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Auge in Auge mit den Dinosauriern

03.04.2009 ·  Er malte Amerikas Museen aus, seine Werke wurden millionenfach reproduziert: Wie Charles Knight die Killermaschinen der Urzeit erfand und das Bild der Vorgeschichte von Generationen prägte.

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Von Marianne Sommer

Befragt, welche Person seiner Ansicht nach unsere Vorstellung von Urgeschichte und Steinzeit am stärksten geprägt habe, gab Stephen Jay Gould, der einflussreiche Paläontologe, Evolutionsbiologe und Wissenschaftshistoriker, eine verblüffende Antwort. "Wenn wir nach dem Namen der Person suchen", so Gould, "die verantwortlich ist für unseren Begriff, unser alltägliches Verständnis von Wesen, Rang, Schönheit, Fremdheit und Faszination der Urzeitwelt, dann kann nur ein Mann diesen Titel für sich beanspruchen. Diese Person ist nicht Darwin. Der Mann heißt Charles R. Knight."

Diese erstaunliche Lobpreisung findet sich in der Jubiläumsausgabe des 1946 erstmals erschienenen Kinderbuchs "Life through the Ages", in dem Charles R. Knight den Leser in Bild und Text durch die Erdgeschichte führte. Wer hätte den Namen Charles Knight schon einmal gehört?

Den Namen Darwins kennen wir natürlich, und gelesen haben wir auch seine Schriften, einzelne Formulierungen sind zu geflügelten Worten geworden, wie etwa der berühmte "struggle for survival". Bei Knight haben wir zwar den Namen vergessen, aber jedes Kind kennt seine Bilder. Unsere Vorstellungen über vorzeitliche Tiere und Menschen hat keiner mehr geprägt als er - und er prägt sie noch immer. In Darwins Werken finden wir keine einzige Abbildung, die einen Dinosaurier, Steinzeitmenschen oder auch nur eine urzeitliche Pflanze zeigt. Knights gemalte, gedruckte und millionenfach vervielfältigte Dinosaurier, seine fossilen Säugetiere und Höhlenmenschen wirken dagegen weiter in der Wissenschaft, indem sie werdende Paläontologen inspirieren. Und sie prägten über Generationen von Paläokünstlern die Entwicklung von Pop-Art und Film.

Sprechend für die Art und Weise, wie Knight sich in den Köpfen festsetzte, ist eine Anekdote, die John Anthony Gurche, ein prominenter wissenschaftlicher Illustrator, in einem Gespräch erzählt: Er hielt als Kind ein Bild von Knight schlicht für eine Fotografie. Es zeigte einen Allosaurus, der im Begriff ist, einen Apatosaurus zu verspeisen, eine Szene, die also ein paar hundert Millionen Jahre vor der Erfindung der Fotografie liegt. Aber auch Gurches Mutter konnte sich diese lebensechte Darstellung nicht anders erklären. Gurche, der in den neunziger Jahren für Filme wie "Jurassic Park" von Steven Spielberg zur Beratung herangezogen wurde, ist also auch Knights Magie der Täuschung erlegen. Denn Knight erreichte auch ohne jene Technologien, die heute Pseudodokumentarfilme wie die BBC-Produktion "Walking with Dinosaurs" ermöglichen, eine Trompe-l'oeil-Qualität.

Der 1874 in Brooklyn geborene Knight hegte bereits als Junge eine Vorliebe für Tiere. Er war häufig im Zoo des Central Park und im New Yorker American Museum of Natural History anzutreffen, das er später selbst maßgeblich mitgestaltete. Sein Schaffen als Maler wurde dadurch erschwert, dass er nicht nur extrem kurzsichtig war, sondern in seiner Kindheit auch einen Stein ins Auge abbekommen hatte - ein Vorfall, der sein Sehvermögen zeitlebens zusätzlich stark einschränkte. Dennoch war er entschlossen, Künstler zu werden, und begann seine Ausbildung im Alter von fünfzehn Jahren in der erst kurz zuvor eröffneten Industrial Art School des Metropolitan Museum of Art. Bereits im folgenden Jahr belegte er zusätzlich Abendkurse an der Art Students' League.

