17.04.2005 · Sein Auftrag ist ihm genau vorgegeben. Kardinal Spidlik soll den Kardinälen ins Gewissen reden. Wenn an diesem Montag die 115 wahlberechtigten Mitglieder des Kardinalskollegiums im Vatikan in der Sixtinischen Kapelle vor dem "Jüngsten ...
Sein Auftrag ist ihm genau vorgegeben. Kardinal Spidlik soll den Kardinälen ins Gewissen reden. Wenn an diesem Montag die 115 wahlberechtigten Mitglieder des Kardinalskollegiums im Vatikan in der Sixtinischen Kapelle vor dem "Jüngsten Gericht" des Michelangelo Platz genommen haben, dürfen sie nicht sofort mit der Wahl des neuen Oberhaupts der katholischen Kirche beginnen. Sie müssen zuerst einer "wohlüberlegten Betrachtung" zuhören. So hat es der am 2. April verstorbene Johannes Paul II. in der Apostolischen Konstitution über die Sedisvakanz, die Zeit zwischen den Päpsten, bestimmt: einer Rede - der zweiten. Die erste hielt am vergangenen Donnerstag Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa, der "Prediger des Päpstlichen Hauses", und zwar "über die Probleme der Kirche in jenem Augenblick und über die erleuchtete Wahl des neuen Papstes", also "über die schwerwiegende Aufgabe, die Ihnen obliegt, und folglich über die Notwendigkeit, mit rechter Gesinnung zum Wohl der universalen Kirche zu handeln, solum Deum prae oculis habentes". Nur Gott sollten sie bei der Wahl vor Augen haben, nicht etwa personalpolitische Überlegungen oder Rücksichten darauf, wie der Neue wohl in der Öffentlichkeit ankommt.
Der 86 Jahre alte Kardinal mit tiefen Furchen und freundlichen Falten im Gesicht wurde ausgewählt, weil es ein "Kleriker" sein muß, einer, der sich ganz auf die Kirche eingelassen hat, der - so Johannes Paul II. - "in der Lehre, in der Weisheit und in moralischer Autorität beispielhaft" ist. Die ihn kennen, fügen sofort hinzu: beispielhaft in seinem priesterlichen Leben vor allem als ein "Geistlicher", der seinen christlichen Glauben in Bedrängnis bewahrt und anderen bezeugt hat. Daß er am 17. Dezember 1919 im mährischen Boskovice (bei Brünn) in der damaligen Tschechoslowakei geboren wurde, bedeutete, daß die Nationalsozialisten dem Abiturienten die Universität verschlossen. Er trat in den Jesuitenorden ein, in die Vorbereitungszeit des "Noviziats". Dadurch wurde es nicht leichter, denn die "Gesellschaft Jesu", den führenden Priesterorden der katholischen Kirche, verfolgte das "Dritte Reich" mißtrauisch und bald noch grimmiger. Das zog für den Studenten Zwangsarbeit nach sich.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen die Kommunisten in Prag an die Macht. Um seiner Berufung treu zu bleiben, mußte Spidlik in die Fremde, nach Holland, dann nach Italien, Florenz und schließlich nach Rom, nach Priesterweihe (1949) und theologischer Promotion. Seine Stimme wurde von Radio Vatikan aus vielen hinter dem "Eisernen Vorhang" vertraut. 38 Jahre war er "Spiritual", geistlicher Berater für Priester, im römischen Collegio Nepomuceno und immer darauf bedacht, den spirituellen Reichtum der alten Kirchenväter und besonders der orientalischen Kirchen, ihre Frömmigkeit und Mystik den "Westlern" mitzugeben. So wurde er dem Karol Wojtyla bekannt und blieb es für Johannes Paul II., der ihn im Oktober 2003 als späte Ehrung zum Kardinal erhob. Stets ermunterte er den Papst, auch in den Enzykliken mutig auf dem Weg der "Ökumene" für die "Einheit der Christen" fortzufahren. Nicht zu verschweigen, daß für viele das römische Petrusamt ein Hindernis für die Gemeinschaft bilde! Das wird der Jesuitenkardinal auch den Kardinälen einschärfen, bevor er sie - weil über der Altersgrenze für das Wahlrecht - verläßt. HEINZ-JOACHIM FISCHER