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Die Witwenklage

18.12.2009 ·  Der Zweite Weltkrieg war für die Niederlande 1945 nicht vorbei. Aber die blutigen Kolonialkämpfe der Folgejahre sind vergessen. Nun ziehen indonesische Opferangehörige gegen die ehemalige Kolonialmacht vor Gericht.

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Von Dirk Schümer

Witwen von Kriegsopfern verklagen den niederländischen Staat" - wenn dieser Tage in Holland kurzzeitig solche Schlagzeilen auftauchen, werden wohl die meisten Leser an den Zweiten Weltkrieg denken. Derzeit steht ja in Aachen der achtundachtzigjährige niederländische Nazi-Kollaborateur Heinrich Boere vor Gericht, der während der Besetzung Hollands durch die Deutschen als Mitglied eines SS-Killerkommandos drei Niederländer erschoss - und dies mit dem Hinweis auf vermeintlichen Befehlsnotstand auch freimütig zugibt. Die aktuelle Klage, endlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verantwortung für Kriegsgreuel zuzugeben, richtet sich jedoch nicht gegen den deutschen, sondern den niederländischen Staat und kommt diesmal von ganz unerwarteter Seite: Vertreten durch die Anwältin Lisbeth Zegveld, verlangen neun Frauen und ein Mann von der indonesischen Insel Java ihr Recht.

Die Rede ist von ihrem Dorf Rawagede in West-Java, wo sich am 9. Dezember 1947 das wohl übelste Massaker an der Zivilbevölkerung im indonesischen Unabhängigkeitskrieg ereignete. Auf der Suche nach dem Guerrillakrieger Lukas Kustario fielen niederländische Truppen im Dorf ein; als sie weder Waffen noch Kämpfer fanden, trieben sie die männliche Dorfbevölkerung, auch Halbwüchsige und Kranke, zusammen und schlachteten 431 Bewohner ab. Das Verbrechen wurde seinerzeit zwar in einem empörten UN-Bericht als "mitleidlos" bezeichnet, doch kamen der damalige Oberbefehlshaber und der Generalstaatsanwalt in Den Haag überein, von jeglicher Strafverfolgung abzusehen.

Die Morde von Rawagede, die in Indonesien jedes Kind in der Schule als ungesühnt kennenlernt, sind in Holland kaum bekannt. Nicht einmal der verantwortliche Major Wynen wurde jemals zur Verantwortung gezogen. Weil der niederländische Staat sich bis heute weigert, die Taten als Kriegsverbrechen anzuerkennen oder auch nur eine förmliche Entschuldigung zu erwägen, haben die Opfer nach zweiundsechzig Jahren nun den Rechtsweg eingeschlagen.

Im Ausland hat man angesichts der Dimension der deutschen Verbrechen und der entsetzlichen Deportation der niederländischen Juden beinahe vergessen, dass der Zweite Weltkrieg für die Holländer Anfang Mai 1945 nicht vorbei war, sondern in Ostasien gegen die Japaner direkt weiterging. Die hatten das niederländische Kolonialgebiet, das riesige Inselreich Indonesien, 1942 besetzt und dreihunderttausend Niederländer in Lagern festgehalten; viele wurden gefoltert, viele starben. Was lag da näher, als gleich nach dem Kriegsende in Europa Freiwillige für den Kampf in Fernost anzuwerben? Als Japan am 17. August 1945 nach dem Abwurf zweier Atombomben kapitulierte, waren 25 000 holländische Kriegsfreiwillige aus dem hungernden und ausgeplünderten Vaterland bereits unterwegs nach Indonesien. Dort hatte sich die Konstellation geändert: Unabhängigkeitskämpfer hatten im Vakuum der japanischen Kapitulation die Macht übernommen und brachten sich in Gefechten gegen britische und australische Kolonialtruppen in den Besitz immer neuer Territorien des riesigen Inselreiches.

