12.06.2009 · Als eine Leitkultur des Gehorsams hat der Islam seine Aufklärung im europäischen Sinn noch vor sich. Aber dazu müssen zuerst die Differenzen zwischen der autoritativen islamischen und der säkularen europäischen Identität benannt werden. Ohne diese Auseinandersetzung wird es keine Integration geben.
Von Necla Kelek
Als ich gebeten wurde, den Träger des Ludwig-Börne-Preises zu bestimmen, fühlte ich mich geschmeichelt, ja selbst geehrt und sagte ja. Als ich eine Nacht darüber geschlafen hatte, war mir klar, das Ja hatte Konsequenzen. Ich musste Antworten auf zwei Fragen finden. Erstens: Was habe ich mit Börne zu tun? Zweitens: Wer soll den Preis bekommen? Die Antwort auf die zweite Frage fiel leicht, die erste war schwerer zu beantworten. Was habe ich mit Börne zu tun?
Beide haben wir ein inniges wie kritisches Verhältnis zur Religion, beide schreiben wir über die Deutschen, über Demokratie und das Fremde. Auch ich lebe in einem Land, in dem ich nicht geboren wurde, aber nicht wie Börne im Exil; er musste für seine Kritik an den deutschen Zuständen einen hohen Preis zahlen: den Verlust der Heimat. Ich hingegen werde nicht verfolgt, kann hier wie dort zu Hause, kann Türkin und Deutsche sein. Denn anders als zu Zeiten Börnes ist das Deutschland, in dem ich lebe, eine Demokratie, die einer Assimilierten möglich macht, was ihm verweigert wurde. Und das hat auch mit demjenigen zu tun, dem ich heute den Ludwig-Börne-Preis 2009 verleihen darf: Frank Schirrmacher. Dass man gerade in kontroversen Fragen den radikalen Diskurs suchen muss, um Debatten über Strittiges zu entfesseln, zeigt Ihre Arbeit: das Vertrauen auf die Kraft des Arguments, gerade auch gegenläufiger Argumente. Es ist eine Risikobereitschaft im Dienste der gesellschaftlichen Aufklärung. Vielleicht ist es das: Kontroversen erkennbar zu machen, sich mit einem fremden Blick öffentlich zu exponieren und damit notwendige Auseinandersetzungen zu provozieren, was Börne und Ihnen und mir ein gemeinsames Anliegen ist.
Ich habe mir den fremden Blick nicht erwerben müssen, er hat mich seit Kinderjahren begleitet. Aus der Großstadt Istanbul in das anatolische Dorf meiner Großmutter geschickt, wo ich mit meinen Geschwistern "geparkt" wurde, bis wir von den Eltern nach Deutschland geholt wurden; als Schulkind, das am Treiben der deutschen Freunde nur als Zuschauer vom Fenster seines Zimmers aus teilhaben konnte; als Studentin, die erkennen musste, dass das türkische Wort für Freiheit, hürriyet, etwas ganz anderes meint als libertas, erst recht etwas anderes als die Libertinage meiner Kommilitonen. Hürriyet, von dem arabischen Begriff hurriya kommend, meint ursprünglich das Gegenteil von Sklaverei: Ein Sklave wird "frei", um Allah zu dienen. Für gläubige Muslime besteht Freiheit in der bewussten Entscheidung, "den Vorschriften des Islam zu gehorchen". So wird von den Islamvereinen auch das Grundrecht auf "Religionsfreiheit" verstanden, nämlich als Recht, in diesem Land dem Islam gehorchen zu dürfen. Ein kleines Beispiel für die kulturellen Differenzen, die uns heute zu schaffen machen - aber eine Differenz mit weitreichenden Folgen.
Damit sind wir bei meinem zweiten Motiv, Frank Schirrmacher den Preis zuzusprechen: bei dem Buch "Minimum". Es sei "kein Zufall", heißt es da, "dass der Zusammenprall der Kulturen in Deutschland vor allem als Zusammenprall von Vorstellungen über die Familie erlebt wird". Und: "Heutzutage haben viele Deutsche noch kein Bewusstsein dafür entwickelt, wie sehr ihre eigene Zukunft von der Integration der hier lebenden Einwanderer und deren gesellschaftlichem Ehrgeiz abhängen wird."
