http://www.faz.net/-1v0-6uai4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Veröffentlicht: 12.10.2011, 17:50 Uhr

Buchmesse In der Krise lesen Griechen lieber Griechen

Groß ist der Stand der Hellenen auf der Messe nicht. Die Verlage sparen. Hoffnung macht ihnen, dass die Griechen in der Krise wenigstens Bücher kaufen.

von
© Pilar, Daniel Griechischer Stand auf der Buchmesse: Die Krise ist nicht zu übersehen

Drei Bücherinseln, vier Stellwände, ein paar kleine Tische, es gibt Kaffee aus Styroporbechern. Der Betrieb auf dem Gemeinschaftsstand der griechischen Verlage ist beschaulich. Doch man sieht die Griechen gleich, wenn man auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 5.1 anlangt: „Greece“ strahlt es einem in Ockergelb auf blauem Grund entgegen. Bildbände erhascht der erste Blick - das antike Griechenland, die Wiege der abendländischen Kultur.

Michael Hanfeld Folgen:

Die Damen und Herren am Stand sind so zuvorkommend wie auf das Ärgste gefasst - auf die Stereotypen und auf die Frage nach der Krise. „Crisis, what Crisis“, sagt hier keiner. Denn sie ist nicht zu übersehen. Gerade einmal drei griechische Verlage sind auf der Buchmesse mit einem eigenen Stand vertreten, das Kabuff des landesweit erfolgreichsten Kochverlags gleich nebenan in Box 970 ist kleiner als die Einbauküche einer Einzimmerwohnung. Für den Sammelpavillon, den das Nationale Buchzentrum Ekebi bestückt, haben die Griechen, wie zu erfahren ist, die Hälfte des üblichen Preises bezahlt. Krisenrabatt.

Die Damen und Herren am Stand sind so zuvorkommend wie auf das Ärgste gefasst - auf die Stereotypen und auf die Frage nach der Krise. „Crisis, what Crisis“, sagt hier keiner. Denn sie ist nicht zu übersehen. Gerade einmal drei griechische Verlage sind auf der Buchmesse mit einem eigenen Stand vertreten, das Kabuff des landesweit erfolgreichsten Kochverlags gleich nebenan in Box 970 ist kleiner als die Einbauküche einer Einzimmerwohnung. Für den Sammelpavillon, den das Nationale Buchzentrum Ekebi bestückt, haben die Griechen, wie zu erfahren ist, die Hälfte des üblichen Preises bezahlt. Krisenrabatt.

Die Damen und Herren am Stand sind so zuvorkommend wie auf das Ärgste gefasst - auf die Stereotypen und auf die Frage nach der Krise. „Crisis, what Crisis“, sagt hier keiner. Denn sie ist nicht zu übersehen. Gerade einmal drei griechische Verlage sind auf der Buchmesse mit einem eigenen Stand vertreten, das Kabuff des landesweit erfolgreichsten Kochverlags gleich nebenan in Box 970 ist kleiner als die Einbauküche einer Einzimmerwohnung. Für den Sammelpavillon, den das Nationale Buchzentrum Ekebi bestückt, haben die Griechen, wie zu erfahren ist, die Hälfte des üblichen Preises bezahlt. Krisenrabatt.

Ein Universitätsprofessor als Odysseus

„Es gibt kaum einen aktuellen Roman, in dem die Krise keine Rolle spielt“, sagt Sokrates Kabouropoulos, der bei Ekebi die Auswahl der vorgestellten Bücher betreut. Petros Markaris, dessen Krimis auch in Deutschland Bestseller sind, schreibt seit Jahren von nichts anderem, er hat die Krise kommen sehen, wie wild und mit bitterem Zynismus vor ihr gewarnt und widmet ihr nun eine Trilogie. Im zweiten Teil meuchelt ein Serienmörder einen Banker nach dem anderen. Nikos Panajatopoulos hat einen Science-Fiction-Roman geschrieben, der von zwangsweise eingeführten Gentests handelt, die bestimmen, wer für welchen Beruf das nötige Talent hat, was den Autor vor die Existenzfrage stellt. Solche Gentests könnten die Griechen höchstens für Banker und Politiker brauchen.

Mehr zum Thema

Makis Karagiannis wiederum träumt den „Traum von Odysseus“ noch einmal. Sein Odysseus ist ein Universitätsprofessor, der in jungen Jahren als linker Aktivist begann, von der Militärjunta inhaftiert und gefoltert wurde und nun abermals vor Gericht steht - er hat Gelder der Universität veruntreut. Dann wird er ermordet, ein Journalist rollt seine Lebensgeschichte auf und will wissen, wie der vorbildhafte Widerständler von der Gier korrumpiert wurde.

Eingebrochener Verkauf

Das sei die eine Spur, auf welche die griechische Gegenwartsliteratur ihre Leser führe, sagt Sokrates Kabouropoulos. Die andere ist Eskapismus und weist in die Vergangenheit wie der Roman „Heilige und Dämonen“ von Jannis Kalpouzos, der von den Griechen in Konstantinopel erzählt. Er führt die aktuelle griechische Bestsellerliste an, auf Platz drei findet sich Philip Roth mit „Nemesis“, es folgt Umberto Eco mit „Der Friedhof in Prag“, auch die Metzelbücher von Stieg Larsson finden Absatz, doch stammen immerhin sechs von zehn der Schriftsteller, die sich im Augenblick am besten verkaufen, aus Griechenland.

Und der Verkauf? Ist bei allen Verlagen um mindestens zehn Prozent zurückgegangen. Die Zahl der insgesamt verlegten Titel ist in den vergangenen fünf Jahren von knapp 10.200 auf 8.900 gesunken, die Zahl der in Griechenland selbst produzierten Werke ungefähr gleich geblieben, sie lag zuletzt bei 953. Die Anzahl der Verlage hingegen stieg von 374 im Jahr 1990 auf 953 im vergangenen Jahr, die meisten jedoch sind Minifirmen, die weniger als zehn Titel pro Jahr verlegen.

Aufschwung durch die Krise

In der Defensive wollen die griechischen Verlage inmitten der Krise aber nicht verharren, sondern bescheiden ausgreifen. Seit einem Monat erst gibt es das vom Kulturministerium getragene Übersetzungsprogramm „Frasis“. Es ist mit nicht mehr als 200.000 Euro ausgestattet, aber immerhin ein Anfang, die Vorgängerinitiative war vor sieben Jahren zum Erliegen gekommen.

Die Krise, sagt Sokrates Kabouropoulos, werde auch ihr Gutes haben, denn sie zwinge die Griechen, nach ihrer Identität zu fragen, und dazu griffen sie auf aktuelle Romane und die Klassiker der Poesie zurück. Catherine Velissaris, die Direktorin des Nationalen Buchzentrums, verweist darauf, dass alles im Land abnehme - nur nicht die Literatur und die Leselust. Die Krise beschere der griechischen Literatur geradezu einen Aufschwung.

Griechenland auf der Buchmesse - Wie präsentiert sich das Land auf der Messe trotz Krise? © Pilar, Daniel Vergrößern Catherine Velissaris, die Direktorin des Nationalen Buchzentrums Griechenlands

Der Weg durch die Krise, sagte sie etwas wolkig, sei vergleichbar mit einem immer enger werdenden Pfad im Gebirge. Ist man erst auf dem Gipfel des Berges, sieht man, dass das Meer nicht mehr weit ist. Europas Kreditgeber werden mit einem solchen Bild nicht viel anfangen können. Sokrates Kabouropoulos mag es handfester. „Aus der Eurozone könnte ihr uns rauswerfen“, sagt er, „aus der Europameisterschaft aber nicht.“ Für diese haben sich die Griechen gerade qualifiziert. Ihr Trainer stammt aus Portugal.

Zur Homepage