In der Rückschau wirkt es anachronistisch, dass das kleine, im Krieg ausgeblutete Holland weiterhin die Macht über Tausende von Inseln mit einer Fläche, groß wie ganz Europa, halten wollte. Doch hatten die Niederlande seit den großen Tagen der Ostindischen Compagnie im siebzehnten Jahrhundert das lukrative Kolonialreich nicht erfolgreich zusammengehalten? Bald verschickte die Regierung Schermerhorn/Drees in großer Zahl Wehrpflichtige nach Indonesien. Dafür setzte sie 1946 eine hurtige Verfassungsänderung durch, so dass bis 1949 knapp hunderttausend junge Männer - oft gegen ihren Willen - in einen blutigen Kolonialkrieg geschickt wurden. Streiks und Demonstrationen gegen den "Fleischtransport Amsterdam-Batavia" wurden von der Polizei mit Gewalt unterdrückt. Wer sich aus Gewissensgründen weigerte, gleich nach der Besetzung durch die Deutschen selbst in ein Land militärisch einzumarschieren, wurde zu Zuchthaus verurteilt und auch später im bürgerlichen Leben niemals rehabilitiert. Wer gegen den Kolonialkrieg war, galt in Holland als Deserteur und war gesellschaftlich lebenslang erledigt - eine schlimmere Strafe, als sie die meisten niederländischen NS-Kollaborateure traf.

Dass es auf beiden Frontseiten zu Massakern und Verbrechen kam, ist inzwischen unbestritten. In Indonesien wird von Hunderttausenden von Toten unter den Aufständischen gesprochen, und die einheimischen Kämpfer organisierten sich gegen die überlegenen Streitkräfte der Kolonialmacht notgedrungen in einem Guerrillakrieg, in dem echte und vermeintliche Kollaborateure unter den eigenen Landsleuten erbarmungslos umgebracht wurden. Später kam es auch zu regelmäßigen Giftattacken gegen hochgestellte Holländer.

Indonesien fordert denn auch keine Bestrafung der niederländischen Militärs, von denen heute noch einige leben, sondern die Anerkennung der Unrechtmäßigkeit der Taten. Immerhin hatten sich 1948 nicht nur die Vereinten Nationen, sondern auch die Amerikaner vorbehaltlos auf die Seite der Republik Indonesien gestellt und sogar mit der Einstellung der Marshall-Hilfe für die Niederlande gedroht, ohne dass dies die niederländischen Angriffe beendet hätte. Dass es 1949 dann doch zum Abzug der Niederländer mit dem folgenden Exodus der Kolonialbevölkerung kam, ist wohl der Einsicht zu verdanken, dass Indonesien militärisch nicht zu halten war.

Das Interesse an den Greueln des Kolonialkriegs ist in den Niederlanden überraschend gering und kann es mit der Allgegenwart der Opfergeschichten aus der deutschen Besatzungszeit nicht entfernt aufnehmen. Die Nachricht von der Klage der Rawagede-Opfer, die in Indonesien selbst großes Aufsehen verursachte, schaffte es Anfang Dezember kaum in die Amsterdamer und Rotterdamer Medien. Unter den etablierten Parteien unterstützt einzig die radikalsozialistische SP die Forderung der Opfer nach Entschuldigung und Kompensation.

Immerhin verurteilten die niederländischen Kriegsgerichte nach dem Kolonialkrieg zweiundvierzig einfache Soldaten für individuelle Übergriffe - doch bezeichnenderweise keinen Offizier. Bei Gedenkveranstaltungen für die Opfer in Indonesien sprechen niederländische Botschafter zwar inzwischen von Bedauern, doch gab es, auch beim Staatsbesuch der Königin Beatrix 1995, keine offizielle Entschuldigung oder gar das Versprechen einer Entschädigung für die Opfer. Die mächtigen Veteranenverbände, so niederländische Medien, hätten bis heute jeden Kniefall verhindert. So erkennen die Niederlande die Unabhängigkeit Indonesiens auch erst für das Jahr 1949 an und nicht schon für 1945, wie man dies beim offiziellen Staatsfeiertag in Jakarta begeht.

Beim Totengedenken in Rawagede übergab im Jahr 2008 die private Stiftung "Ehrlich teilen" den überlebenden Opfern die Summe von jeweils fünftausend Euro. Dabei soll es nach dem Willen der Indonesier aber nicht bleiben. Dass die niederländischen Stellen die Verbrechen von Rawagede als abgeschlossen betrachten, will Anwältin Zegveld nicht gelten lassen, denn Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren nach internationalem Recht nicht - in Den Haag, dem Sitz des Internationalen Strafgerichtshofes, sollte man das eigentlich wissen. Und während die Niederlande in Japan weiter wegen einer Entschuldigung für die Greuel in japanischen Gefangenen-Camps und möglicher Entschädigungen vorfühlen, werden vor niederländischen Gerichten auch Klagen gegen Verbrechen aus der Nazi-Zeit weiterhin angenommen. Möglich, dass das gute Gedächtnis der Behörden nun auch den indonesischen Opfern niederländischer Massaker zugute kommt.

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