14.01.2012 · Was ist Heimat? Das Saarland, zum Beispiel. Dort ist viel von Geschichte, Kohle und Oskar die Rede. Doch für viele Deutsche ist das Saarland ein seltsam fremdes Bundesland.
Von Thomas HollGleich hinter der Autobahnraststätte Waldmohr in der Westpfalz beginnt eine verborgene kleine Welt. Mit der charmant schüchternen Begrüßung „Saarland - schön, dass du da bist“ macht ein seltsam fremdes Bundesland im Südwestzipfel Deutschlands auf sich aufmerksam. Eine Region, die viele allenfalls mit den Namen Honecker, Lafontaine, Nicole, Restauranttester Rach und mit dem dauernörgelnden „Dommschwätzer“ und „Batschkapp“-Träger Heinz Becker alias Gerd Dudenhöffer verbinden. Nur etwas mehr als 35 Kilometer sind es bis zur französischen Grenze, dann hat man das kleinste deutsche Flächenland in zwanzig Minuten von Nord nach Süd flott durchquert.
Wenige Autominuten hinter dem Abzweig nach Paris, im kleinbürgerlichen Saarbrücker Ortsteil Bübingen sitzt Charly Lehnert in seiner Buchhandlung. Der kleine Laden liegt an einem tristen Parkplatz, der zu einem großen „Schlecker“-Drogeriemarkt gegenüber führt. Lehnert ist Jahrgang 1938 und „Berufssaarländer“. Bücher und Leben sind einem Thema gewidmet: „Alles über das Saarland“. Wer meint, in Bayern lebten die glühendsten Lokalpatrioten und Heimatfreunde, kennt Saarländer wie Charly Lehnert nicht. In mehr als 60 Büchern, dazu in zahllosen Gesangsauftritten und Talkshows hat er alle Facetten des Saarländertums inklusive der dortzulande gepflegten Weihnachtsbräuche ausgeleuchtet.
Lehnert stammt aus Dudweiler, „dem größten Dorf im Saarland“, das 1974 ohne große Begeisterung seiner Bewohner der Landeshauptstadt Saarbrücken zugeschlagen wurde. Dort kennen viele den studierten Grafikdesigner seit Jahrzehnten als langjährigen Kolumnisten der „Saarbrücker Zeitung“ und Werbefachmann für Wahlkämpfe links von CDU und FDP. Für die mit dem jungen Saarbrücker Oberbürgermeister Lafontaine an die Macht drängende SPD erfand der Selfmade-Werbemann zu Beginn der achtziger Jahre die freche Erfolgsmarke „Oskar“, die dem CDU-Konkurrenzprodukt „Herr Ministerpräsident Zeyer“ bei der Landtagswahl 1985 mit absoluter Mehrheit den Rang ablief. Nach dem Machtverlust der SPD im Saarland durch Lafontaines Flucht aus Bonn 1999 versiegten auch die Aufträge an Lehnert.
Zur Landtagswahl 2009 reaktivierte ihn der „Oskar“ für seine Neuschöpfung Linkspartei, die SPD mit ihrem jungen Lafontaine-Nachfolger Heiko Maas warf den Genossen Charly deshalb nach 35 Jahren Mitgliedschaft aus der Partei. Lehnert erzählt die Geschichte mit leiser Stimme und einem bitteren Lächeln. Die SPD war seine Heimat fast so wie das Saarland.
Auf einem der Regale steht das noch recht frische Enthüllungsbuch „Die Jamaika-Clique“. Eine chronique scandaleuse eines Frankfurter Journalisten über die von Verschwörungstheorien umwehte „Jamaika“-Koalition und ihre Schöpfer von CDU, FDP und Grünen. „Die Bücher kann ich jetzt wegwerfen. Die kauft ja keiner mehr“, lacht Lehnert. Seit dem 6. Januar ist das politische Experiment dank der Skandalpartei FDP Geschichte. Doch über das Saarland wird nach langer Pause zur Freude vieler Saarländer draußen im „Reich“ wieder einmal groß berichtet, zumindest bis sich eine neue Koalition mit oder ohne Neuwahl gefunden hat.
