aufgrund des schnellen Geldmengenwachstums verpflichtet, das Inflationsgefahren signalisiert. Dem kraftvollen Aufschwung im Euro-Raum, der den deutschen Arbeitsmarkt erfreulich belebt, droht von der Geldpolitik keine Gefahr.