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Das große Buch vom Schmerz des Verschwindens

Ein letztes Meisterstück: Der im Januar gestorbene Tomás Eloy Martínez schickt in "Purgatorio" sein Heimatland Argentinien ins Fegefeuer - und seine Leser gleich mit.

Von Jakob Strobel y Serra

Dieses Buch tut weh. Es macht keinen Mut, spendet keinen Trost, kennt kein Glück, jedenfalls keines, das man selbst gerne hätte. Stattdessen dreht es sich mit obsessivem Furor um ein einziges Thema: um das Verschwinden von Menschen, um diesen Verlust, der den Schmerz der Ungewissheit wie ein Gift in die Seelen der Zurückgebliebenen tropft. "Ein Verschwundener", schreibt Tomás Eloy Martínez in seinem letzten Roman, "ist eine Unbekannte, hat kein Wesen, er ist weder lebend noch tot, er ist nicht. Er ist ein Verschwundener." Die "Epidemie des Verschwindens", die seine Heimat Argentinien während der Militärdiktatur von 1976 bis 1982 heimsuchte, wütet in diesem Buch weiter, das von der Tragödie einer Frau und dem Trauma eines Landes erzählt und sich manchmal wie Eloy Martínez' eigenes Fegefeuer liest, wie die Befreiung von den Gespenstern der Vergangenheit durch die Flammen der Worte. Die Militärs lassen Kinder, Frauen, Greise verschwinden und versuchen panisch, die Spuren ihrer Verbrechen verschwinden zu lassen. Die Mutter der Heldin Emilia verliert den Verstand, löscht ihr Gedächtnis und verschwindet aus der Wirklichkeit. Der Schwager der Heldin macht krumme Geschäfte, betrügt seine Kunden und verschwindet kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch auf die Bahamas. Vor allem aber verschwindet Simón, der über alles geliebte Mann Emilias.

Dreißig Jahre lang bleibt Simón verschwunden. Dann trifft ihn Emilia in einem Restaurant in New Jersey wieder. Er ist nicht gealtert, die Zeit hat ihm nichts anhaben können, anders als Emilia, die nach seinem Verschwinden nie mehr glücklich sein und niemals mehr lieben wollte und damit selbst aus dem Leben verschwand. Jetzt nimmt sie Simón so selbstverständlich an der Hand, als sei er nur einen Tag lang weg gewesen, geht mit ihm nach Hause, isst mit ihm, schläft mit ihm, lebt mit ihm. Was daran wahr ist und was Halluzination, ob Emilia nur eine Romanfigur ist oder eine Romanfigur in einem Roman oder vielleicht auch beides, löst Eloy Martínez erst am Ende eines kunstvollen Wechselspiels mit den erzählerischen Ebenen auf. Doch je mehr man von all den seelischen Verwüstungen unter der Militärdiktatur liest, umso dringlicher wünscht man sich schon lange vorher, dass die Einbildung real, dass die Liebe der beiden groß genug sei, um Simón wiederauferstehen zu lassen. Aus Sehnsucht soll Fleisch und Blut werden, ganz so, wie es das Motto am Beginn des ersten Kapitels verlangt, ein Zitat aus dem "Purgatorium" von Dantes "Göttlicher Komödie": "Dass Schatten so wie Körper ich behandle." Emilia tut es, und als sie jemand fragt, ob sie Simón in ihrer Wohnung sehe oder glaube zu sehen, fragt sie völlig verständnislos zurück, was denn der Unterschied zwischen beidem sei.

Außerhalb der Erinnerung gibt es keine Wirklichkeit. Das ist Emilias Wunsch- und Tagtraum. Es ist keine Schwärmerei, sondern die einzige Möglichkeit des Überlebens. Warum es keine andere gibt, erzählt Eloy Martínez immer wieder in Rückblenden, die sich wie Abstürze in den Abgrund lesen. Emilia, die Kartographin im Argentinien der Generäle, verliebt sich rettungslos in den Kartographen Simón. Doch Emilias Vater, dem Doktor Dupuy, passen Simóns Sympathien für die Linken nicht. Die beiden fahren nach Tucumán, kommen dort durch ein apokalyptisches Argentinien voller zerlumpter, halbverrückter Wesen, die vom Militär als vermeintliche Feinde des Vaterlandes in der Wüste ausgesetzt wurden, sehen Züge voller Leichen durch die Nacht fahren, werden schließlich selbst der Spionage für die Guerrilleros verdächtigt, verhört, gefoltert. Emilia wird von ihrem Vater aus der Hölle geholt, Simón aber bleibt verschwunden. Angeblich hat er zwei Stunden vor seiner Frau das Foltergefängnis verlassen, wahrscheinlich aber ist er auf Anweisung des Doktor Dupuy erschossen worden, so haben es Zeugen gesehen. Emilia glaubt nicht daran und sucht verzweifelt nach ihrem Mann, bekommt immer wieder Hinweise, lässt sich von keiner falschen Fährte entmutigen, irrt durch Lateinamerika, hastet durch Rio, Caracas, Mexiko-Stadt und landet schließlich in New Jersey.

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