Home
http://www.faz.net/-1v0-pa2q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Das ZDF im Glashaus

06.07.2004 ·  Wie die Bundesagentur für Arbeit Fernsehberichte bezahlt

Artikel Lesermeinungen (0)

Morgens, bei der Verkündung der Arbeitsmarktzahlen, klang das Dementi noch kräftig, im Laufe des Tages wurde die Sprachregelung weich: Die Bundesagentur für Arbeit zahlt nach Recherchen des ZDF-Magazins "Wiso" versteckt für positive Berichte im Fernsehen. Dies geschehe über eine in Wiesbaden beheimatete Agentur namens "Gesellschaft für Medienwirtschaft" (GfM). Über diese würden im Augenblick Fernseh-Produktionsgesellschaften angeworben, die positive Berichte über die Bundesagentur in Fernsehsendungen gegen versteckte Zahlungen plazieren sollen. Was das ZDF bei der Gelegenheit nicht erwähnte, ist ein Umstand, den der Evangelische Pressedienst epd medien nachträgt: Auch der Sender selbst hat mit der Bundesagentur für Arbeit kooperiert, namentlich in der Sendung "Volle Kanne".

In einem "Briefing" der Gesellschaft für Medienwirtschaft, deren Vorstandsvorsitzender der Universitätsprofessor Michael Martin ist, wird nach Angaben von "Wiso" detailliert beschrieben, wie die Dienstleistungen der Bundesagentur für Arbeit "überzeugend der Öffentlichkeit" vermittelt werden sollen. In dem Schreiben würden Vorgaben zum "Zielpublikum" und zur Machart formuliert sowie Themenvorschläge gemacht. Im Gegenzug sei die Bundesagentur für Arbeit bereit, die Produktion der Beiträge finanziell zu unterstützen, das gehe aus einer weiteren E-Mail hervor.

Es handele sich hierbei keineswegs um ein Versehen oder um falsch zu verstehende Formulierungen der Gesellschaft für Medienwirtschaft, sagt der Redaktionschef von "Wiso", Michael Opoczynski: "Das fand alles unter den kontrollierenden Augen von Nürnberg statt." Auch werde in dem Schriftverkehr, der "Wiso" vorliege, ein Ansprechpartner im Marketing der Bundesagentur genannt, deren Auftreten werde so charakterisiert: "Die Bundesagentur für Arbeit ist prinzipiell bereit, erstellte Fernsehbeiträge bis zu einem gewissen Grad finanziell zu unterstützen." Ein Mitarbeiter des Magazins, dem ein solches Angebot unterbreitet worden sei, sei mit seinem Wissen, so Opoczynski, nach Wiesbaden gefahren, um sich das Angebot einer derartigen Zusammenarbeit "zum Schein" anzusehen. Hierbei gehe es um nichts anderes als einen "unsichtbaren Ko-Sponsor", der Berichterstattung heimlich finanziere. Für diese Darstellung gebe es neben dem Schrifttum einige eidesstattliche Versicherungen, mit denen man vor Gericht bestehe. "Das wird spannend", sagte Opoczynski. Der ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hatte das Vorgehen der Bundesagentur als "Klabautermann-Methoden" bezeichnet.

Ein Sprecher der Bundesagentur bestätigte, daß die Behörde Medienkooperationen eingehe, um Ratgebersendungen zum Thema Arbeitslosigkeit zu unterstützen. Dabei nehme man jedoch keinen Einfluß auf den Inhalt. Es habe sogar einen Beitrag gegeben, in dem hart mit dem "Virtuellen Arbeitsmarkt" der Behörde ins Gericht gegangen worden sei. "Wir geben inhaltliche Unterstützung, aber schreiben nicht vor, wie über uns berichtet werden soll." Der Sprecher gestand zu, daß es in dem Schriftwechsel mit der Gesellschaft für Medienwirtschaft "unglückliche Formulierungen" gegeben habe, die mißverständlich seien. Am Morgen hatte die BA die Vorwürfe noch scharf zurückgewiesen. Die Behörde versuche nicht, ihr Image über Medienkooperationen aufzubessern, sagte eine Sprecherin. Es seien auch keine Gelder geflossen. Dies wurde am Nachmittag richtiggestellt. Die Bundesagentur unterstütze tatsächlich Fernsehbeiträge auch finanziell. Insgesamt seien für dieses Jahr 38 Beiträge eingeplant, für die pro Minute zwischen 700 und 750 Euro gezahlt würden. Die Dauer der Beiträge liege zwischen vier und 30 Minuten. Die Behörde kooperiere mit dem ZDF, dem MDR und dem RBB. Der Chef der GfM, Michael Martin, sagte derweil, daß es hier um "ein simples Studentenprojekt" und mitnichten darum gehe, Journalisten zu korrumpieren. Von "böser Absicht" sei nicht zu reden und von großen Geldsummen ebenfalls nicht, gerade mal 2500 Euro erhalte sein Projekt an Spesenkosten von der Bundesagentur.

Nach Informationen von epd medien ist es aber so, daß das ZDF selbst früher auch mit der Bundesagentur zusammengearbeitet hat. Als Beispiel einer "erfolgreichen" Kooperation werde in einem Papier die Reihe "Volle Kanne, Service täglich" angeführt. Dies wurde von "Wiso" nicht erwähnt. Das ZDF ist wegen seiner "Kooperationen" in der Kritik, Ende der Woche will der Fernsehrat des Senders dazu tagen. So wie es aussieht, hat "Wiso" also ein wenig aufgeklärt und dabei ein klassisches Eigentor geschossen. Das ZDF war von der Sache mit "Volle Kanne" so überrascht, daß der Vorgang erst geprüft werden muß.

CLAUDIA BRÖLL/MICHAEL HANFELD

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2004, Nr. 155 / Seite 34
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen