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Brasiliens Ronaldo Hüftumfang wichtiger als Verwaltungsrat

Der frühere brasilianische Fußballstar Ronaldo gibt im Organisationskomitee für die WM 2014 in Brasilien eine komische Figur ab. Zugleich spielt er die tragische Hauptrolle einer Reality-Show: Er muss 16 Kilo abnehmen.

© AFP Vergrößern Allzu lässiger Kontrolleur: Ronaldo (rechts) auf Besichtigungstour

Irgendwann wird es Ronaldo zu langweilig. Er packt sein Smartphone aus und knipst kräftig drauflos. Feixend betrachtet der Brasilianer seine Schnappschüsse, es ist ja sonst nicht viel los an diesem Tag in São Paulo. Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke sitzt neben ihm auf dem Podium und beantwortet konzentriert die Frage, was der Fußball-Weltverband denn gegen die Gewalt im Land unternehmen werde. Gerade seien wieder zwei Dutzend Menschen im Großraum São Paulo ermordet worden, berichtet ein sichtlich bewegter brasilianischer Journalist. Auch der Präsident des brasilianischen Fußball-Verbandes (CBF), José Maria Marin, hat eine ernste Miene aufgesetzt. Immerhin erlebt der brasilianische Fußball gerade eine tiefe Krise nach dem kompletten Wechsel des Trainerstabes und der sportlichen Leitung. Er ist nicht zu Späßen aufgelegt.

Auch Bebeto wirkt angespannt. Der Weltmeister von 1994 sitzt wie sein ehemaliger Mannschaftskollege Ronaldo im Verwaltungsrat des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Er versucht, die Fragen der 600 akkreditierten Medienvertreter korrekt und gewissenhaft zu beantworten. Ronaldo erzählt etwas über die Begeisterung der Bauarbeiter und die tolle Verkehrsanbindung der neuen Stadien. Dann stockt seine Stimme. Eigentlich sollte er noch etwas anderes sagen, aber er habe das vergessen. Ende des Vortrags.

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Der ehemalige Weltfußballer ist das prominenteste Mitglied im Verwaltungsrat des OK. In dieser Funktion sollte er eigentlich den Fortgang der Arbeiten kontrollieren, doch damit ist Ronaldo überfordert. Er beschränkt sich auf die Rolle des Botschafters. Das haben die mächtigen Strippenzieher seiner Vermarktungsfirma 9ine so vorgesehen. Es geht vor allem um Medienpräsenz, möglichst weltweit. Denn Medienpräsenz bedeutet Aufmerksamkeit, und das garantiert neue Werbeeinnahmen.

Cafu und Marta springen in die Bresche

Wenig später wird Fußball gespielt. Knapp 50 Journalisten von Abu Dhabi bis Schottland, von Japan bis Uruguay sind dabei. Die Fifa hatte versprochen, dass Ronaldo und Bebeto kommen und mit ihnen die Fußballstiefel schnüren. Schon vor Wochen mussten sich die interessierten Journalisten anmelden, die Fifa wollte offenbar einen Ansturm vermeiden. Jeder Journalist hoffte auf ein kleines Interview, ein Foto, eine kleine Nachricht. Doch Ronaldo kommt nicht. Stattdessen springen der frühere Weltmeister Cafu und Weltfußballerin Marta in die Bresche.

Brazil WCup Soccer © dapd Vergrößern Ronaldo ist meistens zu Späßen aufgelegt: Generalsekretär Valcke (links) lacht manchmal mit

Wer mehr von Ronaldo hören will, schaltet besser abends den Fernseher ein. Dann sehen die Brasilianer, wie ihr in die Jahre gekommenes Idol lustlos im grünen Salat rumstochert und in einem grauen T-Shirt beim Basketball schwitzt. Die Macher des Programms „Medida Certa“ (das richtige Maß) haben sich das so ausgedacht, weil man dann den Schweiß auf seinem massigen Körper besser sehen kann. Jeden Sonntagabend bei TV Globo läuft die Abnehmaktion in der Fernseh-Boulevard- und Nachrichtenshow Fantástico. Sie erfreut sich großer Beliebtheit.

In Badehose, mit Bierbauch

Die Zahlen, die Ronaldo derzeit interessieren, sind keine Prozentzahlen von Stadionbauarbeiten oder Infrastrukturprojekten. Er muss innerhalb von drei Monaten 16 Kilo abnehmen. Bis Ende November waren es schon zehn Kilo und sieben Zentimeter Hüftumfang. Vereinbart mit dem Sender ist, dass er fünfmal pro Woche vor laufenden Kameras trainiert. Was sind da schon Verpflichtungen als Mitglied eines Verwaltungsrates der wohl größten Veranstaltung, die Brasilien jemals gesehen hat.

Brazil WCup Soccer © dapd Vergrößern Der einstige Weltfußballer am Ball (rechts): 16 Kilo Übergewicht

Ronaldo musste schon einige peinliche Momente während der Show durchstehen. Gleich zum Auftakt beim medizinischen Test erschien er nur in Badehose und mit sichtbarem Bierbauch. Anschließend schwang er mit den Frauen einer Tanzgruppe die Hüften. Die Geschichte zehrt an seinen Kräften. In einer Woche ließ sich Ronaldo zweimal in Folge nicht wie vereinbart beim Training blicken. Seine Entschuldigung: Nach mehreren Terminen mit dem WM-OK müsse er sich einmal ausruhen. Sein Fitnesstrainer Márcio Atalla kannte kein Erbarmen und holte die verpassten Einheiten am Samstag und Sonntag nach.

Wer Fifa-Präsident Joseph Blatter in den vergangenen Tagen in Brasilien erlebt hat, sah, wie sein Blick manchmal einfror. Er fremdelt noch ein wenig mit Ronaldo und seinem Gehabe. Stattdessen stattete Blatter dem Mann einen Besuch ab, der eigentlich der perfekte WM-Botschafter sein könnte, aber der in den Ränkespielen des brasilianischen Fußballdickichts zunächst außen vor blieb und erst von Präsidentin Dilma Rousseff zurück ins Spiel gebrachte wurde: Pelé. Die Fußball-Ikone leidet an den Folgen einer Hüftoperation. Er befindet sich in der Rehabilitation, muss täglich Übungen machen - ohne dass die Kameras diesen Kampf begleiten. Es geht dann nicht um Reality-Shows. „Es ist immer etwas Besonderes, Pelé, den König, zu treffen und mit ihm über Fußball zu diskutieren“, sagte Blatter. Es geht einfach nur um Fußball.

Quelle: F.A.Z.

 
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