Home
http://www.faz.net/-1yo-zqtl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Jeder ist seines Rahmens Schmied Genie

18.07.2008 ·  Von Hannes Hintermeier

Artikel Lesermeinungen (0)

Die Tour de France hat ein Drogenproblem. Damit ist nicht die Disziplin gemeint, den Doping-Fahndern immer ein Epo-Spritzerl nebst Hormonvertuscher voraus zu sein. Die Tour ist nebenbei eine riesige Maschine zur Anfixung der rennradaffinen Kundschaft. Ein Anti-Inflationsprogramm. Sie zeigt die Zukunft: weil der Berufsfahrer bereits im Juli auf jenem Material seine Arbeit verrichtet, das erst bei den Herbstmessen dem Publikum vorgestellt wird. Dass die Edelrenner im Fernsehen nie lang genug gezeigt werden, steigert die Begierde der Fans weiter.

Das Haben-Wollen ist das eine, das Haben-Können das andere. Mancher Rahmen, mancher Schuh wird zugeteilt, wenn man Glück hat oder sich im Herbst vormerken lässt. Wer unbedingt einen fünfstelligen Betrag ausgeben will, dem kann geholfen werden. In den oberen Preisregionen, hat man das Gefühl, sind bestimmte Rahmen künstlich verknappte Mangelware. Wer so ein Rad dann endlich hat, der pflegt es natürlich entsprechend. Hierzulande sieht man gelegentlich füllige ältere Herren an einer - hochwillkommen! - heruntergelassenen Bahnschranke fachsimplen, auch wenn die Schranke längst wieder oben ist. Das ist nicht nur mangelnde Kondition, das hat auch etwas mit Materialschonung zu tun. Ausfahrten bei feuchter Witterung schaden nur der Kette, das weiß der Kenner.

Meine Herren! Da geht es in den Mutterländern des Radsports ganz anders zu. Da radelt die Generation Rudi "Rollende Apotheke" Altig noch mit Hingabe. Eine unlängst erfolgte Stichprobe in Mittelitalien lieferte beeindruckende Belege für ungebrochenen Enthusiasmus. Die Quecksilbersäule hatte die Markierung fündunddreißig Grad unter sich gelassen. Wer nicht draußen sein musste, hielt tunlichst Siesta. Was aber offenbar nicht für die Best- und Silver-Ager auf ihren Rennmaschinen galt, die unverdrossen die Adriatica entlangkurbelten.

Italien eben. Da zählt der Rennradler noch als Verkehrsteilnehmer, denkt wehmütig der Besucher, in dessen Heimatland solche Sportler nur als Hindernis gewertet werden - vermutlich, weil sie den Gasfußhelden als schwitzendes Memento mori vor der Kühlerhaube erscheinen. Die flimmernde Hitze hätte beinahe einen Paradigmenwechsel verschleiert: Die Signori - und nur von solchen ist in diesem Genre die Rede - vertrauen nicht länger auf einheimische Produkte. Österreichische, hessische, schweizerische, amerikanische, kanadische, taiwanesische Rahmen, aber wo bleiben die Colnagos, Pinarellos, Bassos, De Rosas, Mosers, Casatis, Tommasinis? Abgeschlagen, hinausgebeutelt aus dem Wettbewerb, die Entwicklung verschlafen? Längst kommt der Löwenanteil aller Carbonrahmen aus Ostasien. Made in Taiwan, und dann mit Traditionsaufkleber zu europäischen Hochpreisen verkauft. Andere Branchen haben es vorgemacht, sind weiter weg von den seligen Zeiten der handgeschweißten Stahlrohre: Die Textilmetropole Prato ist fest in chinesischer Hand.

Die Italiener, die das herrlichste Land der Welt bewohnen und davon die längste Zeit auch überzeugt waren, haben offenbar das patriotische Gefühl eingebüßt. Sie fahren mit koreanischen Autos durch ihre Altstädte, essen Fast-food und rauchen nicht mehr, bloß weil es verboten ist. Wer so unterwegs ist, kauft auch ausländische Rahmen. Ein Hoffnungsschimmer aber glimmt noch. Wer die Nobelradboutiquen voller Titan- und Carbonpretiosen erblickt, ahnt, dass sich die papageienbunten Senioren jedes Jahr das Neueste vom Neuen zulegen. Eine solche Konsumbereitschaft bleibt beim deutschen Jedermannradler Utopie: Der träumt von der Wärmedämmung seiner Immobilie.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen