22.08.2007 · Die amerikanische Notenbank bemüht sich um eine Stabilisierung der Finanzmärkte und der Konjunktur
ctg. WASHINGTON, 22. August. Notenbanken rund um die Welt eilen den Finanzmarktakteuren zu Hilfe: Die amerikanische Federal Reserve (Fed), die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank von Japan und andere Zentralbanken haben auf Spannungen auf den Geldmärkten reagiert und den Banken zusätzliche Liquidität bereitgestellt, als deren Bereitschaft immer geringer wurde, sich untereinander Geld zu leihen. Grund der Verwerfungen auf dem Markt für Interbankenkredite ist die Krise auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt. Dort sind in den vergangenen Wochen und Monaten immer mehr Kredite faul geworden, weil Schuldner mit einer nachgewiesen schlechten Bonität ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Vor dem Hintergrund der wachsenden Verluste aus dem Hypothekengeschäft sind viele Banken risikoscheu geworden und horten ihr Geld, anstatt es zu verleihen.
Die Liquiditätsspritzen sollen ein vollständiges Austrocknen des Geldmarktes verhindern. Diese Transaktionen, welche die Fed über ihre Niederlassung in New York ausführt, geben der realen Wirtschaft allerdings keinen längerwährenden geldpolitischen Impuls. Es handelt sich um kurzfristige Geschäfte zwischen der Notenbank und den Geschäftsbanken am offenen Markt, die mit einer Rückkaufvereinbarung abgeschlossen werden. Die Fed leiht den Banken Geld und nimmt dafür Wertpapiere als Sicherheit herein. Nach wenigen Tagen zahlen die Banken das Geld, einschließlich eines Zinses, an die Fed zurück und bekommen ihre hinterlegten Wertpapiere wieder. Das zusätzliche Geld steht den Banken darum nur für eine begrenze Zeit zur Verfügung, und der Zins dafür bleibt vorerst bei 5,25 Prozent. Die Fed hat deutlich gemacht, dass sie auf diesem Wege (noch) nicht eine dauerhafte Ausweitung der umlaufenden Geldmenge erreichen will.
Etwas anders verhält es sich mit dem sogenannten Diskontfenster. Der Diskontkredit zählt ebenfalls zum Instrumentenkasten des Federal-Reserve-Systems. An diesem Fenster können sich Geschäftsbanken bei den zwölf regionalen Vertretungen der Fed kurzfristig, vielfach nur über Nacht, Geld leihen, um finanzielle Engpässe zu überwinden. Auch hier dienen Wertpapiere als Sicherheit für das Zentralbankgeld. Der Diskontzins liegt normalerweise rund 1 Prozentpunkt höher als der Geldmarktzins, um den Geschäftsbanken einen zusätzlichen Anreiz zu bieten, sich notwendige Kredite im Interbankenhandel auf dem Geldmarkt zu besorgen und nur im Notfall auf die Fed zurückzugreifen. Indem die Fed in der vergangenen Woche eine Senkung des Diskontsatzes beschloss, hat sie dem Finanzsystem einen kleinen zusätzlichen geldpolitischen Impuls gegeben. Der Zinsaufschlag für den Diskontkredit im Vergleich zum Geldmarktzins beträgt bis auf weiteres nur noch 0,5 Prozentpunkte. Die Laufzeit des Darlehens wurde auf bis zu 30 Tage verlängert. Damit ist es der Fed möglich, gezielt jenen Banken aus der Klemme zu helfen, die von der Hypothekenkrise am schwersten betroffen sind. Dies gilt umso mehr, als die Fed als Sicherheit auch Anleihen akzeptiert, die mit Forderungen aus Hypothekendarlehen besichert sind. Diese sind zuletzt sehr "illiquide" geworden, weil sie sich kaum noch verkaufen lassen.
Einen regelrechten geldpolitischen Kurswechsel hat die Fed aber bisher vermieden. Dazu müssten die Währungshüter den führenden Leitzins, den sogenannten Zielzinssatz für Tagesgeld (Federal Funds Rate), senken. Ein solcher Schritt wird von vielen Beobachtern spätestens zur nächsten Sitzung des geldpolitischen Rates der Fed am 18. September erwartet. Mit Hilfe dieses Leitzinses steuert die Notenbank über den Geldmarkt die Liquiditätsausstattung der gesamten Volkswirtschaft. Ein niedrigeres Zinsniveau auf dem Geldmarkt würde die Bedingungen auf längere Sicht verbessern, zu denen sich die Geschäftsbanken bei der Fed refinanzieren können. Damit hängt die Erwartung zusammen, dass die Banken diese günstigeren Konditionen an ihre Kunden, Unternehmen und Haushalte, weitergeben.
Die Geldpolitik wirkt auf die reale Wirtschaft auf vielfältige Weise, über sogenannte Transmissionskanäle. Große Bedeutung hat in der einschlägigen Literatur der "Zinskanal": Eine Senkung des Nominalzinses führt demnach aufgrund einer nur verzögerten Anpassung der Preise zunächst zu einem niedrigeren realen Zinssatz. Dieser niedrigere Realzins soll Investitionen lohnender machen und auch den Konsum anregen, weil es sich dann weniger lohnt, Geld zu sparen. Wie unter anderem Fed-Chef Bernanke in seinen wissenschaftlichen Arbeiten gezeigt hat, ist der "Zinskanal" nicht der einzige Übertragungsmechanismus. Wichtig ist unter anderem auch der "Vermögenskanal", in dem das Vermögen der privaten Haushalte eine zentrale Rolle für deren Konsumausgaben spielt. Die Verbindung zur Geldpolitik wird über die Beziehung zwischen Zinsen und Vermögenspreisen hergestellt: Eine Zinssenkung beispielsweise erhöht den langfristigen Wert von Vermögenswerten wie Aktien, Anleihen oder auch von Immobilien. Ein höheres Vermögen wiederum führt zu einem größeren Konsum der Haushalte und damit zu einem Wachstumsschub für die Wirtschaft. Es gilt inzwischen als sicher, dass die Senkung des Leitzinses auf nur noch 1 Prozent zwischen 2001 und 2003 den Immobilienboom angefacht und auch den Konsum angetrieben hat. Derzeit besteht allerdings die Befürchtung, es könne durch sinkende Immobilienpreise und auch durch die Kursrückschläge auf dem Aktienmarkt zu einem negativen Vermögenseffekt kommen, mit nachteiligen Folgen für das Wachstum. Die Verbraucher könnten angesichts ihrer Vermögensverluste ihren Konsum einschränken. Einem solchen Konsumknick könnte die Fed durch eine Leitzinssenkung versuchen vorzubeugen. Der Konsum trägt rund zwei Drittel zur gesamten Wirtschaftsleistung in Amerika bei.
Es ist unter Ökonomen unstrittig, dass sich mit den Mitteln der Geldpolitik das Wachstum nicht dauerhaft erhöhen lässt. Eine allzu lockere Geldpolitik führt letztlich nur zu einer höheren Inflationsrate, die ihrerseits schädlich ist für das Wachstum. Kein Einvernehmen besteht unter Fachleuten hingegen über die Möglichkeiten der Notenbank, die Konjunktur kurzfristig zu stabilisieren. Argumente, wonach dies möglich ist, beruhen auf der Annahme "klebriger Preise", die eine vorübergehende Änderung des Realzinses möglich machen. Andere Ökonomen halten selbst Versuche einer kurzfristigen Glättung der Konjunktur für sinnlos, weil ihrer Ansicht nach die Preise sich schnell anpassen.
Die Fed neigt eher zu der Auffassung, dass sich neben den Preisen zumindest kurzfristig auch das Wachstum durch die Geldpolitik beeinflussen lässt. Die Währungshüter erkennen derzeit an, dass die Schwierigkeiten auf den Finanzmärkten das Wachstum gefährden können. Noch aber haben sie Hoffnung, dass es so weit nicht kommt. Außerdem wollen sie den gefährlichen Eindruck vermeiden, sie würden nun jenen Investoren aus der Klemme helfen, die sich ohne Rücksicht auf Risiken direkt oder indirekt am Hypothekenmarkt engagiert haben. Sollte sich ihre Einschätzung bezüglich der Konjunkturrisiken ändern und sollten sie eindeutige Hinweise auf einen Wachstumsknick erhalten, werden sie die Markterwartungen bestätigen und den Leitzins senken.