Dass es grundlegende kulturelle Heterogenitäten, ja Unvereinbarkeiten sind, an denen unsere bisherige Integrationspolitik scheitert, ist in der Politik und bei den meisten Meinungsmachern noch nicht angekommen. Künftig sollen die integrationspolitischen Initiativen von acht großen bundesdeutschen Stiftungen von einem "Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration" begutachtet werden - ein Gremium, in dem im Wesentlichen wieder dieselben Migrationswissenschaftler versammelt sind, die seit Jahrzehnten die Integrationspolitik beraten und zu ihren Versäumnissen entscheidend beigetragen haben. Vor allem durch das von ihnen mit Hingabe verteidigte Bild von dem Migranten als "Opfer" - von religiöser Diskriminierung, ökonomischer Benachteiligung und sozialer Ausgrenzung. Die aufnehmende Gesellschaft sei verantwortlich dafür, dass jene, die zu uns gekommen seien, hier nicht ankämen, nicht "integriert werden". Das Passiv, in dem das Scheitern meist verbalisiert wird, ist verräterisch: Anforderungen an die Migranten gelten in solchen Kreisen als Zumutung. Die Folge: Migranten sind und bleiben die unmündigen Mündel einer mal mehr, mal weniger gelingenden, auf jeden Fall aber endlosen Sozialarbeit. Hat uns das in der Integration vorangebracht?
Bei jenen, die mit mir einen türkisch-muslimischen Familienhintergrund teilen, jedenfalls nicht: Trotz der ungeheuren Summen, die dieses Land für ihre Eingliederung und Förderung ausgibt, sind die Ergebnisse entmutigend: Sie weisen die größte Schulabbrecherquote, die geringste Abiturientenzahl, die meisten Menschen ohne Berufsausbildung, die geringste Erwerbstätigenquote und die wenigsten Selbständigen auf. Da gerade diese Gruppe demographisch stärker als andere Einwanderer zunimmt, während gleichzeitig die Noch-Mehrheitsgesellschaft rapide schrumpft, wird ihre mangelnde Integration zum zentralen Problem der ganzen Gesellschaft. Es droht, wird diese Entwicklung nicht aufgehalten, ein "Kulturabbruch", wie der Demograph Herwig Birg konstatiert. Ein Ergebnis, das mich zornig macht, weil ich weiß, wie entscheidend Menschen zu dieser Gesellschaft beitragen können, die in beiden Kulturen zu Hause sind. Und weil es Beispiele dafür gibt, dass das Ergebnis anders ausfallen kann: Die Kinder der ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam können, trotz ähnlicher sozialer und ökonomischer Bedingungen, auf stolze Integrationserfolge verweisen. Fast achtzig Prozent schließen das Gymnasium ab. Sie zeigen den eingeforderten "gesellschaftlichen Ehrgeiz", sie sehen es als ihre Aufgabe, sich aktiv zu integrieren.
Die ökonomische Lage, der Migrantenstatus oder die Ethnie können es also nicht sein, wodurch die einen zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigt sind, die anderen aber nicht. Warum sind es gerade muslimische Familien, bei denen die Integration oft nicht gelingt? Warum heiraten nur acht Prozent der in Deutschland aufgewachsenen türkischen Männer eine deutsche Frau, nur drei Prozent der Türkinnen einen deutschen Mann? Bei den Zuwanderern aus Mittel- und Südamerika sind es sechzig bis siebzig Prozent. Junge Türken in Deutschland heiraten keine Deutschen, meist nicht einmal das in Deutschland aufgewachsene türkische Mädchen von nebenan, sondern meistens werden sie verheiratet, am besten mit einer Braut, die die Mutter aus der Türkei holt. Warum diese Abgrenzung? Die Antwort finden wir nicht nur in der Tradition des jeweiligen Herkunftsgebietes, sondern auch im Koran: "Die gläubigen Frauen sind den ungläubigen Männern nicht zur Ehe erlaubt und umgekehrt."
Solange wir nicht wagen, nach dem harten Kern dieser kulturellen Differenzen zu fragen, solange wir bei der von der Migrationswissenschaft und den Islamverbänden ausgegebenen Parole bleiben, dass Integrationshindernisse "mit dem Islam nichts zu tun" haben, werden wir wie Sisyphos den schweren Stein immer wieder den Berg hinaufschleppen müssen, nur um festzustellen, dass er gleich darauf wieder unten angekommen ist.
