04.09.2009 · Radfahren in Paris? Seltsame Idee, möchte man meinen - bei dem Verkehr. Doch eine Tour mit den "Vélibs" beweist das Gegenteil. Und das haben auch die Pariser gemerkt.
Von Lena Bopp
Mein Fahrrad hat die Nummer fünf. Es ist grau, ein bisschen kantig. Es sieht aus wie eines der ganz alten, klapperigen Mofas, die man heute noch zuweilen dicht an den Straßenrand gedrängt entlangfahren sieht, so, als würden sie sich eigentlich dafür schämen, überhaupt noch in Betrieb zu sein. Mein Fahrrad dagegen macht nicht den Eindruck, als wäre es ernsthaft in seiner Stabilität bedroht. Es wiegt stattliche zweiundzwanzig Kilogramm, sieht robust und belastbar aus, und seinen Erfindern in Paris ist das Kunststück gelungen, sich einen Namen auszudenken, der ihm quasi wider besseres Wissen einen Anflug von Leichtigkeit verleiht. Es heißt "Vélib", was eine vertraut klingende Wortkomposition aus "vélo" und "liberté" ist.
In Lyon, wo es ähnliche Fahrräder schon seit dem Jahr 2005 auszuleihen gibt, hat man ihnen den Namen "Vélov" gegeben, aber "Vélib" passt besser zu Paris. Eine gewisse Freiheit und Zwanglosigkeit im Umgang mit Angelegenheiten der Straßenverkehrsordnung gehören ohnehin zum guten Ruf dieser Stadt. Und von Konflikten zwischen den Verkehrsteilnehmern um den wenigen freien Raum, den es gibt, weiß man schon aus Zeiten der Französischen Revolution zu berichten. Erst der damalige Ruf nach Bürgerrechten und der Gleichstellung des Bürgertums ebnete nämlich den Weg zur Schaffung von - justement - Bürgersteigen, welche die Sache zwar nicht viel besser machten, aber zumindest dem Baudelaireschen Flaneur einen Ort gaben, den er für sich entdecken durfte.
Der Gedanke, noch mehr Verkehrsteilnehmer auf diese Stadt loszulassen, ist deswegen auch gar nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Dort, wo man die Vorfahrt gewöhnlich demjenigen gewährt, der zuerst da war, gilt es schlicht und einfach, sich anzupassen. Und dass das funktionieren kann, zeigen die vielen Menschen, die dem "Vélib" zur Integration in das Pariser Straßenleben verholfen haben. Es sind überwiegend Männer zwischen dreißig und fünfzig Jahren, die sich morgens und abends in ihren Anzügen auf die Räder schwingen. Für sie ist das Rad in erster Linie Nutzobjekt, ein Mittel, das ihnen erlaubt, sich in der ständig von Staus und Streiks bedrohten Stadt schnell fortzubewegen. Außerdem ist es erstaunlich günstig. Ein Tagesabonnement kostet einen Euro, für ein Jahresabonnement bezahlt man neunundzwanzig Euro. In diesen Abonnements ist die erste halbe Stunde Fahrzeit inbegriffen, eine weitere kostet einen Euro, die dritte zwei Euro und die vierte vier. Es ist demnach ein Verkehrsmittel, das weniger für lange Spazierfahrten gedacht ist als für Kurzstrecken.
Dass aber gerade die vielbeschäftigten Kreise, zu deren gutem Ton es gehört, einen übervollen Terminkalender zu haben, auf die klassische Metro, auf Auto, Roller oder Taxi verzichten, hat auch damit zu tun, dass der Gebrauch der Fahrräder sie nicht mehr mit einem Imageverlust bedroht. Zunächst verlieh das "Vélib" den Menschen, die es benutzten, vielmehr eine Aura von Mut, dann von Avantgarde, und heute ist das Fahrradfahren einfach normal. Es ist so normal wie das Mülltrennen, das die Pariser seit fünf, sechs Jahren praktizieren, wie das Einkaufen von Biogemüse, der sparsame Umgang mit Energie, die Furcht vor dem Klimawandel und das Wählen der Grünen unter Führung von "Dany le Vert", Daniel Cohn-Bendit.