Für heimwehkranke, in die Ferne ausgewanderte Landsleute publiziert Lehnert unter dem schönen Titel „nemmeh dehemm“ eine „Internationale Zeitung für die Freunde des Saarlands“. Abonnenten gibt es sogar in Asien und Amerika. In der Herbstausgabe des Blattes ärgert sich Leser Frank Becker darüber, dass das Saarland immer wieder als Landmasse ohne positives Image behandelt werde: „Irgendwann reicht’s.“ Wenn früher über Ölteppiche irgendwo auf der Welt berichtet worden sei, heiße es, die seien „so groß wie das Saarland“. Jetzt gelte das auch für Waldbrandgebiete und verstrahltes Land in Japan. „Gibt es nicht etwas Schönes, über das berichtet werden kann, das so groß ist wie das Saarland?“
Dabei war das von Frankreich nach Kriegsende politisch kontrollierte Saarland, das sich später der Bundesrepublik Deutschland anschloss, über Jahrhunderte in noch kleinere politische Einheiten aufgeteilt, die Mentalität und die zwei Mundarten (Moselfränkisch im Norden und Rheinfränkisch im Süden und Westen) seiner knapp eine Million Bewohner geprägt haben. Der Saarländer, so erzählt Lehnert, habe so viel Heimatliebe und Gemeinschaftsgefühl, weil er in drei Kriegen von 1870/71 über 1914-18 und 1939 bis 1945 wie kein anderer deutscher Volksstamm vom „Grenzlandschicksal gebeutelt“ sei: „Bei uns ist ja jeder durchmarschiert.“ Ein kleiner östlicher Teil, die Saar-Pfalz, gehörte um 1835 gemeinsam mit der Rhein-Pfalz zum Königreich Bayern. Der größte Teil des heutigen Saarlandes mit Saarbrücken als Garnisonsstadt wurde von Preußen (“Der Fuß Preußens im Süden“) regiert. Und ein sehr kleiner Teil im Norden rund um die Quelle der Nahe war im Besitz des Oldenburger Fürstentums Birkenfeld.
Die von Preußen geförderte Saarkohle, Stahl- und Eisenhütten in Völklingen und Dillingen ließen bis 1900 ein für das Deutsche Kaiserreich unverzichtbares Montan- und Industrierevier ganz eigenen Charakters mit großen Arbeiterwohnsiedlungen und einem katholisch geprägten Sozialmilieu entstehen. Stahlbarone wie von Stumm und Röchling gingen, mal mit milder, mal mit strenger Hand gegen die aufkeimende Arbeiterbewegung in „Saarabia“ vor. Der unrentable Bergbau läuft Ende Juni aus. Dann schließt die letzte Zeche. Doch die Kohle ist Kultur und Stolz der Saarländer. „Nur im Ruhrgebiet heißt es Kumpel. Hier sind es Bergleute, die als staatserhaltender Berufsstand das schwarze Gold aus der Erde holten. Mir tut’s leid um den Bergbau“, beklagt Lehnert das von CDU-Ministerpräsident Peter Müller und seinen Jamaikanern besiegelte Ende nach mehr als 200 Jahren.
Noch von seinem alten Freund Oskar hat Lehnert 1998 für seine Verdienste um die Förderung der saarländischen Regionalkultur den „Saarländischen Verdienstorden“ erhalten. Als dessen Träger war Lehnert in den Jahren danach, auch unter Lafontaines Nachfolger Müller, zu den Neujahrsempfängen der Landesregierung eingeladen. Diesmal ist die Einladung ausgeblieben. „Na ja, vielleicht haben sie mich vergessen“, sagt Lehnert leise zum Abschied. Wenig später füllt sich die nagelneue, riesige „Hermann-Neuberger-Halle“ zum Neujahrsempfang. In der für rund 30 Millionen Euro hochgezogenen „Multifunktionssporthalle“, die wie die benachbarte Sportschule dem legendär hemdsärmeligen früheren DFB-Präsidenten aus Völklingen gewidmet ist, versammelt sich die politische und gesellschaftliche Elite des Saarlandes. Zu den tausend Gästen gehören 200 Mitglieder aus Sportvereinen. „Die 400.000 Saarländer, die sich in Vereinen und Initiativen einbringen, bilden das Fundament, auf dem die Eigenständigkeit des Saarlands aufgebaut ist“, heißt es in der Einladung der Staatskanzlei. Die Saarländer lieben die Vereinsmeierei. In vielen Dörfern und Städten gehört es zum guten Ton, in mindestens sechs Vereine zu gehen. Das gibt es sonst nirgendwo in Deutschland.
