21.11.2006 · Kaum eine Branche unterliegt politischen Stimmungen so wie die Rüstung. Nach der wiedererlangten Dominanz der Demokraten in Amerika stehen nun kleinere Wehretats an. Trotzdem bleibt Nordamerika der lukrativste Rüstungsmarkt der Welt.
Von Ulrich Friese, LondonDie Sparwut amerikanischer Politiker bekamen die Hersteller des „Joint Strike Fighters“ (JSF) seit Jahresbeginn zu spüren. Weil die Kosten des mit 204 Milliarden Euro teuersten Kampffliegers der Welt auszuufern drohten, bestanden Vertreter der Demokratischen Partei auf deutlichen Abstrichen. Der Druck der Opposition wirkte. Präsident Bush gab beim Pentagon, dem Sitz des Verteidigungsministers in Washington, eine Streichliste in Auftrag. Seitdem müssen die Triebwerk-Hersteller General Electric und Rolls-Royce um Aufträge in Milliardenhöhe bangen.
Das JSF-Projekt dürfte auch künftig auf der Sparliste stehen. Seitdem die Demokraten jetzt auch im amerikanischen Kongreß dominieren, sagen Fachleute dem Pentagon weitere Sparrunden im Verteidigungsetat voraus. Betroffen sind vor allem langfristige Rüstungsvorhaben. Und in dieser Kategorie nimmt der prestigeträchtige Mehrzweck-Jet, der von 2012 an bei Heer, Luftwaffe und Marine zum Einsatz kommt und auf eine Nutzungsdauer von 40 Jahren ausgelegt ist, eine Sonderstellung ein.
Politische Großwetterlage
Kaum eine andere Branche wird so unmittelbar von der politischen Großwetterlage bestimmt wie die der Rüstungsindustrie. Auf Veränderungen in der amerikanischen Verteidigungsstrategie müssen dabei nicht nur die heimischen Ausrüster für Heer, Luftwaffe und Marine reagieren. Auch für deren Konkurrenz in Westeuropa hat ein Kurswechsel im Pentagon Folgen. Denn mit einem Jahresbudget von 439 Milliarden Dollar (342 Milliarden Euro) ist Nordamerika der mit Abstand größte Rüstungsmarkt der Welt.
„Angesichts der angespannten Bedrohungslage werden die Vereinigten Staaten diese Spitzenstellung auch in absehbarer Zeit behaupten“, sagt Paul Beaver, unabhängiger Rüstungsanalyst in London. Gleichzeitig wächst für die Chefeinkäufer im Pentagon der Kostendruck. Nicht nur wegen der hohen Sonderlasten von 120 Milliarden Dollar für die Kriege in Irak und Afghanistan müssen Arbeitsabläufe in der Behörde gestrafft und teure Rüstungsprojekte nach Sparreserven durchforstet werden.
Betrieb, Instandhaltung und Modernisierung
Immer stärker fällt ins Gewicht, daß die Kosten für Betrieb, Instandhaltung und Modernisierung des hochkomplexen Kriegsgerätes nur schwer kalkulierbar sind. Planwerte in Militärbudgets, die jedes Jahr um Beträge in dreistelliger Millionenhöhe überschritten werden, sind dabei keine Seltenheit. Angesichts der Nöte ist die Bereitschaft der Militärs groß, Etats zu kürzen oder aber die finanziellen Risiken bei Großprojekten auf die Lieferanten abzuwälzen.
Solche Formen der Kooperation ähneln den in der öffentlichen Hand bislang üblichen „Public Private Partnerships“, bei denen staatliche Auftraggeber jeweils bestimmte Aufgaben - gegen jährliche Vergütung - an private Betreiber abtreten. So landete im vergangenen Jahr der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS bei der britischen Luftwaffe einen solchen Coup. Um die Tankerflotte der „Royal Air Force“ zu modernisieren, stellt EADS künftig 20 Jets vom Typ Airbus A 320 bereit.
Milliardenschwere Prestigeprojekte
Die umgerüsteten Mittelstrecken-Frachter werden dabei nicht an den Auftraggeber aus London verkauft, sondern mit Hilfe privater Finanziers erworben und an die britischen Militärs vermietet. Bezahlt wird nach Anzahl der Einsätze oder Flugstunden. Nach dem erfolgreichen Auftakt in Großbritannien und einem Folgeauftrag in Australien nimmt die EADS jetzt den amerikanischen Markt ins Visier. Das Pentagon will demnächst über den Einkauf von 500 Lufttankern für die US Air Force entscheiden. Bei dem milliardenschweren Prestigeprojekt müssen die Verkäufer von EADS und ihrer Tochtergesellschaft Airbus allerdings noch die Bieterschlacht gegen den Hauslieferanten Boeing gewinnen.
Selbst wenn die Etats der amerikanischen Militärs nicht mehr so üppig dotiert sind wie bisher, wittern europäische Anbieter Chancen für den Markteinstieg und erweitern mit Hochdruck ihre Präsenz in der Übersee-Region. An der Speerspitze dieser Entwicklung stehen BAE Systems und EADS, die beiden Schwergewichte der europäischen Rüstungsindustrie.
Umsatz der Militärsparte
Durch neues Geschäft in Großbritannien und Nordamerika soll sich bei der EADS der Umsatz der Militärsparte von heute 7,7 Milliarden Euro auf mindestens 10 Milliarden Euro bis Ende 2007 vergrößern, gibt Co-Vorstandschef Tom Enders die Marschrichtung vor. Einen wichtigen Etappenerfolg erreichte kürzlich die Tochtergesellschaft Eurocopter. Sie wird die amerikanische Armee im kommenden Jahrzehnt mit mehr als 320 Transport-Hubschraubern beliefern. Der Großauftrag, der in der EADS-Chefetage vor allem als „strategischer Türöffner im Pentagon“ gefeiert wurde, könnte 2 Milliarden Dollar Gesamtwert erreichen und bei weiteren Abnehmern der amerikanischen Streitkräfte zu Folgeaufträgen führen.
Gemessen an diesem Ziel, ist BAE Systems seinem Konkurrenten vom europäischen Kontinent jedoch weit voraus. Denn der aus dem Ex-Staatsmonopolisten British Aerospace (BAE) hervorgegangene Rüstungshersteller ist in Nordamerika seit Jahren fest verankert und rückte über diverse Zukäufe zum siebtgrößten Lieferanten des Pentagon auf.
Rasche Expansion in Übersee
Während die amerikanischen Tochtergesellschaften mit 43.000 Beschäftigten rund 40 Prozent zum Gesamtumsatz von 14,8 Milliarden Pfund (22 Milliarden Euro) beisteuern, schöpft BAE Systems dort bereits 60 Prozent seines Konzerngewinns. Angesichts solcher Relationen liegt das Wachstum in der lukrativen Absatzregion nahe. Vorstandschef Mike Turner nennt für die rasche Expansion in Übersee aber auch strategische Gründe. Das bisherige Geschäftsvolumen reiche nicht aus, um Platzhirschen wie Lockheed Martin, Boeing oder Northrop Grumman Paroli zu bieten oder sich bei Großvorhaben als unternehmerisch verantwortlicher Projektmanager zu empfehlen.
Zwei Auswege aus dem strategischen Dilemma bieten sich an: BAE Systems forciert seine Einkaufstour im großen Stil oder es schließt sich mit einem namhaften Konkurrenten in Nordamerika zusammen. Frisches Kapital für die nächste Einkaufstour verschaffte sich Turner, als er kürzlich das 20-Prozent-Paket bei Airbus für 2,7 Milliarden Euro verkaufte. Der Ausstieg beim Flugzeughersteller aus Toulouse macht gleichzeitig die Bahn frei für einen möglichen Verbund mit dem Airbus-Rivalen Boeing. Manager beider Konzerne loteten in den vergangenen Jahren mehrfach die Voraussetzungen für einen transatlantischen Pakt aus. Dabei wurde von amerikanischer Seite stets die enge Verbindung zwischen BAE Systems und Airbus moniert.
Streng geheimes „Al Yamamah“-Abkommen
Doch auch nach Wegfall dieser Blockade haben die Partner mit dem Vollzug einer Fusion offenbar keine Eile. Ein solcher Kraftakt setzt weitere Vorbereitungen voraus, heißt es bei BAE Systems. Während der britische Hersteller seinen Umsatzanteil in Nordamerika mit eigener Kraft auf bis zu 80 Prozent binnen drei Jahren vergrößern will und sogar einen Börsengang in New York in Betracht zieht, ist bei Boeing eigens für diesen Zweck die Ausgliederung des Rüstungsgeschäftes denkbar.
Die Konzentration auf das Pentagon könnte den europäischen Rüstungsprimus zwingen, seine Geschäftskontakte zu anderen Großkunden zu überprüfen. Schließlich ist der Hoflieferant des britischen Verteidigungsministeriums auch als Exklusiv-Ausrüster für die saudi-arabische Luftwaffe im Geschäft. Dabei profitiert der Konzern vom streng geheimen „Al Yamamah“-Abkommen, das die ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher Mitte der 80er Jahre mit der Regierung des Wüstenstaates aushandelte. Der Vertrag bescherte dem britischen Rüstungshersteller binnen zwei Jahrzehnten einen Auftragssegen von 60 Milliarden Euro und soll in den nächsten Monaten verlängert werden.