Das alles sind Gründe genug, sich einmal selbst in den Sattel zu wagen. Mein Fahrrad steht an der Place de la République in Reih und Glied neben guten zwei Dutzend weiterer Räder, die alle so aussehen wie meines. Vorne am Lenker ist ein solider Fahrradkorb befestigt, hinten fehlt der Gepäckträger, weil man verhindern will, dass die Menschen zu zweit auf den Rädern fahren. Auf dem breiten Lenker ist eine kleine Gebrauchsanweisung befestigt, auf der steht, was außerdem verboten ist: "Ich fahre nicht auf den Bürgersteigen, ich halte an den roten Ampeln und fahre nicht in der falschen Richtung in Einbahnstraßen."
Aber sosehr man aus anfänglichem Respekt vor dem großstädtischen Verkehr gewillt ist, sich an all diese Anweisungen zu halten, so schnell wird deutlich, dass es sich auf dem Fahrrad nicht anders verhält als zu Fuß auch. Je nach Tagesform und Gemütsverfassung kann man selbstbewusst durch eine Stadt gehen oder eben nicht, und je nachdem schubst man die anderen auf der Rolltreppe etwas zur Seite, oder man wird selbst herumgeschoben. Genauso ist das auch auf dem Rad.
Weil mich mein Weg erst über die große, vielspurige, unübersichtliche und mir auf dem Fahrrad furchteinflößend erscheinende Place de la République führt, schiebe ich mein Gefährt zunächst. Erst in der Rue du Turbigo steige ich auf und fahre mit dem sicheren Gefühl los, jeden Augenblick aus dem Sattel gehupt zu werden. Zu den ersten Fahrradfahrern in Paris möchte ich nicht gehört haben. Tu ich aber auch nicht mehr.
Mehr als 43 Millionen Mal seien die Räder seit ihrer Einführung im Juli 2007 ausgeliehen worden, so teilt es die Stadtverwaltung von Paris mit. Durchschnittlich verzeichnet man rund fünfzigtausend Vermietungen an einem Wochentag. Der Rekord liegt bei hundertachtzigtausend ausgeliehenen Rädern am 18. Oktober 2007 - das war ein Tag, an dem die Fahrer des öffentlichen Nahverkehrs in Paris in den Streik getreten waren. Unter Jugendlichen und Studenten sind die Räder außerdem in der Nacht äußerst beliebt, weil die Metro ihre Dienste meist gegen ein Uhr morgens einstellt, Nachtbusse selten fahren und Taxis teuer sind.
Deswegen sage ich mir, dass die Autofahrer in Paris die Radfahrer mittlerweile gewohnt sein müssen, und fahre am Centre Pompidou vorbei hinein ins Marais, in dessen Straßen ich mich augenblicklich verliere. Macht aber nichts. Ich nehme - unbemerkt - die erste Einbahnstraße in die falsche Richtung, was aber niemanden stört und mir zusätzlichen Mut verleiht. Ich schalte also in den dritten Gang und lenke mein Rad gen Süden über die Ile de la Cité zur Rive gauche, den Berg hinauf zum Panthéon und dann rechts hinüber zum Jardin du Luxembourg. Hier muss ich kurz anhalten, weil mich jemand zum Essen erwartet. Aber als ich wiederkomme, steht die Nummer fünf immer noch da, und ich befehle ihr, mich jetzt möglichst schnell wieder zurückzubringen. Ich habe es eilig.
Und siehe da: Ich rausche am Quai de Conti entlang und wieder ins Marais, fahre souverän in jede Einbahnstraße und ignoriere so viele rote Ampeln wie möglich. Keine Menschenseele nimmt daran Anstoß, im Gegenteil, nicht selten befinde ich mich dabei in bester Gesellschaft. Und als ich dann nach rekordverdächtigen zwölf Minuten Fahrzeit vom Jardin du Luxembourg wieder an der Place de la République lande, überkommt mich das erfrischende Gefühl, diese Stadt soeben ein weiteres Mal erobert zu haben. Und ich habe den festen Eindruck, dass mir die Stadt das gerne erlaubt hat. Offen gestanden hätte mich in Paris alles andere auch ziemlich gewundert.