Und auch das nicht: Feiern. Der Saarländer ist das Feierbiest unter den Deutschen. Fast kein Tag im Jahr vergeht hier ohne eine Feier oder Volksfest. Und die „Faasenacht“ an der Saar muss sich nicht verstecken hinter dem Kölner Karneval und der Mainzer Fassnacht. In 174 Vereinen organisieren 32.000 Mitglieder die fünfte Jahreszeit. Seit Jahren ist auch die Ministerpräsidentin dabei, immer als Putzfrau Gretel verkleidet, die im Saarländer Platt ihren Senf zu Politik und Alltag gibt.
Doch an diesem Abend liegt grauer Teppichboden in der Halle, das Publikum hat sich wie zum Opernball herausgeputzt. Abendkleider, dunkle Anzüge, Annegret Kramp-Karrenbauer, die Ministerpräsidentin, in weißer Kostümjacke und schwarzer Hose. „Das Saarland ist ein unverzichtbares und unauflösbares Bundesland in Europa. Was uns auszeichnet, ist der innere Zusammenhalt“, sagt sie ihren Gästen. Was bis vor wenigen Tagen als geselliger, aber mäßig interessanter Abend bei „Lyoner“-Fleischwürsten im Weck, heimischem Karlsberger Pils und trockenem „Auxerrois“-Weißwein geplant war, gerät angesichts der Frage „Große Koalition lieber vor oder nach einer Neuwahl?“ zum spannenden Schaulaufen führender Politiker von CDU und SPD. Aber auch gerade unsanft von der Ministerpräsidentin aus der Koalition geworfene Politiker von FDP und Grünen werfen sich in guter Laune und mit dem einen oder anderen Pils in der Hand ins Festgetümmel.
Das Bild des Abends liefert die große Koalition der Ehepaare Kramp-Karrenbauer und Maas - das Hochzeitsfoto der Wunschkoalition. Im Laufe des Abends mischen sich Rote und Schwarze beim gemeinsamen Schwätzen, vergessen sind die teils erbittert geführten Streitigkeiten der vergangenen Jahre. Weit nach Mitternacht stößt die äußerst fröhliche Saarbrücker SPD-Oberbürgermeisterin Charlotte Britz mit dem frisch ernannten Bundesverfassungsrichter Peter Müller an, der sich unter alten saarländischen CDU-Kumpels und Skatfreunden beschwingt vergnügt. Es ist Zeit für Anekdoten.
Heiko Maas erzählt von seiner Großmutter, die 86 Jahre alt wurde und ihr Heimatdorf Elm im Landkreis Saarlouis nie verlassen hat. „Meine Oma hat sechs Pässe in ihrem Leben gehabt und fünf Währungen erlebt. Sie hatte Ausweise des Kaiserreichs, der Verwaltung des Völkerbundes im Saargebiet nach 1919, des Deutschen Reiches von 1935 bis 1945, der französischen Militärregierung bis 1948, des autonomen Saarlandes und nach 1957 einen Pass der Bundesrepublik Deutschland.“ Und natürlich: der Fußball! SPD-Sprecher Thorsten Bischoff berichtet mit glänzenden Augen von den Verdiensten Helmut Schöns an der Saar. Als damaliger Trainer der autonomen saarländischen Fußballmannschaft, die sich vor allem aus Spielern des 1. FC Saarbrücken rekrutierte, sorgte seine Mannschaft für die Teilnahme der deutschen Sepp-Herberger-Elf an der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz. Im zweiten Qualifikationsspiel gegen Deutschland in Saarbrücken habe die saarländische Truppe angeblich absichtlich das Spiel 1:3 verloren. Eigentlich habe sie also für den WM-Titel in Bern gesorgt. Nur Mannschaftskapitän Fritz Walter, erzählt Bischoff (er ist Pfälzer!), habe als Spieler des 1.FC Kaiserslautern „mächtig was auf die Füße bekommen“.
