19.02.2010 · Kitsch und Kunst und Räuberpistole, orientalischer Basar, Flohmarkt und Oper in einem: Die gesammelten Stories von F. Scott Fitzgerald lesen sich wie ein intimer Kommentar zu seinem Leben.
Von Eva Menasse
Jedes Meisterwerk balanciert einsam auf einem riesigen Berg aus Ausschuss, abgebrochenen Experimenten, weniger gelungenen oder sogar missglückten Versionen. Es ist das Verhältnis des Diamanten zum Geröll, und dieses Verhältnis ist einer der Flüche der Künstlerexistenz. Kein Schriftsteller hat nur Meisterwerke geschrieben, ja die Fehlschläge und Mittelmäßigkeiten gehören unbedingt dazu, damit auf ihnen das Überirdische weich landen kann, so unerwartet und unkalkulierbar, wie es ihm eben passt. Und wie auch das Leben selbst nur in einigen seltenen Momenten strahlend schön und perfekt ist, so ist es ein Lebenswerk.
Diese eher unangenehme Wahrheit, die uns ja höchstens Demut lehren könnte, ist an den Erzählungen Francis Scott Fitzgeralds äußerst lehrreich zu besichtigen. Eine herrlich blauleinene, im Schuber gelieferte Ausgabe hat der Diogenes-Verlag uns beschert, fast dreitausend Seiten seiner Storys, dazu in jedem der vier Bände ein kundiges Nachwort, gefolgt von editorischen Notizen.
Was ist das? Sind das alle Erzählungen Fitzgeralds? Nein, das wären nämlich noch viel mehr. Sind es also seine besten Erzählungen? Ebenso nein, das wären nämlich viel, viel weniger. Es ist, siehe oben, Diamant mit Umgebung.
Was es aber damit zu entdecken gilt, ist ein intimer Querschnitt durch das Schaffen und die Arbeitsbedingungen dieses Autors, der im Lauf seines Lebens so hoch gestiegen und so tief gefallen ist, Stichworte Shootingstar der zwanziger Jahre, Glamourpaar mit der göttlich schönen Zelda, doch dann Zeldas schizophrene Schübe und sein Kampf mit dem Alkohol, den er mit nur vierundvierzig Jahren verlor.
Es ist bekannt, dass Fitzgerald seine Erzählungen nur selten aus Neigung, sondern zum Zwecke des Gelderwerbs geschrieben hat, denn erstens war er einer der wenigen, die sich mit dem Schreiben zeitweise die sprichwörtliche goldene Nase verdienten, zweitens gaben Zelda und er in jungen Jahren das Geld mit beiden Händen aus, und immer noch mehr, als sie hatten. Bis zu viertausend Dollar hat Scott für seine Stories bekommen, als sein Marktwert am höchsten stand; das wäre heute schon viel, aber man muss es wohl noch mindestens mit acht multiplizieren. Trotzdem oder deshalb hat er selbst seine Stories minder geachtet; sie schienen ihn von der höherstehenden Arbeit an den Romanen abzulenken, mit denen er höchstens einen Bruchteil verdiente.
Von Dorothy Parker soll der Satz stammen, wonach Fitzgerald zwar schlechte Erzählungen geschrieben haben mag, aber nie schlecht geschrieben habe. Das stimmt so sehr, dass es wehtut. Denn diese Erzählungen sind, gerade in ihrer geballten Summe, eine skurrile Erfahrung, wie eine Reise durch etwas, was orientalischer Basar, Flohmarkt und Oper in einem ist, Kitsch und Kunst und Räuberpistole.
Ehrlich, das hätten wir Fitzgerald nicht zugetraut, diese teilweise krachledernen Plots, wo Telegramme aus Übersee von Flugzeugabstürzen künden, die Heldin bricht zusammen, auf den Fuß folgt das zweite Telegramm, der Geliebte, aber bisher kalt Zurückgewiesene wurde, an eine Planke geklammert, von einem Fischerboot gerettet, und alles ist gut, sie wird ihn nun lieben bis ans Ende aller Tage.
Oder eine noch spektakulärere Variante des Lieds von den komplizierten Wegen der Liebe: Eine gelangweilte Wohlstandszicke wartet nur auf den Moment, mit einem alten Spieler durchzubrennen. Da wird Papas Yacht von einem ebenso genialen wie todtraurigen Musiker entführt, der mehrere "singende Neger" sein eigen nennt und wegen eines gigantischen Juwelencoups international gesucht wird. Die Zicke lässt sich gern entführen, und nach einer Weile ziellos auf See verguckt sie sich sogar ein bisschen in den gehetzten Musiker. So richtig heftig verliebt sie sich, als am Horizont das Kanonenboot der Zollwache auftaucht und damit Verhaftung, Gefängnis, Trennung, Tragödie zu dräuen scheinen. Doch hat der süße junge Musiker, in Wahrheit ebenfalls ein Millionärssohn, alles nur gespielt, weil er sich in die Zicke verguckt hatte, aber ahnte, die würde er nur mit Abenteuer, Exzentrik und Anrüchigkeit rumkriegen! Zum Glück ist die Zicke, nach einer Schrecksekunde, klug genug, um die falsche Entführung mitsamt den so betörend singenden kleinen Negern als künstlerische Leistung zu würdigen - Hochzeitsglocken, Vorhang.
