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Das Beben vor dem Sturm

25.10.2004 ·  Angesichts der wiederholten Katastrophen übt sich ganz Japan in Solidarität / Von Stephan Finsterbusch

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TOKIO, 25. Oktober. Die Nachbeben lassen an Stärke kaum nach, und die Japaner ertragen es mit viel äußerer Ruhe und innerem Beistand. Zwei Tage nach den schweren Erschütterungen der Region um die Hafenstadt Niigata steigt die Zahl der Opfer weiter. Mittlerweile wird die Zahl der Toten mit 25 beziffert. Die Zahl der Verletzten liegt bei mehr als 2100. Knapp 100 000 Menschen finden sich in Notlagern untergebracht. Dutzende Dörfer sind vollständig evakuiert. Hunderte von Familien leben seit zwei Tagen in ihren Autos. Andere nennen bestenfalls ein Zeltdach über dem Kopf ihr eigen. Viele haben mit einem Schlag alles verloren. "Wir sind froh, daß wir am Leben sind", sagt der 71 Jahre alte Akio Kazama in die Kameras der großen japanischen Kabelfernsehkanäle. "Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können."

Sein Auto liegt unter dem Dach seines zusammengebrochenen Hauses. Die Reste seines kleinen Ladens liegen daneben. Gleich der erste Schlag hatte die Holzhäuschen erwischt. Kazama stand mit seiner Frau im Garten. "Wir hatten einfach Glück." Geblieben ist ihm nichts, nachdem die Beben in den frühen Samstagabendstunden gekommen waren. Sie hielten bis zum Montag an. Das Epizentrum liegt nach Angaben des staatlichen Meteorologischen Instituts in der Nähe der Kleinstadt Ojiya in nur 20 Kilometer Tiefe. Die Schwingungen breiteten sich nach Einschätzung der Behörden fast doppelt so schnell aus wie bei dem Erdbeben von Kobe im Januar 1995. Das macht sie so gefährlich. Damals waren in der dichtbesiedelten Hafenmetropole 6400 Menschen ums Leben gekommen. Anders als die großen Städte an der japanischen Pazifikküste galt das im Nordwesten der Hauptinsel Honshu gelegene Niigata bislang als weniger gefährdetes Erdbebengebiet. Die letzten größeren Erschütterungen liegen vierzig Jahre zurück. Das letzte schwere Erdbeben gab es im Jahr 1828.

Um so größer ist nun der Schock. Die Lage ist gespannt. Ganz Japan übt sich in Solidarität. Die Krisenstäbe der Regierung arbeiten mit Hochdruck an Rettungs-, Evakuierungs- und Versorgungsplänen. Ein Nothaushalt soll so schnell wie möglich verabschiedet werden und Finanzhilfe schaffen. Doch heftige Regenschauer spitzen die Lage in der verwüsteten Region unaufhörlich zu. Darüber hinaus hat sich im Pazifik gerade ein neuer Taifun aufgebaut. Über das Südchinesische Meer scheint er nun Kurs auf Japan zu nehmen. "Nock-ten" werde heftigen Regen, Sturm und Überschwemmungen auch in Japan bringen, warnte das Wetteramt in Tokio. Vor allem der äußerste Süden des Landes sei bedroht. In Taiwan brach wegen des Wirbelsturms der Luftverkehr zusammen, Straßen und Häuser wurden nach heftigen Regenfällen überschwemmt. Mindestens vier Menschen kamen dabei ums Leben. Wenn der Taifun bis über den Nordosten des Landes kommen sollte, könnte sich die Lage im Erdbebengebiet verschlimmern. Erst vor knapp einer Woche war der vorerst letzte Taifun "Tokage" über die Hauptinsel Honshu gezogen. Er kostete fast 90 Menschen das Leben, verwandelte Reisfelder in Seen und überspülte Dörfer, Städte und Regionen. Noch zwei Wochen zuvor war ein starker Taifun über Tokio hinweggezogen. Er setzte ganze Stadtteile unter Wasser. Die alljährliche Taifunsaison mit ihren durchschnittlich zwei Dutzend Wirbelstürmen hat sich in diesem Jahr als besonders heftig erwiesen und als besonders langlebig: Während sie sonst im September schon abflaut, zieht sie sich in diesem Jahr weit bis in den Oktober hinein. Ein Ende ist offenbar noch nicht in Sicht. In Niigata ist landunter, und auch das hängt mit den Taifunen zusammen: Denn wenn die Erde mit Wasser vollgesogen ist, kann sie bei Erschütterungen wie einem Erdbeben um so leichter abrutschen.

Die Rettungskräfte, die schon Samstag nacht aus dem ganzen Land eingeflogen wurden, arbeiten unter vollem Einsatz rund um die Uhr. Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Allein die Nachbeben mit Stärken von mehr als 5,0 auf der Richterskala erschweren ihre Arbeiten. Einige der Erschütterungen lassen noch in dem mehr als 200 Kilometer entfernten Tokio die Straßenlaternen schwanken. In der Region um Niigata liegen Dutzende von Straßen, Wegen und Pfaden noch immer unter Tonnen von Schlamm, Geröll und Felssteinen. Brücken sind zerstört. Bahnschienen verschüttet. Häuser zerquetscht. "Ich habe keine Ahnung, wo das alles enden soll", sagte Naomi Matsuki aus der Kleinstadt Nagaoka im Fernsehen. Drohen doch mit den seit Montag nachmittag einsetzenden Regenfällen weitere Hänge in die Täler zu rutschen und alles mit sich zu reißen, was ihnen im Weg steht. So wird die Versorgung der obdachlos gewordenen Menschen prekärer.

Die Vorräte an Essen, Wasser und Medikamenten in den großen Evakierungszentren werden langsam, aber sicher knapp. Decken und Schlafsäcke reichten in den ersten beiden Nächten bei weitem nicht für alle - und die japanischen Herbstnächte sind bereits empfindlich kühl. An den wenigen intakten Tankstellen stehen Hunderte von Autos. Benzin aber kann nur in Rationen ausgereicht werden, um möglichst vielen einen vollen Tank und so eine warme Nacht in ihren Autos zu ermöglichen. Keine lautstarken Proteste, kein Streitereien - alle sind betroffen, und so muß auch jeder mit jedem teilen. Zwar sind im ganzen Land Geld- und Sachspenden gesammelt und nach Niigata geschickt worden. Doch bei den Bedürftigen ist bislang nur ein kleiner Teil davon angekommen. Die Erdrutsche haben in den vergangenen Tagen mehr als 60 Orte von der Außenwelt abgeschnitten. Die einzige Verbindung ist die Luftbrücke der Selbstverteidigungstruppen SDF. Doch die Einsätze der Großraumhubschrauber werden mit den zunehmenden Nebeln, den Regen- und Windböen in Frage gestellt. Bei einem neuen Taifun werden die Hubschrauber nicht mehr an ihr Ziel gelangen.

Mit den Regenfällen, die seit Montag nachmittag niedergehen, drohen weitere Hänge in die Täler zu rutschen. Und wenn nun auch der Taifun "Nock-ten" kommt, wird die Versorgung der Obdachlosen noch schwieriger.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2004, Nr. 250 / Seite 10
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