Knights Lehrer hatten an der École des Beaux-Arts in Paris gelernt und unterrichteten den Stil der klassischen Meister. George de Forest Brush zum Beispiel brachte die Tradition der Historienmalerei aus den Pariser Salons nach Amerika, wo er im akademischen Stil amerikanische Ureinwohner auf die Leinwand brachte. Brushs Einfluss ist Knights prähistorischen Menschen deutlich anzusehen. Später trat Knight selbst die für Künstler obligate Europareise an und begegnete dabei Brushs ehemaligem Lehrer Jean-Léon Gérôme, einem Meister historischer und orientalischer Sujets. Auf derselben Reise traf er sich auch mit dem animalier und Bildhauer prähistorischer Figuren Emmanuel Frémiet. Schließlich werden in Knights Motiven die Spuren von Louis Figuiers Buch "La Terre avant le déluge" aus dem Jahr 1863 sichtbar - oder genauer: der darin enthaltenen Serie von Bildern, die die Vorgeschichte visualisierten. In Figuiers Auftrag hatte, wie der Wissenschaftshistoriker Martin J. S. Rudwick gezeigt hat, Édouard Riou Lithographien als Buchillustrationen angefertigt und damit ein neues Genre etabliert: Urzeitmalerei.

Aber Knights Bilder wurden nie den schönen Künsten zugerechnet, und er sah sich vor allem als Handwerker, wenn auch mit künstlerischem Anspruch. Von 1880 bis 1882 arbeitete er als Zeichner und spezialisierte sich insbesondere auf Tier- und Pflanzensujets für Kirchenbleiglasfenster. Obwohl er sich bei der Londoner Firma J. and R. Lamb wohl fühlte, wurde seine Tätigkeit dort durch den Tod des Vaters jäh beendet. Knight durchlitt die erste jener emotionalen Krisen, in die er immer wieder abtauchen sollte. Trotz des biographischen Einschnitts beschloss er, sich auf die Tiermalerei zu spezialisieren. Es gelang ihm, Aufträge zur Illustration von Kinderbüchern bei der American Book Company und auch einige Arbeiten für Zeitschriften wie "McClure's", "The Century" und "Harper's Weekly" an Land zu ziehen. Er hatte längst begonnen, zahlreiche Stunden im Bronx-Zoo zu verbringen, wo er Tiere beobachten und zeichnen konnte. Er ging auch wieder regelmäßig ins Naturkundemuseum, wo er in der Abteilung für Taxidermie, die für die Präparation toter Tiere zuständig war, Muskulatur, Skelette, Häute und Felle studierte und sich das Wissen der Museumsexperten aneignete.

Und eben in diesem Museum erhielt Knight die Gelegenheit, sich jenen Kunstbereich zu erschließen, den er von nun an - weit über seinen Tod im Jahr 1953 hinaus - dominierte: die "Restauration", wie er es nannte, fossiler Tiere und Menschen in ihren vorweltlichen Lebensräumen. Kein Zweifel, dass es dabei der amerikanische Paläontologe und spätere Museumspräsident Henry Fairfield Osborn war, der den größten Einfluss auf Knights Visualisierungen der Vorgeschichte ausübte. Von der Mitte der neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts an arbeitete Knight unter Osborns Ägide an den Ausstellungen des American Museum of Natural History zur Evolutionsgeschichte mit. Osborn überwachte jeden Schritt bei der Produktion der Figuren, Gemälde und Wandbilder. Über diese Kontrolle stellte er die Wissenschaftlichkeit von Knights Rekonstruktionen und deren Harmonie mit dem Gesamteindruck der von ihm neu geschaffenen Hallen sicher: Die Räume mit den fossilen Säugetieren eröffneten 1895, die Saurier folgten 1905 und 1924 schließlich der Mensch.

Osborn wollte die fossilen Tiere zeigen, wie sie einst gelebt hatten. Dafür revolutionierte er die Montage von Skelettabgüssen, die nun in aktiven Posen zusammengefügt wurden, und setzte Knight dazu ein, die Tiere in kleinen Gemälden, die die einzelnen Exponate begleiteten, und in großen Wandbildern zum Leben zu erwecken. Auch wenn diese Zusammenkunft von Wissenschaft und Kunst nicht immer harmonisch war, bildeten Knights Rekonstruktionen der Evolutionsgeschichte, die wissenschaftliche Fakten über ein empathisch-ästhetisches Empfinden vermittelten, das Kernstück von Osborns anschaulicher Instruktion in die Gesetze der Natur. Und eines dieser Gesetze war der Kampf ums Überleben, der den Fortschritt vom einfacheren zum komplexesten Wesen vorangetrieben zu

haben schien. Knight inszenierte ihn mit unwiderstehlicher Dramaturgie, Dynamik und Lebensechtheit.