Die Erstklassigkeit saarländischer Vereine liegt zum Leidwesen der Landesbewohner lange zurück. Der 1. FC Saarbrücken spielte zuletzt 1993 in der 1. Bundesliga und kickt nun seit dieser Saison zumindest wieder in der 3. Liga, nachdem man schon viert- und fünftklassig war. Und der FC 08 Homburg, zuletzt 1989/90 erstklassig, ist Bundesligafreunden vor allem wegen der vom DFB mit einen schwarzen Balken zensierten Trikotwerbung für einen Kondomhersteller in lustiger Erinnerung. Dafür sind die Saarländer in vielen Randsportarten fast unschlagbar: Tischtennis, Billard, Badminton, Ringen - Kegeln und Grillen.
Das lässt auf Herzlichkeit und Lebensfreude schließen. Und Anziehungskraft. Manuel Andrack, Autor und eine Zeitlang Assistent von Harald Schmidt, zog Mitte 2008 wegen der Liebe zu einer Saarbrücker Lehrerin von Köln ins Saarland. Das „Abenteuer“, Köln dauerhaft zu verlassen, hat er keinen Moment bereut. „Mir ist zum Schluss in Köln vieles auf die Nerven gegangen. Besonders die totale Selbstbesoffenheit der Kölner. Das ist hier ganz anders. Im Saarland hat meine Lebensqualität zugenommen, das will ich nicht mehr missen.“ Dazu gehört auch, dass hier vieles so billig ist wie sonst nur in einigen (ähnlich unterschätzten) ostdeutschen Randlagen. „Im Vergleich zu Köln ist hier alles die Hälfte billiger.“ Und als Autor von Büchern über das Wandern ist das wald- und hügelreiche Saarland für Andrack ein Paradies. „Hier muss ich nicht stundenlang fahren, sondern bin sofort in der Natur.“ Gourmets, die hier wie sonst nirgends eine einzigartige Ballung von Sternerestaurants vor und gleich hinter der französischen Grenze finden, können im Saarland auch für kleines Geld ausgezeichnet essen: „Ich kann hier für 7,50 Euro eine große Portion Froschschenkel essen und bekomme dazu noch ein gutes Glas Weißwein.“
Was aber fast wie in Köln ist: der Klüngel. Hier ist er nicht so abgeschottet und komplex. Im Saarland knüpft man gerne auch neue Beziehungen. „Ich kenne enne, wo enne kennt, der kennt enne, der kinnt dir das mache ...“ Nur eine Kleinigkeit, die auch anderen Nichtsaarländern bisweilen auffällt, stört Andrack dann doch ein wenig an seiner neuen Wahlheimat: „Was der Kölner zu viel hat, haben die Saarländer zu wenig. Der Saarländer ist zwar unglaublich stolz auf seine Heimat, neigt aber zu einem Minderwertigkeitskomplex. Da wird geklagt, dass die anderen Bundesländer viel größer sind oder nur ein ICE durchfährt.“
Größe und Anerkennung heißt für die Saarländer aber nicht, unbedingt größer werden zu wollen - oder gar mit Rheinland-Pfalz zu fusionieren. „Um Gottes Willen, nur kein Pälzer werden“, heißt es entsetzt über die Nachbarn, die hier ohne „F“ im Namen ausgesprochen werden. Es gibt unzählige Witze übereinander, in denen sich „Pälzer“ und Saarländer gegenseitig als tumbe Trottel darstellen. Der aus der Südpfalz stammende rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) nährt diese Abgrenzung zur Nachbarregion liebevoll durch seine eigene große Witzsammlung über Saarländer, die inzwischen mehr als 300 Scherze umfasst. Einer der von Beck erzählten Witze geht so: Kommt ein Saarländer in ein Waffengeschäft in Kaiserslautern. Er fragt den Pfälzer Verkäufer: Haben Sie eine Pistole? Antwortet der Pfälzer: Nein. Da fragt der Saarländer: Haben Sie ein Gewehr? Antwortet der Pfälzer: Nein. Fragt der Saarländer, schon leicht gereizt: Haben Sie ein Messer? Antwortet der Pfälzer: Nein. Fragt der Saarländer wütend: Haben Sie was gegen Saarländer? Antwortet der Pfälzer: Ja natürlich - Pistolen, Gewehre, Messer.
Becks Wunsch zum 60. Geburtstag vor fünf Jahren, dass es „irgendwann“ zu einem Zusammenschluss mit dem Saarland kommen werde, empfand man dort als ganz schlechten Witz.
Thomas Holl Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.
Jüngste Beiträge