Und so eindrucksvoll der amerikanische Präsident Obama jüngst in Kairo die Gräben zwischen den Kulturen zu überwinden suchte, indem er an Muslime, Juden und Christen als Gemeinschaften appellierte, die "im Glauben" zueinanderfinden sollten, so fehlte doch Entscheidendes: Er lobte den interreligiösen Dialog des saudischen Königs Abdullah, verlor aber kein Wort über die Scharia, die Saudi-Arabien in alle Welt zu exportieren versucht. Er lobte die Tradition der Toleranz im Islam und verwies auf das muslimisch beherrschte Andalusien vor mehr als fünfhundert Jahren; dass aber auch dort, unter den muslimischen Herrschern, die jüdische Minderheit Bürger zweiter Klasse waren, die der dhimma unterlagen, ihnen zwar Religionsfreiheit gewährt, dafür aber hohe Kopfsteuern abgefordert wurden, das sagte er nicht. Es fehlte, um es auf den Punkt zu bringen, der citizen in seiner Rede, der citoyen, dem erst die europäische Aufklärung zu seinen Freiheitsrechten verholfen hat.
Ich bin kein Politiker, ich muss meine Rede nicht an dem Gebot diplomatischer Opportunität ausrichten. Deswegen sage ich: Wer die Muslime integrieren will, wird mit ihnen über die Rechte jedes einzelnen Bürgers streiten müssen, über das Selbstbestimmungsrecht, über Freiheit und Demokratie - und damit zwangsläufig auch über Religion. Denn wir haben es beim Islam mit einer Leitkultur zu tun, für die das oberste Prinzip der Gehorsam ist - gegenüber Gott, gegenüber den Älteren als seinen Stellvertretern, gegenüber den Männern oder den Brüdern. Wer dagegen aufbegehrt, verstößt gegen die gottgegebene Ordnung. Ich spreche hier ausdrücklich nicht über den Glauben, die spirituelle Dimension des Islams, sondern über die kulturelle, soziale und politische Konstitution, die Realität des Islams, wie sie sich einerseits in Koran und Hadithen, andererseits in den Sitten, Traditionen und der Lebenspraxis manifestiert.
Wollen wir uns ernsthaft mit dieser Religion auseinandersetzen, müssen wir die autoritativen Texte ernst nehmen und uns ansehen, welche Orientierungen und "Anleitungen" für die sozialen Realitäten sie geben, welches Menschenbild sie transportieren und welches Handeln sie legitimieren. Als Gesetzesreligion beansprucht der Islam die Regelhoheit über alle Lebensbereiche. Er kennt nicht, wie der Historiker Dan Diner schreibt, den "Prozess ständiger Interpretation, Verhandlung und Verwandlung" all dessen, was wir in einer aufgeklärten Kultur entweder ins Innere der Person - ins Gewissen, in moralische Überzeugungen - verlegt oder nach außen hin entlassen und durch etablierte Institutionen regulieren.
Wir werden die strukturellen und ideologischen Hindernisse der Integration nicht beseitigen, wenn wir einem "Wunschdenken" über den Islam verhaftet bleiben, das Gewalt nur als ein Problem von Extremisten oder als falsche Auslegung einer an sich richtigen Lehre sehen will. Wenn wir die kulturellen Differenzen nicht benennen, wird über die Integrationshindernisse weiter der Schleier gebreitet.
Denn wir meinen Unterschiedliches, wenn wir dieselben Begriffe verwenden. Freiheit, Anstand, Würde, Ehre, Schande, Respekt, Dialog, das alles sind Werte und Normen, die in einer westlich-europäischen Gesellschaft mittlerweile ganz anders definiert werden als in der islamisch-türkisch-arabischen Kultur.
Das gilt auch für die Familie. Viele sehen diese "Schicksalsgemeinschaft" vom selbstgefälligen Individualismus der westlichen Wohlstandsgesellschaft bedroht, ich hingegen von der autoritär-patriarchalischen Seite. Was viele hierzulande als Vorbild für Geborgenheit und gegenseitige Fürsorge preisen, die Aufgehobenheit in der muslimischen Großfamilie, kostet in Wahrheit oft das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen. Die muslimischen Vorstellungen haben sich über Jahrhunderte mit den überlieferten archaischen Sitten der Stämme und Volksgruppen zu einer Familienkultur vermischt, die einer ganz anderen Moral folgt. Diese Familien, besser: Clans sind allzu oft "Trainingslager der Kälte und Angst". Jenen, die sich ihrem festgefügten Reglement nicht unterwerfen wollen, bleibt nur Flucht oder Rebellion. Fortsetzung auf der folgenden Seite