Die immer noch anhaltende Faszination seiner Bilder für Wissenschaft und Kunst erklärt sich aus dieser Verbindung. Knight gelang es, die neuesten wissenschaftlichen Einsichten in Anatomie, Verhalten und Umwelt der ausgestorbenen Kreaturen, die Osborn und seine Mitarbeiter einbrachten, mit seinem künstlerischen Gespür für die Psychologie der Tiere, die Atmosphäre der weit zurückliegenden Vergangenheit und die Dramaturgie einer Szene zusammenzubringen. Osborn sorgte dafür, dass Knights Rekonstruktionen nicht nur in den Museumshallen sichtbar waren. Sie wurden fotografiert und im Schulunterricht eingesetzt sowie großflächig in Textbüchern und wissenschaftlichen und populären Publikationen reproduziert.

Obwohl Knights Lebenswerk größtenteils dem American Museum of Natural Historyzu verdanken ist, arbeitete er für zahlreiche weitere Museen und Institutionen, allen voran das Natural History Museum of Los Angeles County und das Chicago Field Museum of Natural History. Für Letzteres produzierte er in den Jahren 1926 bis 1930 eine Serie von achtundzwanzig Wandbildern, die die Entwicklung der Lebewesen durch die Erdzeitalter hindurch illustrieren. Sein Gesamtwerk umfasst rund achthundert Zeichnungen, einhundertfünfzig Ölgemälde und zahlreiche Skulpturen.

Als Knight nach dem Tod seines einstigen Mäzens im Jahr 1935 vom American Museum of Natural History keine Aufträge mehr erhielt, begann er seine Bilder und sein Wissen über die Evolutionsgeschichte anderweitig, nämlich in Büchern, zu verwerten. Titel wie "Before the Dawn of History" von 1935 und "Prehistoric Man: The Great Adventurer. The Saga of Man's Beginnings in Word and Picture" aus dem Jahr 1949 weisen bereits darauf hin, dass Knight Osborns Vorstellung der Evolution verinnerlicht hatte.

Dies wird insbesondere im bereits erwähnten Buch "Life through the Ages" von 1946 deutlich, in dem Knight sein Lebensthema der amerikanischen Jugend näherbrachte. Er führt die Leser vom Kambrium bis in die Zeit des Höhlenbären und des steinzeitlichen Menschen. Die Texte, die jeweils einem seitengroßen Bild gegenübergestellt werden, sind durch den Fortschrittsgedanken strukturiert. Das Aussterben der als monströse Killer beschriebenen Dinosaurier etwa war nach Knight kein großer Verlust, denn sie hatten sich als unfähig erwiesen, mit der Höherentwicklung des Lebens Schritt zu halten.

Dieses Buch war ein großer Erfolg, obwohl es bis zu einem gewissen Grad bereits beim Erscheinen veraltet war. Aus heutiger Sicht erscheinen Bilder und Text wissenschaftlich überholt. Die Dinosaurier sind nicht länger die Deppen der Vorzeit, deren die Natur rasch überdrüssig wurde. Seit den siebziger Jahren sind sie in der wissenschaftlichen Darstellung intelligenter, sozialer und angepasster geworden. Sogar ihr Aussterben scheint in Anbetracht der nahen Verwandtschaft mit den Vögeln in Frage gestellt. Dennoch leben Knights Bilder in den Köpfen jener weiter, die ihnen als Kind ausgesetzt waren und die sich nun als Wissenschaftler oder Künstler mit der Evolutionsgeschichte befassen.

Einer von ihnen ist Philip. J. Currie, Professor für Paläontologie an der kanadischen University of Alberta. Er gesteht: "Diese Bilder sind bis zum heutigen Tag tief in mein Gedächtnis eingebrannt, und Charles Knight ist der Direktor meines imaginären Museums der Dinosaurierkunst." Dass Knights Rekonstruktionen nicht allein in der Erinnerung fortwirken, sondern weiterhin die Vorstellungen von Jung und Alt prägen, wird dem Besucher des New Yorker Naturkundemuseums oder des Chicago Field Museum rasch bewusst. Noch immer zieren seine wunderbaren Bilder deren Wände. Knights Abbildungen dürften auch ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass sich, wenn wir an Dinosaurier und Höhlenmenschen denken, nicht spontan Bilder der Kooperation, Zuneigung oder wenigstens von sozialen Faulenzern einstellen.

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