Weitere Plots: Ein Mann, dessen Familie seit Generationen buchstäblich auf einem Diamantenberg sitzt, was unermesslichen Reichtum garantiert, aber auch mörderische Geheimhaltung erzwingt - kein Schulfreund seiner Kinder, der je in das abgeschiedene Tal voll paradiesischem Luxus zu Besuch kam, hat es lebend verlassen.
Es gibt noch mehr solcher Fälle von absoluten Räuberpistolen. Das Verrückte aber ist: Man merkt es kaum. Dazu muss man sich schon zum "professionellen Blick" zwingen, der doch im Grunde ein künstlicher ist. Den wahren Leser, der sich nur fesseln und unterhalten lassen will, umgarnt Fitzgerald mit dem Krachledernen ganz genauso reizend wie mit dem rätselhaft Kristallinen, für das er, etwa mit dem "Großen Gatsby", berühmt geworden ist. Das macht, was sonst, seine Sprache.
Noch in seinen konstruiertesten Geschichten stehen ewige Sätze. Fitzgerald vermag sein Personal mit zwei, drei ironischen Bürstenstrichen so zu charakterisieren, dass man die Sprache vor Vergnügen knistern hört: "Die wohlbehüteten Kinder der reichen Oststaaten-Familien altern früh; mit vierunddreißig war Philip Jadwin schon nicht mehr sicher, ob er überhaupt Gefühle besaß." Oder: "Es war ein großgewachsener junger Mann mit langen Tänzerbeinen und mit dem Gesicht eines alten, erfahrenen Wiesels, für das kein Hühnerstall eine uneinnehmbare Festung war." Oder: "Wie viele Amerikaner neigte er dazu, die Dinge eher zu schätzen als zu lieben. Seine Apathie entsprang weder Lebensangst noch Blasiertheit, sondern der Müdigkeit eines Menschenschlags, der seine Gewalttätigkeit erschöpft hat." Für solche Formulierungen nimmt man die unwahrscheinlichste Handlung hin.
Dennoch kommen uns diese Erzählungen heute nie ganz nahe, so als lägen sie hinter Milchglas. Das mag am Alter der Protagonisten liegen, das heutzutage einfach befremdet: Keine junge Frau ist älter als achtzehn, kein junger Mann älter als zweiundzwanzig. Fünfundzwanzigjährige, die noch Debütantenbälle besuchen, fallen da bereits auf. Der alles entscheidende Moment, der dem ganzen folgenden Leben seine Richtung gibt, scheint nur in diesen lächerlichen, blutjungen vier Jahren zu liegen, an die sich, Hand aufs Herz, kein erwachsener Mensch wirklich erinnern kann.
Fitzgerald, der jugendliche Held der "Roarin' Twenties", der übrigens mit Mitte dreißig schon weit älter aussah, muss mit dem Altern noch mehr gehadert haben als ohnehin üblich. In seinen Erzählungen werden auf Ältere jedenfalls nur despektierliche Blicke geworfen. Frauen um die vierzig sind vertratschte Matronen, Männer müde, meist dem Alkohol verfallene Nostalgiker mit "ledrigen Wangen" und Speckhüften. Eine besonders schöne und traurige Erzählung - "In deinem Alter" - handelt von einem Fünfzigjährigen, der um eine Zweiundzwanzigjährige wirbt und sich, so der Subtext, damit schon lächerlich macht, obwohl dieses Mädchen reichlich jugendlich geistlos ist. Trotzdem, es befindet sich - noch - im Paradies, dem der ältere Mann, zusammen mit dem Autor, hilflos hinterhertrauert.
Und deshalb bilden diese Erzählungen, chronologisch gelesen, eine Art Kommentar zu Fitzgeralds Leben. Die erwähnten wilden Plots gehören in die früheren Perioden, als der brillante junge Mann brillieren wollte. Später werden sie knapper und düsterer und variieren formal viel stärker, suchen sich auch, etwa mit den Filmstudios in Hollywood, die Fitzgerald als Drehbuchautor kennenlernte, neue und originell-satirische Schauplätze. In einer seiner berühmtesten Erzählungen, "Wiedersehen mit Babylon", versucht ein schlecht beleumdeter Witwer vergebens, sein bei Verwandten untergebrachtes Kind zu sich zu holen - ein kaum verdecktes, herzzerreißendes Porträt von Fitzgeralds eigener Situation, als Zelda in der Psychiatrie, die kleine Tochter Scottie bei Gouvernanten und in Internaten war.
Man wundert sich ja, dass Hollywood noch kein Fitzgerald-"Biopic" produziert hat, in dem seine wahnwitzig-symbiotische Liebesgeschichte mit Zelda, ihr dekadentes Leben voller Reisen und Partys und schließlich der Absturz in Psychiatrie, Armut und Trunksucht in so zärtliche Bilder gepackt wurden wie damals Mia Farrow und Robert Redford im "Großen Gatsby". Doch die schemenhafte autobiographische Spiegelung in seinen Werken zu entdecken, ergänzt vielleicht noch durch Pietro Citatis luziden Essay "Schön und verdammt" (ebenfalls bei Diogenes erschienen), ist natürlich die anspruchsvollere und angemessene Herangehensweise. Fitzgeralds Erzählungen sind wie ein Selbstversuch für emphatische Leser, eine bezaubernde, immens unterhaltsame, ein wenig sepia-stichige Langstrecke. Und sie beweisen: Wer schreiben kann, kann über alles schreiben.
Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Im Herbst erschien ihr Erzählungsband "Lässliche Todsünden".